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Zum Tod von Joel Schumacher : Hellsichtig zwielichtig

  • -Aktualisiert am

Joel Schumacher beim Dreh von „Nicht auflegen!“ Bild: Picture-Alliance

Alkohol, Sex, Promiskuität und Unberechenbarkeit des Filmgeschäfts: Zum Tod des „Batman“-Regisseurs Joel Schumacher, der ein Auge für Stars hatte.

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          Die achtziger Jahre haben in der populären Kultur nicht den besten Ruf: Sie gelten als Jahrzehnt des schlechten, häufig auch übertriebenen Stils. Heute werden die verwegenen Frisuren und Kostüme von damals in erster Linie ironisch zitiert oder als Verirrungen abgetan. Joel Schumacher legte in dieser Dekade die Grundlagen für seine Karriere in Hollywood. Mit Filmen wie „St. Elmo’s Fire“, „The Lost Boys“ oder „Flatliners“ trug er wesentlich zu dem zweideutigen Kult bei, den es heute um die Eighties gibt. Stars wie Demi Moore, Julia Roberts oder Kiefer Sutherland hatten bei Schumacher frühe Rollen vor dem großen Durchbruch, und auch er selbst bekam ab 1990 zunehmend die „big deals“.

          1993 drehte Schumacher „Falling Down“ mit Michael Douglas, ein von heute aus gesehen hellsichtiges oder damals schon zwielichtiges Bild weißer, männlicher Wut über eine zunehmend desintegrierte Gesellschaft. Ein Jahr später bewies er mit „The Client“ nach einem Roman von John Grisham, dass er hochkarätige Meterware abliefern konnte. Mit „Batman Forever“ und „Batman & Robin“ bekam er schließlich die Chance, mit einer der größten Superheldenfiguren weiterzuarbeiten, nachdem Tim Burton zuvor den Ordnungshüter von Gotham City fürs Kino neu belebt hatte. Die „Batman“-Filme Schumachers gelten als Fremdkörper in der Kino-Mythologie dieser Figur: Sie waren vergleichsweise schrill, setzten eher auf extravagante Ausstattung als auf Atmosphäre. Und sie waren, jedenfalls in unübersehbaren Andeutungen, schwul.

          Weiße, männliche Wut: Michael Douglas in „Falling Down“ (1993)
          Weiße, männliche Wut: Michael Douglas in „Falling Down“ (1993) : Bild: Picture-Alliance

          Anders als der Held im Fledermauskostüm machte Joel Schumacher kein Geheimnis um seine sexuelle Identität. Als gebürtiger New Yorker, Jahrgang 1939, erlebte er die Emanzipation der Schwulenbewegung bis zu den Rückschlägen in der AIDS-Epidemie mit. Er hatte bereits eine Karriere in der Modeindustrie, als Woody Allen ihn 1973 für „Der Schläfer“ als Kostümdesigner besetzte. Zur Regie kam er in einer Zeit, in der Hollywood zunehmend den Kapitaleinsatz erhöhte und deswegen sichere Erfolgsrezepte brauchte. Mit seinem Auge für Stars lag Schumacher immer wieder richtig, so gilt er auch als Entdecker von Colin Farrell, den er in dem Vietnam-Film „Tigerland“ besetzte. Ihre Zusammenarbeit fand bei „Phone Booth“ eine Fortsetzung, einem Thriller um einen unsichtbaren Scharfschützen. Die Rückschläge, die Schumacher mit den „Batman“-Filmen erlebte, trieben ihn zu einer kontroverseren Stoffwahl, zum Beispiel bei „8mm“, einem Film über die Untergrundkultur der Snuff Movies, in denen tatsächliche Tötungen zu sehen sein sollten. Seiner Freundschaft mit David Fincher verdankt sich der Umstand, dass er zwei Folgen der Serie „House of Cards“ inszenieren konnte.

          Joel Schumacher hat immer wieder freimütig über sein Leben gesprochen, über Erfahrungen mit Alkohol und Sex im Kindesalter, über Promiskuität und die Unberechenbarkeit des Filmgeschäfts. Am Montag ist er im Alter von achtzig Jahren in New York gestorben.

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