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Ein Gesicht wie kein anderes: Michel Piccoli in Claude Sautets Film „Die Dinge des Lebens“ von 1970 Bild: ddp Images

Zum Tod von Michel Piccoli : Der Bürger und sein Gegenteil

Michel Piccoli hat siebzig Jahre lang vor der Kamera und auf der Bühne gestanden, er hat mit Hitchcock, Luis Buñuel und fast allen bedeutenden französischen Regisseuren seiner Zeit gedreht. Mit seinem Tod endet eine Epoche des Kinos.

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          Man muss aufpassen, dass man von diesem Tod nicht überwältigt wird. Denn mit ihm verglüht ein ganzes Arsenal von Erinnerungen, Bildern, Momenten, Abenden im Kino, Nächten vorm Fernseher, Begegnungen, Träumen. Eine Zeit wird versiegelt, ins Museale entrückt, die eben noch greifbar war, lebendige Vergangenheit, mit uns verbunden durch die Gegenwart seines Spiels. Trauernde neigen zu Übertreibungen, aber wenn wir irgendwann, wieder mit kühlem Kopf, gefragt werden, ob es den einen großen europäischen Filmschauspieler je wirklich gegeben hat, dann wird die Antwort lauten: Ja, es gab ihn. Sein Name war Piccoli, Michel Piccoli.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Als er die Bühne des Kinos betritt, liegt Brigitte Bardot nackt vor ihm auf dem Bett und fragt ihn ihre Körperteile ab: „Liebst du meine Brüste, meine Schenkel, meinen Bauch, meine Schultern...?“, und er antwortet: „Ja, ich liebe sie.“ Es ist 1963, der Film heißt „Die Verachtung“ und ist von Jean-Luc Godard, und Piccoli spielt, als hätte er nie etwas anderes als Hauptrollen gehabt.

          Eine Liebe zerbricht: Michel Piccoli mit Brigitte Bardot in Jean-Luc Godards „Die Verachtung“ von 1963 Bilderstrecke
          Stationen einer Karriere : Michel Piccoli, ein Leben im Film

          Er ist der Drehbuchautor Paul, der von Camille alias Bardot für einen amerikanischen Produzenten verlassen wird, aber er ist auch das Alter Ego des Regisseurs und des Zuschauers, er ist, wie sein italienisches Pendant Marcello Mastroianni, von Anfang an alle Männer in einem Mann. Die Selbstverständlichkeit, die er ausstrahlt, kann man nicht lernen, aber sie hat dennoch mit Erfahrung und Routine zu tun, mit Selbstkontrolle, sie ist, wie jede menschliche Aura, ein Bewusstseinsakt. Eine Art, „ich“ zu sagen, heller und deutlicher als alle anderen.

          Damals ist er achtunddreißig. Als Sohn einer Musikerfamilie in Paris geboren, hat er schon in vierzig Filmen und zwei Dutzend Theaterstücken mitgespielt, fast immer in kleinen Rollen: ein Offizier, ein Inspektor, ein Konsul, ein Cowboy, ein Kommunist. Die eine Ausnahme ist der Priester, Pater Lizardi, den er 1956 in Buñuels „Der Tod in diesem Garten“ spielt: eine zweideutige Figur, zerrissen zwischen Entsagung und Befreiungstheolog ie, ein erster Vorschein des Ambivalenzzauberers Piccoli. Mit Buñuel wird er noch fünf weitere Filme drehen, immer in Rollen, die zwischen dem Bürgerlichen und dem Abgründigen changieren: In „Belle de jour“ ist er der Hausfreund, der Catherine Deneuve in das Luxusbordell einführt, in dem sie ihr Unbewusstes ausleben kann, in „Die Milchstraße“ dann, noch passender, der Marquis de Sade.

          Lächeln mit einem Anflug von Schmerz

          Nach der „Verachtung“ aber ist Piccoli ein Riese seines Berufs. Er hat der nackten Bardot standgehalten, jetzt wird er mit Ikonen bombardiert: Jeanne Moreau (in Buñuels „Tagebuch einer Kammerzofe“), Anita Pallenberg (in Marco Ferreris „Dillinger ist tot“), Karin Dor und Claude Jade (in Hitchcocks „Topas“), Françoise Dorléac und abermals Catherine Deneuve (in Jacques Demys „Mädchen von Rochefort“). Aber sie alle sind nur Übergänge, Brücken auf dem Weg zu der Begegnung, die sich tiefer als jede andere in seine Karriere einschreiben wird, der Begegnung mit Romy Schneider.

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