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Zum Tod von Vangelis : Ein Magier unserer Emotionen

Der griechische Musiker und Filmkomponist Vangelis (1943 bis 2022) Bild: AFP

Vangelis hat fast jeden Tonfall in der Musik beherrscht. Der griechische Filmkomponist verwandelte Klassiker wie „Blade Runner“ und „Chariots of Fire“ in große Opern. Jetzt ist er mit 79 Jahren gestorben.

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          Natürlich wird viel geweint, wenn ein Berühmter stirbt, aber im Fall des griechischen Komponisten Vangelis werden es Meere von Tränen sein: Wie könnten seine Millionen Anhänger anders, als sich an ihre Empfindungen beim Hören seiner Filmmusiken zu erinnern und dadurch aus Wehmut, schöner Nostalgie und erinnertem Schmerz gleich doppelt zu heulen? Selbst ein politisch wacher Film wie Constantin Costa-Gavras’ packendes Verschwundenen-Drama „Missing“ (1982) mit Sissy Spacek und Jack Lemmon erhielt durch Vangelis’ emotionalen Score eine Trauergrundierung, die den gesellschaftskritischen Befund ins Allgemeinste zurückbog: Frau verliert Mann, Vater verliert Sohn. Und die ganze Welt soll wehklagen über die gerissene Lücke, die sich niemals schließen wird. Fast glauben wir, Spacek und Lemmon suchten nach dem Verschwundenen in den Straßen Santiagos noch heute.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Da hatte der Mann, der mit dem wenig karriereförderlichen Namen Evangelos Odysseas Papathanas­siou 1943 in dem griechischen Küstenstädtchen Agria geboren worden war, mit „Chariots of Fire“ (Die Stunde des Siegers, 1981) schon den Oscar für die beste Filmmusik gewonnen. Die Auszeichnung katapultierte ihn in die erste Reihe internationaler Filmkomponisten. In Interviews beteuerte er, kein Auge auf den Kommerz zu haben, sondern „der Natur und dem Kosmos“ zu folgen. Vermutlich hätte Adorno das anders gesehen, aber Kinobesucher empfanden das unverschämt eingängige D-Dur-Motiv als die schönste motivational music, die je geschrieben wurde, und ein Besuch auf Youtube zeigt einem die Dankesworte und Trauerkränze aus aller Welt.

          Erfolg ist ein überdimensionaler Stempel, der ästhetische Feinheiten verwischt. Daher lohnt es sich zu sagen, dass Vangelis fast jeden Tonfall in der Musik beherrschte: das Hymnisch-Pathetische, die mittlere Temperatur des New Age, bevor es das Wort überhaupt gab, den Schlager und auch den Nihilismus des Cabarets. Dafür mischte er Synthesizer- und Instrumentenklang mit einer Geschicklichkeit, die noch heute Nachahmer und Schüler findet. In seinen frühen Jahren in Paris schrieb er elektronische Experimentalmusik, die aus den Studios des von Pierre Boulez gegründeten IRCAM im Centre Pompidou hätte stammen können. Seine progressive Rockband „Aphrodite’s Child“ führte ihn zwischen 1968 und 1971 mit Demis Roussos zusammen, dessen glockenklare Stimme in Deutschland später für Millionenverkäufe sorgte. Da war Vangelis, den das Konventionelle langweilte, schon weitergezogen.

          Die ganze Palette seiner Möglichkeiten zeigte er im Soundtrack zu Ridley Scotts „Blade Runner“ (1982), der zu seiner ganz persönlichen Wagner-Oper wurde. Vangelis’ Sphärenklänge und selbst das Liebesmotiv enthalten immer noch einen Rest Befremden über die dunkle Zukunftswelt, das sich auch auf dem Gesicht des jungen Harrison Ford malt. Unter Vangelis’ sonstigen Filmkompositionen mag die zu Koreyoshi Kuraharas „Antarctica“ (1983) zwar nicht seine populärste sein, doch es ist seine anspruchsvollste; von der Filmakademie Japans wurde sie als beste Partitur ausgezeichnet.

          Alle Komponisten streben in ihren Werken nach Prägnanz; Vangelis hat sie tatsächlich erreicht. Eine seiner größten Leistungen ist die Aufwertung des Raums mit elektronischen Mitteln zum untrennbaren Teil der Musikwahrnehmung. Seine Echo-Effekte erzeugen die Illusion von Naturräumen, ozeanischen Weiten, fließendem und fallendem Wasser, von mächtigen Kathedralen oder gleich dem ganzen Universum, als könnte Schall sich darin ohne Luft ausbreiten und nach Durchmessung endloser Weiten zurück in unsere Ohren strömen. Jetzt ist der Musikpionier Vangelis im Alter von 79 Jahren gestorben.

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