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Sydow in „Das siebente Siegel“ Bild: INTERFOTO

Max von Sydow ist tot : Die ganze Zärtlichkeit in seinem Gesicht

Von der Gnade, im Kino niemals jung gewesen zu sein: Zum Tod des schwedischen Schauspielers Max von Sydow.

          2 Min.

          Wenn ein Schauspieler stirbt, der so groß war wie Max von Sydow, lässt man in Gedanken noch einmal alle Rollen an sich vorbeiziehen, in denen man ihn gesehen hat – und manchmal bleibt die Suchbewegung dann bei einem Bild stehen, einer Szene, die anders ist als die anderen, intensiver, deutlicher, wie doppelt belichtet. Da ist von Sydows Auftritt – sein letzter – in „Kursk“ von Thomas Vinterberg, wo er den russischen Admiral spielt, der für die Vertuschung der U-Boot-Katastrophe verantwortlich ist, und mit dem Sohn des toten Kommandanten einen Blick wechselt, der alle politischen Manöver Lügen straft, weil er das pure Geständnis ist, die Offenbarung der Schuld. Und da ist, zwölf Jahre früher, die Sequenz in Julian Schnabels „Schmetterling und Taucherglocke“, in der er sich von Mathieu Amalric rasieren lässt: Die beiden sind Vater und Sohn, der eine ein erfolgreicher Journalist und Frauenheld, der andere ein hilfloser Greis, der den Jüngeren davon abzuhalten versucht, die gleichen Fehler wie er selbst zu begehen. In der Erinnerung ist das eine Szene von großer Zärtlichkeit, obwohl es darin, wie man beim Wiedersehen auf Youtube erkennen kann, keine wirklich liebevolle Geste gibt. Wo also kommt die Zärtlichkeit her? Sie kommt aus Von Sydows Gesicht, aus dem Ton seiner Stimme; aus winzigen atmosphärischen Ausschlägen.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In diesen Winzigkeiten war er groß. Der Mann, der sie ihm beibrachte, war zugleich sein Entdecker, denn erst mit achtundzwanzig, mit der Rolle des Ritters Antonius Block in Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“, wurde der Filmschauspieler Max von Sydow geboren. Der Ritter kehrt vom Kreuzzug in seine Heimat zurück, die von der Pest verwüstet wird; er trotzt dem Tod für die Dauer einer Schachpartie sein Leben ab; in dieser Zeit will er den Sinn des Daseins finden. Block findet ihn nicht, weil ihn selbst der Tod nicht kennt, und stirbt unerlöst. Es ist die Geschichte eines alten Mannes, und vielleicht liegt es auch an Bergman, dass von Sydow im Kino nie richtig jung gewesen ist, dass die echten Heldenrollen in seiner Karriere fehlen.

          Womöglich lag es aber auch an von Sydow selbst. Von Anfang an strahlte er Überlegenheit und Reife aus, weshalb die Ausbrüche von Gewalt, in die ihn Bergman in „Licht im Winter“ und „Die Jungfrauenquelle“ trieb, umso schockierender wirkten. Für die Filmindustrie Europas und Hollywoods dagegen verkörperte von Sydow genau das Stereotyp, das sie von ihm erwartete, ob als russischer Spion in „Brief an den Kreml“, schmallippiger Killer in „Drei Tage des Condor“, Bond-Schurke in „Sag niemals nie“, Provinzrichter in „Schnee, der auf Zedern fällt“ oder dämonischer Magnat in „Minority Report“. Wie weit der Bogen dieses Schauspielerlebens reicht, wird klar, wenn man sich vor Augen führt, dass von Sydow mit Orson Welles und mit Tom Cruise, mit Ingrid Thulin wie mit Cate Blanchett vor der Kamera gestanden hat. Am meisten hat er später die Rolle des Jesus in „Die größte Geschichte aller Zeiten“ bereut, weil sie seinem Agnostizismus widersprach. Aber dann, erklärte er vor ein paar Jahren in einem Fernsehinterview, habe ihm der tote Ingmar Bergman ein Zeichen gesandt. Seither glaube er an ein Leben nach dem Tod. Jetzt ist Max von Sydow neunzigjährig in Paris gestorben.

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