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Zum Tod von Manoel de Oliveira : Ein Gesicht machte er zum Spiegel von Schicksalen

Manoel de Oliveira im Dezember 2008 in Lissabon bei den Dreharbeiten zu „Eigenheiten einer jungen Blondine“ Bild: Picture-Alliance

Sein erstes Werk war noch ein Stummfilm, sein letztes drehte er im Alter von 104 Jahren: Der portugiesische Regisseur Manoel de Oliveira ist gestorben.

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          Von guten, vor allem reifen, erfahrenen Schauspielern heißt es manchmal, sie könnten zur Not das Telefonbuch in einer szenischen Lesung zum Leben erwecken. Als Manoel de Oliveira seine Hauptdarstellerin Maria de Medeiros 1991 in seiner „Göttliche  Komödie“ mit tränenfeuchtem Gesicht aus einem Buch vorlesen ließ, war der Regisseur erfahren, reif und steinalt: geboren 1908 in Porto, war er schon in der Stummfilmzeit aktiv gewesen und hatte sich seinen Platz auf der Welt in einer Reihe von Berufen erobert, die zu dieser stürmischen Frühzeit der Kinokunst gut passen, vom Rennsport bis zur Schauspielerei.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit „Aniki Bóbó“ (1942) schuf der Portugiese ein frühes Werk dessen, was man, weil man es für eine im wesentlichen italienische Erfindung hält, meist „Neorealismo“ nennt, aber das, was an diesem Etikett die Verengung des filmischen Blicks auf die fotografische Wiedergabe der sozialen Realität meint, hat Oliveira nicht unterschrieben – sein Spektrum war weit genug, vom Dokumentarischen („O Pão“, 1959) bis zum aus reicher Vorstellungskraft geborenen Historischen („Nein oder Der vergängliche Ruhm der Herrschaft“, 1990) das ganze Spektrum des Films durch den eigenen, Objektives im Subjektiven aufhebenden Blick zu filtern.

          „Am Ufer des Flusses“ (1993), den das notorisch kurzfristige Gedächtnis der Gegenwart als Oliveiras Hauptwerk betrachtet, lebt wie alle seine Spielfilme vor allem von ebenso sicherer wie verständnisvoller Schauspielführung; wer sehen will, wie Regie aus einem Gesicht nicht nur ein Fenster zur Seele, sondern den Spiegel einer ganzen komplexen Konstellation von Figuren und Schicksalen macht, betrachte die Schicksale von Leonor Silveira als Ema in diesem Film – oder eben die Vorlesesequenz mitten in der „Göttlichen Komödie“. An diesem Donnerstag ist Manoel de Oliveira im Alter von 106 Jahren gestorben.

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