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Zum Tod von Abbas Kiarostami : Wunschloses Glück auf dem Weg durch den Olivenhain

Abbas Kiarostami im Mai 2012 auf den Filmfestspielen in Cannes Bild: AP

Seine Filme waren die leisesten unter den Meisterwerken des Kinos: Zum Tod des großen iranischen Regisseurs und Lyrikers Abbas Kiarostami.

          Eines der bekanntesten Bilder der Kunstgeschichte ist ein Selbstporträt des Künstlers bei der Arbeit. Es zeigt den Maler Velázquez und die kleinen Prinzessinnen, die „meninas“, mit ihren Gespielinnen in einem Salon am spanischen Königshof. Velázquez, mit langer Mähne und elegantem Schnurrbart, schaut prüfend aus dem Bild heraus, dorthin, wo sich der Gegenstand seines unfertigen Gemäldes befindet. Wer dort steht, verrät ein Spiegel im Hintergrund des Raums: Es ist Philipp, der König von Spanien, mit seiner Frau. Wir sehen also, was der Künstler sieht - und zugleich, was jene, die er betrachtet, erblicken, während er sie malt: die ganze Geschichte des Sehens in einem einzigen Bild.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wenn man das Werk des iranischen Filmregisseurs und Schriftstellers Abbas Kiarostami grob verkürzend auf einen Begriff bringen wollte, müsste man sagen, er war der Velázquez des modernen Kinos. Wie niemand sonst seit der Erfindung des Mediums hat Kiarostami das Spiel von Sehen und Gesehenwerden, den Widerstreit von Sein und Schein, der die Essenz des Filmischen ist, in ein Bild, eine Folge von zwingenden Bildern und Szenen gefasst.

          Das Geständnis, das er bis dahin zurückgehalten hat

          Der Film, in dem ihm das gelang, was Truffaut, Fellini und all den anderen immer nur halb geglückt ist, heißt „Quer durch den Olivenhain“, und er spielt in einem gottverlassenen Dorf in den Bergen im Norden Irans. Ein Regisseur aus Teheran dreht einen Film über die Überlebenden des Erdbebens von 1990, in dem ein Liebespaar, Hossein und Tahereh, im Mittelpunkt steht. Der Darsteller Hosseins erweist sich als Fehlbesetzung, weshalb ein anderer Mann, ein Maurer, seinen Platz einnimmt. Er heißt ebenfalls Hossein, und er liebt die Darstellerin der Tahereh, die ihn abweist, weil er ihrer Großmutter, der einzigen weiteren Überlebenden der Familie, nicht reich genug ist. Der Regisseur beginnt sich für das Liebesdrama zu interessieren, er sorgt dafür, dass Hossein mit dem Mädchen allein ist, und mit seinen Augen betrachten wir auch die letzte Szene, in welcher der Maurer seiner Angebeteten endlich das Geständnis machen kann, das er bis dahin zurückgehalten hat, und sie ihm eine Antwort gibt, die wir nicht verstehen, weil zwischen uns und innen ein Olivenhain liegt. Die Dreharbeiten sind zu Ende. Im Film-im-Film werden die beiden ein Paar. In der Wirklichkeit der Fiktion ist alles noch offen.

          Kiarostami war mit diesem Film, wie mit fast allen, die er gedreht hat, nicht zufrieden, er fand, dass er selbst den Part des Regisseurs hätte spielen müssen, um die Geschichte zu beglaubigen. Aber wenn es eine Liebeserzählung gibt, in der die Bildmagie und die innere Mechanik des Kinos ungetrübt aufscheinen wie jene des Theaters in „Romeo und Julia“, dann ist es „Quer durch den Olivenhain“, dieses leiseste aller filmischen Meisterwerke.

          Vierzig Tage Arbeit an einer Szene

          Das Dorf Koker, in dem die Geschichte spielt, hatte Kiarostami 1987 bei den Recherchen für seinen Film „Wo ist das Haus meines Freundes?“ entdeckt, der von der Suche eines Jungen nach seinem Schulkameraden im Nachbarort erzählt. Vier Jahre später kam er wieder nach Koker, um jenes Dokudrama über die Folgen des Erdbebens zu drehen, an dem sein Alter Ego im „Olivenhain“ arbeitet. 1999 fuhr er abermals ins Gebirge, diesmal in ein kurdisches Dorf, wo er „Der Wind wird uns tragen“ inszenierte, eine Parabel über den Tod und die Schönheit des Alltags am Rande der bewohnten Welt. Beides gehörte für Kiarostami zusammen; seit der Begegnung mit den Erdbebenopfern, sagte er einmal, habe er nicht mehr aufhören können, über das Sterben nachzudenken.

          Sein Erweckungserlebnis hatte Kiarostami 1970, als er nach Jahren als Werbefilmer und Designer seinen ersten Kurzfilm „Brot und Gasse“ aufnahm. Der Kameramann wollte eine Szene, in der ein Junge von einem Hund gebissen wird, in einzelne Takes auflösen. Kiarostami bestand darauf, sie in einer Einstellung zu drehen, um näher am Geschehen zu sein. Die Arbeit an der Szene dauerte vierzig Tage, aber ihr Regisseur hatte mit ihr einen Weg gefunden, die traditionelle Rhetorik des Kinos zu unterlaufen. Von da an ließ er vor der Kamera alles weg, was ihn an der Selbsterforschung wie an der vorbehaltlosen Erkundung der Wirklichkeit hinderte.

          Bring ein Fenster mit

          Es gibt keine Kulissen, keine Kostüme und Spezialeffekte bei Kiarostami, und doch kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Zwei seiner Filme, „Ten“ und „Der Geschmack der Kirsche“, spielen fast gänzlich in Autos. Der eine handelt von einer geschiedenen Frau, der andere von einem Selbstmörder, und in beiden erfährt man mehr über das Leben in Iran, als man zu hoffen wagte. Zugleich ist jeder dieser Filme eine Lehrstunde über Stillstand und Bewegung im Kino, über das, was man zeigen muss, und das, was man verschweigen kann. Andere Regisseure haben diese Lektion aufgenommen: Jafar Panahi, die Symbolfigur des iranischen Films, war Kiarostamis Assistent und hat zwei seiner Drehbücher adaptiert. In Panahis Werk lebt der Blick seines Lehrers weiter.

          Dass Kiarostami nicht nur ein großer Regisseur, sondern auch ein großer Lyriker und Leser war, spürt man in vielen Momenten seiner Filme. Einer der schönsten stammt aus „Der Wind wird uns tragen“. Als der Fotograf Dourani, die Hauptfigur des Films, in einen dunklen Keller hinabsteigt, um der Frau, die dort wartet, eine Botschaft ihres Geliebten zu bringen, rezitiert er ein Gedicht der persischen Poetin Forough Farrokhzad: „Wenn Du in mein Haus kommst, Geliebter, / bring eine Lampe mit, und ein Fenster, / damit ich die frohen Leute auf der Straße sehen kann.“

          Das Haus ist jetzt still, die Verse klingen wie eine Grabinschrift. Am Montag ist Abbas Kiarostami sechsundsiebzigjährig in Paris nach längerer Krankheit gestorben.

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