https://www.faz.net/-gqz-16t8b

Zum Tod von Claude Chabrol : Auf den Spuren der Jäger

Der Altmeister ist tot: Claude Chabrol starb am 11. September im Alter von achtzig Jahren in Paris Bild: dpa

Die Filmwelt trauert. Claude Chabrol, einer der großen Regisseure der „Nouvelle Vague“, ist ein knappes Vierteljahr nach seinem achtzigsten Geburtstag in Paris gestorben. „Danke, Claude Chabrol, wir danken Dir für dein Kino“, rief ihm der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë nach.

          Es beginnt mit einem Haus. Einem Mietshaus in Paris, einer Villa in Versailles, einem Anwesen in Saint-Tropez, einem Stadthaus in Châteauroux. Die Kamera fährt darauf zu, oder sie blickt zwischen Baumstämmen hindurch auf die Fassade, oder sie schwenkt in den Garten - es ist ihre erste Bewegung, der Weg in die Geschichte. Und irgendwann wird in dem Haus gegessen, ein Ehepaar mit Kind sitzt am Esstisch, oder zwei Männer und eine Frau oder eine Großfamilie, eine Hochzeitsgesellschaft; das ist die zweite Bewegung, die Fahrt durch die Innenräume, um die Möbel und Tische herum.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die dritte Bewegung, die immer wiederkehrt, ist die eines Wagens: Ein Citroën fährt durch die Nacht, und drinnen sitzen Ehemann und Ehefrau, während der Geliebte draußen hinter einer Kurve wartet, um den Gatten zu erschlagen; oder es ist der Peugeot der Dorflehrerin Hélène, mit dem sie den verblutenden Schlachter Popaul ins Krankenhaus bringt; oder das Auto des Stadtrats Pierre Maury, mit dem er ins Grüne fährt, um mit der Frau des Bürgermeisters zu schlafen. Als der Pariser Anwalt Charles in den Wald von Vincennes fahren will, um die Leiche seines Nebenbuhlers, die er in den Kofferraum gestopft hat, in einem Tümpel zu versenken, stößt er auf der Périphérique mit einem Kleinlaster zusammen. Der andere Fahrer brüllt und schimpft, es gibt einen Menschenauflauf, ein Gendarm versucht, die Gemüter zu beruhigen, während die Kamera aus sicherer Entfernung zuschaut, ungerührt wie ein Flaneur. Charles kommt knapp davon, aber es ist klar, auf die Dauer hat er keine Chance.

          Ein kalter Beobachter?

          Häuser, Mahlzeiten, Autos sind die Elemente Chabrols. Der vierte Baustein ist der Mord, obwohl er eigentlich keine konstruktive, sondern eine illuminierende Funktion hat: Wo er in der Luft liegt, wie in „Das Biest muss sterben“, bringt er die Dinge zum Glänzen wie ein Fotoblitz im Dunkeln; wo er schon am Anfang passiert, wie in „Vor Einbruch der Nacht“, wirft er sein Licht über das weitere Geschehen, bis der zweite Mord den ersten aufhebt. In „Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen“, wo Tote wiederauferstehen, um ein zweites Mal zu sterben, ist alles in flackernde Finsternis getaucht, selbst das Tageslicht wirkt verschattet. Romy Schneider, hat Chabrol später erzählt, habe diese Geschichte eines mörderischen Dreiecks zu ernst genommen. Er aber auch.

          Vom Agentengenre geheilt, dem er in „Die Straße von Korinth“ ein letztes Mal sein Talent und die Schönheit von Jean Seberg hinterhergeworfen hat, macht Chabrol ab Herbst 1967 mit dem Erzählen wieder Ernst. Er ist Ende dreißig, seine frühen Erfolge liegen sieben Jahre zurück; zugleich steckt die Nouvelle Vague in der Krise, Godard, Truffaut, Rivette fliehen ins Ausland oder biedern sich bei den Studenten an, die das Kino als bürgerliche Kunstform verachten. Chabrol aber bleibt bei seinen Themen. In schneller Folge entstehen „Die Freundinnen“, „Die untreue Frau“, „Das Biest muss sterben“, „Der Schlachter“, „Vor Einbruch der Nacht“ und „Blutige Hochzeit“, die Filme, die den zweiten Höhenkamm in Chabrols Lebenswerk ausmachen, nur gelegentlich unterbrochen von künstlerischen Einbrüchen wie „Der zehnte Tag“ und „Der Riss“.

          Weitere Themen

          Neues Edel-Entree für Berliner Museumsinsel Video-Seite öffnen

          Architektonische Kunstwerk : Neues Edel-Entree für Berliner Museumsinsel

          Die James-Simon-Galerie ist fertiggestellt und soll im Sommer 2019 eröffnet werden. Das Haus soll zentrales Empfangsgebäude sein und mehrere Museen miteinander verbinden. Die Pläne stammen aus dem Berliner Büro des renommierten britischen Architekten David Chipperfield.

          Topmeldungen

          EuGH-Urteil zu Fahrverboten : Hatz auf die Autofahrer

          Städte wie Paris dürfen möglicherweise selbst nagelneuen Autos die Einfahrt künftig verbieten. Umweltaktivisten jubeln, für die große Mehrheit der Bevölkerung aber wären so umfassende Fahrverbote eine Katastrophe. Ein Kommentar.

          2:1 gegen Lazio Rom : Frankfurt spielt die perfekte Runde

          Die Eintracht holt im sechsten Spiel in der Europa League ihren sechsten Sieg. Die Partei bei Lazio Rom wird jedoch durch Krawalle, Festnahmen und Pyrotechnik überschattet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.