https://www.faz.net/-gqz-8kx3s

Nachruf auf Gene Wilder : Der Muttersohn einer insgeheim grundgütigen Welt

Gene Wilder kann die Beine hochlegen? Das muss ja wohl ein Witz sein. Als diese Fotografie 1999 entstand, lag sein Emmy für „Will & Grace“ noch vor ihm. Bild: JOYCE DOPKEEN/The New York Times

Seine lustigsten Verrenkungen waren vielleicht Symptome eines seltsamen Glücks: Zum Tode des Schauspielers, Komikers und Regisseurs Gene Wilder.

          „Streite nie mit deiner Mutter – du könntest sie umbringen!“ Klingt wie ein Scherz. War aber keiner. Die Mutter von Jerome Silberman, der in Milwaukee aufwuchs, wo sein aus Russland eingewanderter Vater Schnickschnack wie winzige Whiskyflaschen herstellte, erlitt ihren ersten Herzinfarkt, als der Sohn acht Jahre alt war. Dieser, der sich als Schauspielschüler den Namen Gene Wilder gab, nahm sich daraufhin vor, seine Mutter zum Lachen zu bringen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Gene Wilder hat in einigen der lustigsten Filmen der Filmgeschichte mitgespielt. Es kann einen zerreißen vor Lachen, wenn in „The Producers“ von Mel Brooks sein Buchhalter Leopold Bloom just in dem Moment einen hysterischen Anfall erleidet, da ihm der Erfolg des Plans bekannt wird, Investoren für ein Hitler-Musical anzulocken, dessen Untergang am Broadway den Produzenten einen bombensicheren Überschuss bescheren soll. Bloom sagt, dass er ein Hysteriker ist und jetzt hysterisch wird. Sein Chef (Zero Mostel) versucht ihn mit zunehmend brachialen Mitteln zur Räson zu bringen, löst aber nur neue Anfälle klinischer Umschreibung der Anfälle aus. Die Zappelei springt auf den Zuschauer über, der seinerseits hysterisch wird und merkt, dass er hysterisch wird, obwohl er wohl nicht in Worte fassen könnte, was das eigentlich ist, hysterisch. Hat Gene Wilder, dem die magische Gabe der Auslösung angenehmen Gliederzuckens in die Wiege gelegt war, als Kind wohl auch einmal daran gedacht, dass der von ihm erzeugte Spaß zu kräftig für das zarte Mutterherz ausfallen könnte?

          Bereit zu distanzloser Zuwendung

          Das steht zu vermuten, denn die Leinwandperson, die der Absolvent des Actors Studio erschaffen hat, nimmt zur Welt eine Haltung ein, die auf den Begriff der Zärtlichkeit zu bringen ist. Die Bereitschaft zur distanzlosen Zuwendung spricht aus Wilders Augen, bevor er ein Wort gesagt hat. Er spielt den Unschuldigen, vom Schicksal aberwitzigerweise Behüteten, den Muttersohn einer jederzeit zu Schabernack aufgelegten, aber insgeheim grundgütigen Welt. Alle Neurosen und Verrenkungen seiner Charaktere sind vielleicht nur Symptome einer seltsamen Fähigkeit zum Glück, zum Einverstandensein mit der Welt, Anpassungsleistungen, wie wir anderen sie nicht aufbringen müssen, weil wir alle darauf eingestellt sind, uns immer missverstanden zu fühlen.

          Man betrachte die Szene aus „Young Frankenstein“ von Mel Brooks, in der Wilder als der amerikanische Enkel des Doktors nach der Ankunft auf dem Bahnhof von Transsylvanien seinem von Marty Feldman gespielten Diener Igor begegnet. Mit den Locken und den weichen Zügen ist der Titelheld dieses Schwarzweißfilms eine Figur wie von Henry James: der Jüngling aus dem milden Westen in der sinistren alten Welt. Der großäugige, wie zum Misstrauen geborene Einheimische fragt den Besucher, ob er Frankenstein sei. Der junge Frankenstein erklärt, dass der Name „Fronkenstiin“ ausgesprochen werde. Mit dieser familienhistorischen Auskunft gibt die Figur zugleich ihre religiöse respektive ethnische Herkunft zu erkennen. Die Angehörigen welcher Bevölkerungsgruppe der Vereinigten Staaten legen auch im hinterletzten Ausland beim Erstkontakt mit Ureinwohnern, deren Sprache sie nicht kennen, zuerst einmal Wert auf die korrekte, nämlich in der jüngsten Generation festgelegte Aussprache des Familiennamens? In der maßgeblich von Juden geprägten und mit den Stoffen für Verstellungs- und Verwandlungskomödien versorgten Welt des amerikanischen Humors versteht sich die Antwort von selbst.

          Zärtliche Missverständnisse: Gene Wilder und Kelly Le Brock in „The Woman in Red“ (1984).

          In der Kunstwelt des von Brooks nachgebauten Transsylvanien der alten Gruselfilme wird das natürlich nicht ausgesprochen. Hier scheint aus einem Frankenstein, der nicht als Frankenstein angeredet werden möchte, ein monströser Solipsismus zu sprechen. Aber wie sich sogleich zeigt, ist die Schimmerlosigkeit des Wissenschaftlers, der die Schöpfungstat des Großvaters wiederholen wird, mit seiner Menschlichkeit identisch. Frankenstein klopft Igor auf die Schulter und bekommt den von ihm bislang nicht bemerkten Buckel zu fassen. Und damit, ohne dass Wilder seine Hand bewegen würde, verwandelt sich die joviale Geste in eine tröstende Handlung, ein ungeheuer diskretes Streicheln. Er verspricht Igor sofort, ihn von seinem Buckel zu erlösen. Die Frage, welchen Buckel er meine, enthüllt, dass auch der Diener so ein Mensch ist wie der Meister, mit sich und der Welt im Reinen. Wer kann schon sehen, was er auf dem Rücken mit sich herumträgt?

          Romane, in denen die Liebe siegt

          Gene Wilder zeigte es uns vor elf Jahren in seinen offenherzigen Memoiren, wo er von der Demütigung als einziger jüdischer Mitschüler in einem Militärinternat in Hollywood berichtet und von den Schauspielstudien, die er als Pfleger in der psychiatrischen Abteilung eines Heereskrankenhauses in Pennsylvania betrieb. Er schrieb das Drehbuch von „Young Frankenstein“ für Marty Feldman, führte auch Regie und verfasste Romane, in denen die Liebe siegt. Am Montag ist Gene Wilder im Alter von 83 Jahren in Stamford, Connecticut, gestorben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Faust geballt, der Blick geht nach Berlin: Robert Lewandowski zieht mit dem FC Bayern ins DFB-Pokalfinale ein.

          Furioses 3:2 in Bremen : FC Bayern nach Spektakel im Pokalfinale

          Die Münchener führen im Halbfinale des DFB-Pokals lange, dann trifft Werder Bremen binnen weniger Sekunden gleich zwei Mal. Doch am Ende jubelt trotzdem der FC Bayern – Trainer Kovac stellt zudem eine beeindruckende Bestmarke auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.