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Zum Tod von Kurt Maetzig : Nahsicht durchs Sternrohr

Kurt Maetzig (1911-2012) Bild: picture alliance / dpa

Sein Leben erzählt von der Suche nach filmischer Freiheit. Jetzt ist er im Alter von 101 Jahren gestorben. Zum Tod des Regisseurs Kurt Maetzig.

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          Das Filmschaffen der DDR verdankte Kurt Maetzig so viel wie ihr Drama Peter Hacks. Beiden hat die Republik, der sie das Kulturleben auszurichten halfen, ihre anstrengenden Dienste gelegentlich mit Verboten entlohnt.

          Dietmar Dath
          (dda.), Feuilleton

          Als 1965 Maetzigs Film „Das Kaninchen bin ich“, eine kühle Vivisektion der politischen Strafjustiz des sozialistischen Staates, in die Kinos kommen sollte, war der Regisseur nicht irgendein Unzufriedener, sondern Urheber unbestritten herausragender Leistungen seines Fachs:

          Der antifaschistische historische Filmroman „Ehe im Schatten“ war 1947 in allen vier Berliner Sektoren gleichzeitig uraufgeführt und von Kritik wie Publikum sehr günstig aufgenommen worden; zwei monumentale Ernst-Thälmann-Epen aus der Mitte der fünfziger Jahre könnten noch heute die Schöpfer bombastischer Biopics ein paar hagiographische Tricks lehren; „Der schweigende Stern“ schließlich, eine Stanislaw-Lem-Verfilmung von 1959, gehört neben Herrmann Zschoches poetischer Wunderlichkeit „Eolomea“ von 1972 zur Handvoll derjenigen Produktionen beider deutscher Nachkriegsstaaten im Science-fiction-Genre, die vor den nach 1945 stilbestimmenden amerikanischen und sowjetischen Werken der Gattung den Reiz einer alteuropäisch-versponnenen Phantastik voraus haben.

          Seine Arbeitskraft für das Kino

          Die verständliche Selbstsicherheit, die aus dem Reichtum eines solchen Werkkatalogs erwächst, ließ Maetzig, der zu den Mitbegründern der DEFA gehörte, wohl glauben, er könne sich ein Drama über das zerstörte Leben eines der staatsgefährdenden Hetze Angeklagten und die privaten Folgen dieses juristischen Vorgangs erlauben. Das Verbot jedoch, mit dem „Das Kaninchen bin ich“ vom Publikum ferngehalten wurde, hatte Bestand bis 1990.

          Maetzig freilich fiel, wie Peter Hacks nach den Verboten von „Die Sorgen und die Macht“ und „Moritz Tassow“, nicht nachhaltig genug in Ungnade, als dass ihm die Arbeit in seinem Metier dauerhaft unmöglich gemacht worden wäre - sowohl als Künstler wie als Funktionär und Verbandspolitiker schenkte er seine Arbeitskraft dem Medium wie der Kunstform Kino, etwa als Hochschullehrer, Mitglied der Berlinale-Jury 1983 und Schirmherr der DDR-Filmklubs, aber auch auf internationalem Terrain, nicht zuletzt als Vizepräsident und seit 1979 Ehrenpräsident auf Lebenszeit der Kinobetreiber-Vereinigung FICC.

          Geboren 1911 in Berlin, hatte Maetzig in der Filmkopierfirma seines Vaters den späteren Beruf zunächst von der technischen Seite her erlernt. Ende der dreißiger Jahre ereilte ihn aufgrund der blut-antisemitischen Nürnberger Gesetze das Berufsverbot - ein Unrecht, das er noch gegen Ende des Krieges mit dem politischen Akt des Eintritts in die kriminalisierte Kommunistische Partei beantwortete. Jetzt ist Kurt Maetzig im Alter von 101 Jahren gestorben.

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