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Zum Tod von Michael Lonsdale : Ein hinreißender Schuhhändler

Erkannte einen Sinn darin, dass er an Pfingsten zur Welt gekommen war: Michael Lonsdale Bild: AP

Improvisation verhieß ihm Erlösung: Michael Lonsdale war nicht nur ein Gegenspieler von James Bond, er brillierte auch in den Filmen Jacques Rivettes und François Truffauts. Nun ist er im Alter von 89 Jahren gestorben.

          3 Min.

          In Casablanca hat Michael Lonsdale das Kino kennengelernt. 1931 in Paris als Sohn eines britischen Marineoffiziers und einer Französin geboren, wurde er von seinen Eltern auf die Kanalinsel Jersey mitgenommen, nach London und 1939 nach Marokko, wo der Vater sich eine Existenz als Händler für Düngemittel aufbauen wollte, aber vom Vichy-Regime interniert wurde. Die amerikanischen Befreier brachten amerikanische Filme mit. Wegen seiner zweisprachigen Herkunft konnte Lonsdale zwischen dem französischen Autorenfilm und Hollywood hin und her springen. Die meisten Zuschauer erreichte er 1979 als Bösewicht in „Moonraker“, einem der James-Bond-Filme der Periode mit Roger Moore: 457 Millionen. Zur Premiere in New York kam Frank Sinatra. Für Lonsdale war dieser Film das Comic-Kapitel seines Lebenswerks.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Film, der ihm 2011 den César für den besten Hauptdarsteller eintrug, „Von Menschen und Göttern“, wurde in Nordafrika gedreht, nach seinen Angaben „in einer Landschaft, die ich kannte“. Er meinte nicht nur die äußere Landschaft. In seinen Worten bringt der Film von Xavier Beauvois eine Welt der Beschleunigung und eine Welt der Angst ins Gleichgewicht. Er beruht auf einer wahren Begebenheit, dem Martyrium der 1996 von islamischen Terroristen entführten Trappisten-Mönche des Marienklosters von Tibhirine im Atlas-Gebirge.

          Ein Symptombündel aus Unauffälligkeiten

          1949 kehrten Michael Lonsdale und seine Mutter heim nach Paris. Im siebten Arrondissement bezogen sie eine vom Großvater geerbte Wohnung. Später erfuhr der Enkel, dass der Großvater das Exil erzwungen hatte, weil er Michaels uneheliche Geburt als Schande empfand, mutmaßlich weil er ebenfalls schon der Spross einer außerehelichen Liaison war. Der Aufenthalt auf der Kanalinsel verdankte sich sogar einem Gnadenakt. Als Verbannungsort war eigentlich Australien vorgesehen. Weiter oben im Stammbaum soll es noch mehr geheimgehaltene Väter gegeben haben, bis hinauf zu Talleyrand. Dieses Unaussprechliche der Familiengeschichte ging nach der Vermutung des Schauspielers in seine Berufswahl ein, ließ ihn eine gewisse „Art“ ausbilden, „mich zu offenbaren, obwohl ich sehr furchtsam war“.

          „James Bond 007: Moonraker – streng geheim“ (Lewis Gilbert, 1979) Bilderstrecke
          Michael Lonsdales Rollen : Sehr furchtsam, aber bereit für Offenbarungen

          Als Befreier seines Talents erlebte er François Truffaut, der ihn 1967 in „Die Braut trug Schwarz“ und 1968 in „Geraubte Küsse“ besetzte. Im zweiten Film der Antoine-Doinel-Saga spielt Lonsdale den von ihm als Kretin charakterisierten Ehemann und Ladeninhaber Tabard, der den Menschen so eingeschnürt gegenübertritt wie die Schuhe, die er verkauft. Um herauszufinden, warum, wie er meint, alle Welt ihn hasst, sucht er keinen Psychoanalytiker auf, sondern einen Detektiv. Der großgewachsene Lonsdale nimmt Platz und überführt sich: ein Strich auf der Landkarte der Psychopathologie des Alltagslebens, spirituell abgemagert, ein Symptombündel aus Unauffälligkeiten. Eigentlich sei alles in Ordnung, berichtet er. Das Schuhgeschäft laufe gut, seit das Gehen in Mode komme. Er könne den Text für die Szene nicht lernen, hatte Lonsdale dem Regisseur gestanden. Truffauts Antwort: Dann solle er improvisieren.

          Bücher über seinen katholischen Glauben

          Das tat Lonsdale auch 1970 in Jacques Rivettes Dreizehn-Stunden-Film „Out 1“ als Chef einer Theatertruppe, die den „Gefesselten Prometheus“ einstudiert, und zu seiner Verblüffung stellte er zur gleichen Zeit fest, dass ein Kollege, der wie am Fließband Filme produzierte, sich auf dieselbe Technik oder beziehungsweise deren Abwesenheit verließ. 1969 drehte er mit Louis de Funès die Komödie „Hibernatus“ („Onkel Paul, die große Pflaume“) über einen nach Jahrzehnten im ewigen Eis aufgetauten Nordpolforscher. Für den Star sah das Drehbuch keinen vorgeschriebenen Text vor, weil er unfähig war, auch nur einen Satz fehlerfrei aufzusagen. Die Zornesausbrüche des Komikers, der über die eigene Zunge stolperte, waren ihm zweite Natur. Überrascht war Lonsdale, der die Rolle eines Professors übernommen hatte, als bei seiner Ankunft am Set die rote Lampe schon leuchtete, die anzeigte, dass die Dreharbeiten liefen. Dabei hatte er den Regisseur Édouard Molinaro doch draußen im Café gesehen! Louis de Funès war sein eigener Regisseur. „Ein wahrer Tyrann.“

          Lonsdale erzählte von sich, dass er für seine Rollen nie geübt habe – und das habe er von seiner Lehrerin Tania Balachova gelernt, einer Adeptin Konstantin Stanislawskis. Der Schauspieler solle nicht die Worte artikulieren, sondern das, was dahinter liege, den inneren Zustand der Figur, die Motive für Glück und Unglück. So improvisierte Lonsdales heilkundiger Bruder Luc für Beauvois die Antwort auf die Frage der jungen Muslimin Rabbia, woran man die Liebe erkennt. „Ich hatte nicht mehr den Eindruck, dass ich es war, der da so sprach. Es war ein anderer.“

          Priester hat Lonsdale auch in Filmen von Orson Welles, Joseph Losey, Louis Malle, Dino Risi, Milos Forman und Jean-Jacques Annaud verkörpert. Er hat Bücher über seinen katholischen Glauben geschrieben und erkannte einen Sinn darin, dass er, was er erst spät erfahren hatte, an Pfingsten zur Welt gekommen war. Sein Lieblingsfilm war „Ordet“ („Das Wort“) von Carl Theodor Dreyer aus dem Jahr 1955, „weil dort eine Auferstehung gezeigt wird, was ich sonst nie im Kino gesehen habe“. Ein Gebet erweckt die tote Mutter zum Leben. „Das ist der Triumph der Kindheit.“ Eine von Lonsdales Lieblingsautorinnen auf dem Theater und im Kino war Marguerite Duras. „Sie war eine Frau, die immer die Liebe gesucht hat, aber eine Liebe, die fast nicht mehr von dieser Welt ist, ohne dabei die Schrift zu vergessen, die für sie eine heilige Sache war.“ Es habe sie umgeworfen, wie oft in der Bibel „Es steht geschrieben“ stehe.

          Er hat nie geheiratet, weil Delphine Seyrig, die in „Geraubte Küsse“ Madame Tabard spielt, die mit Antoine Doinel eine Affäre anfängt, schon verheiratet war. In seiner Wohnung gegenüber dem Invalidendom, die Truffaut als Wohnung des Ehepaars Tabard benutzte, ist Michael Lonsdale am Montag im Alter von 89 Jahren gestorben.

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