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Zum Tod von Gregory Peck : Porträt des Helden als junger Mann

Gregory Peck, 1916 - 2003

Gregory Peck, 1916 - 2003 Bild: AP

Sein Star-Appeal war das Resultat ehrlicher Arbeit. Er sei keine Primadonna, hat Gregory Peck stets betont, sondern ein fanatischer Handwerker. In seinen besten Rollen verband sich dieser Perfektionismus mit jungenhaftem Charme.

          4 Min.

          Der kleine Junge blickte zu den Männern auf, die er im Fernsehen sah. Der größte von allen war Captain Horatio Hornblower in Raoul Walshs Film "Des Königs Admiral", der in jenen Jahren gelegentlich an Sonntagnachmittagen lief. Hornblower war ein Held ohne Grausamkeit, ein Offizier ohne Furcht und Tadel. Mit seiner Fregatte "Lydia" bohrte er ein dreimal größeres Linienschiff in den Grund, dann zerstörte er eine französische Flotille in ihrem Hafen, ließ sich gefangennehmen, floh und kehrte auf einem gekaperten Boot zurück nach England. Dort wartete Lady Wellesley auf ihn, die lieblichste der Frauen.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Mann, der den Captain spielte, hieß Gregory Peck. Er hatte ein Gesicht, das nach griechischen Statuen modelliert schien, breites Kinn, volle, geschwungene Lippen, gerade Nase, starke Wangenknochen, hohe Stirn. Zugleich aber strahlte er etwas aus, das ihn dem kleinen Jungen ähnlich machte, eine gewisse Unsicherheit gegenüber anderen Menschen, die sich in einem Räuspern bemerkbar machte, welches Hornblower zumal dann hören ließ, wenn er schönen Frauen begegnete. "He-hmm." Es war, über all den Kanonendonner hinweg, das Geräusch dieses Films. Es war das Notsignal eines Jungen, der erkannt hat, daß die Kindheit zu Ende ist, und dies den anderen kleinen Jungen dieser Welt mitteilen möchte. "He-hmm." Man hat es nach Jahrzehnten noch im Ohr.

          Dies muß das Glück sein

          „Des Königs Admiral" (1951) ist nicht der wichtigste Film in Gregory Pecks Karriere und noch nicht einmal sein schönster. Aber auch in seinem schönsten Film, in William Wylers "Ein Herz und eine Krone" (1953), hält Peck als Nachrichtenreporter Joe Bradley diese Spannung zwischen Männlichkeit und Jungenhaftigkeit, die dadurch noch zauberischer zur Geltung kommt, daß auch Audrey Hepburn als Prinzessin Smitty nicht genau weiß, ob sie nun ein Mädchen sein will oder eine Frau. In der schönsten Szene des Films, die eigentlich eine Aneinanderreihung von Schnappschüssen ist, sieht man die beiden im Auto durch Rom fahren, von einer Sehenswürdigkeit zur anderen, und man begreift, daß dies das Glück sein muß, dieses Vorbeiflattern an den Schönheiten des Lebens, ohne je irgendwo hängenzubleiben, ohne sich entscheiden zu müssen für dies oder das.

          „Ein Herz und eine Krone” (1953) macht Audrey Hepburn zum Star und beschert Gregory Peck einen weiteren Publikumserfolg
          „Ein Herz und eine Krone” (1953) macht Audrey Hepburn zum Star und beschert Gregory Peck einen weiteren Publikumserfolg : Bild: dpa

          Etwas von dieser glückhaften Distanz, die man nicht mit Distanziertheit verwechseln darf, steckt auch in der Karriere des Schauspielers Peck, von dem es nicht zufällig heißt, er sei in allen seinen Rollen stets Gregory Peck geblieben und nie ganz mit einer Figur verschmolzen. So wie er sich als Ambrose Bierce am Ende von "Der alte Gringo" (1989), seinem letzten bedeutenden Film, ungerührt von seinem besten Freund erschießen läßt, um in seinen Büchern weiterzuleben, hat Peck immer ein wenig auf Abstand zu den Menschen gehalten, die er spielte; er hat mit ihnen gelitten, ohne mit ihnen zu sterben.

          Diese Zurückgenommenheit, verbunden mit einem Zittern des Blicks, das er als Schauspielschüler bei Stanislawski eingeübt hatte, machte ihn in den vierziger und fünfziger Jahren zum Prototyp des verlorenen Sohnes. In immer neuen Variationen, als irrender Priester in "Schlüssel zum Himmel" (1944), als falscher Arzt in Hitchcocks "Spellbound" (1945), als schießwütiger Rebell in "Duell in der Sonne" (1946), als Dostojewskis "Spieler" (1949) und Hemingways alter ego ("Schnee am Kilimandscharo", 1952), als rasender Ahab in "Moby Dick" (1956) und trunksüchtiger F. Scott Fitzgerald in "Die Krone des Lebens" (1959), spielte er im Grunde denselben Charakter, den Mann, der sich selbst aus den Augen verloren hat und erst in äußerster Not zu sich zurückfindet, meistens dann, wenn es zu spät ist.

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