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Zum Tod von John Hurt : Dieses Gesicht war ein Rätsel

John Hurt 2013 in Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“ Bild: Picture-Alliance

Hierzulande fällt den Leuten erst, wenn sie ein Foto sehen, ein, dass sie dieses unvergessliche Gesicht natürlich gesehen haben. In England war er Weltkulturerbe. Der große Schauspieler John Hurt ist gestorben.

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          Sein Gesicht war so zerknittert, als hätte man ihn als Kind in einem Papierkorb gefunden – aber dass er mit Augenringen schon geboren worden sei, hat er geleugnet: im Gegenteil, er habe, als die Leidenschaft fürs Schauspielen kam, oft die Mädchenrollen spielen müssen, weil er so zart war und eine helle Stimme hatte.

          Claudius Seidl

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass John Hurt auch als erwachsener Mann eine angenehme, weiche, selbst in den schlimmsten Rollen warm klingende Stimme hatte, wirkte besonders spannend, wenn er die Zerknautschtheit seines Gesichts offensiv einsetzte; die Verstörung war groß, man wusste, als Kinozuschauer, nicht, an welchen der scheinbar widerstrebenden Sinneseindrücke man sich halten sollte: eine Dimension, die in synchronisierten Filmen verlorengeht.

          Ohne seine üblichen Werkzeuge

          Wie ja überhaupt John Hurt, geboren 1940 in Chesterfield in England, groß geworden auf dem Theater und in britischen Fernsehserien, schließlich weltberühmt mit amerikanischen Filmen wie „Alien“, „Heaven’s Gate“, „Midnight Express“, hier in Deutschland zu denen gehört, deren Namen sich das große Publikum nicht merken kann. Erst wenn die Leute ein Foto sehen, fällt ihnen wieder ein, dass sie dieses unvergessliche Gesicht natürlich gesehen haben, in einem Harry-Potter-Film vielleicht, oder im „Parfum“. In England dagegen wurde er verehrt wie Laurence Olivier oder Peter O’Toole; er war Weltkulturerbe, und das entsprach auch seinem Rang.

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          Das Gesicht, das zerknautschte, war ja nicht bloß Schicksal, sondern immer eine Chance; für den Zuschauer sah es so aus, als müsste es ohnehin erst in Form gebracht werden durch die Willensanstrengung dessen, der es eben trug; und so waren es die kleinen Unterschiede in der Mimik, die entschieden, ob John Hurt die richtige Besetzung für Winston Smith war, den braven Mann in „1984“. Oder doch für das genaue Gegenteil, für Adam Sutler, den Diktator in „V wie Vendetta“. Als Schurke, Irrer, Bösewicht war Hurt immer eine sichere Besetzung – ein Mann, der sich nicht besonders anstrengen musste, damit man hinter seinen Blicken eine schwarze Seele und ein paar dunkle Geheimnisse vermutete. 1976, in der Fernsehverfilmung von Robert Graves’ „Ich, Claudius“, spielte er einen verführerischen Caligula.

          David Lynch hat einmal über Hurt gesagt, er sei „der beste Schauspieler der Welt“, und er sagte das ausgerechnet, nachdem er mit Hurt jenen Film gedreht hatte, in welchem man das unverkennbare Hurt-Gesicht gar nicht sah, weil der Maskenbildner es komplett übermalt hatte. Das war „Der Elefantenmensch“, die Geschichte eines Mannes, der trotz seines monströsen Wasserkopfs und seines verwachsenen Körpers versucht, als Mensch, als kultivierter Bürger anerkannt zu werden. Es war der Film, in dem Hurt seine üblichen Werkzeuge nicht zur Verfügung standen. Für einen Oscar wurde er trotzdem nominiert. Oder eben deshalb. Dass den dann Robert De Niro bekam, ist kein Grund zur Klage. Dass Hurt jetzt keinen mehr gewinnen kann, schon. Am Freitag ist John Hurt gestorben, kurz nach seinem 77. Geburtstag.

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