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Zum Tod des Filmhistorikers Ronny Loewy : Ein politisch denkender Kinoenthusiast

Ronny Loewy 1946 - 2012 Bild: Werner Lott

Der Filmhistoriker und Exilforscher Ronny Loewy erforschte wie kein zweiter die Filme des Holocaust und entdeckte das jiddische Kino wieder. Jetzt ist er im Alter von 66 Jahren gestorben.

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          Sein Fachwissen war einzigartig, seine Gesprächslust unbändig, und wo auch immer es neue oder alte Filme zu sehen gab oder wo die Aussichten auf interessante, besser noch streitbare Diskussionen und gern auch etwas Glamour günstig waren, traf man ihn - in Frankfurt, wo er lebte und arbeitete, allemal, aber auch in Berlin und Jerusalem, in New York, Paris oder Budapest. Ronny Loewy, mehr als dreißig Jahre lang dem Deutschen Filmmuseum und dem Deutschen Filminstitut als Mitarbeiter und einige Zeit zu Beginn der Neunziger auch als Leiter des Kommunalen Kinos in Frankfurt verbunden, war ein Filmhistoriker ganz eigenwilliger Art. Sein Fach war die Exilforschung und die Erforschung der Filme des Holocaust, wobei er weit fasste, was für ihn dazu gehörte.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Man kann sich das anschauen bei der Internet-Datenbank der Cinematographie des Holocaust, einem gemeinsamen Projekt von Filmmuseum und Fritz Bauer Institut zur Sammlung und Dokumentation filmischer Zeugnisse, das Loewy leitete. In der Wissenschaftlichen Reihe des Fritz Bauer Instituts erschien auch eine seiner letzten Veröffentlichungen zu diesem Thema - eine Studie über outtakes aus Claude Lanzmanns „Shoah“, darunter ein elfstündiges Gespräch mit Benjamin Murmelstein („Der Letzte der Ungerechten - Der ,Judenälteste’ Benjamin Murmelstein in Filmen 1942 bis 1975“, von Loewy gemeinsam mit Katharina Rauschenberger herausgegeben). Loewy, der immer wieder auch etwas zu lachen haben wollte, gilt aber auch als Wiederentdecker des oft komödiantischen jiddischen Kinos.

          Film als Leidenschaft

          Einer seiner Lieblingsregisseure war Max Ophüls. Und ihm war auch die letzte Publikation von Loewy gewidmet, ein Band der Reihe Film-Konzepte, den er Ende letzten Jahres herausgegeben hat. Schon seine Vorbemerkung zum berühmtesten Film von Ophüls, der „Lola Montez“, ist herrlich. Nach einem Zitat aus einem Brief von Friedrich Engels an Karl Marx, in dem es darum geht, wie die Geschichte der Lola Montez Engels zu etwas Geld verhelfen könnte, schreibt Loewy: „1955, gut 100 Jahre später, werden wieder Geschäfte mit Lola Montez gemacht, dieses Mal ist es eine Handvoll Hasardeure und Geldwäscher aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz, die den Regisseur Max Ophüls ins Feuer schicken. Die schlüpfrige Sittengeschichte einer Kurtisanenkarriere als Nummernrevue in einem Zirkus wird erwartet. Ophüls liefert anderes und mehr: ein Pamphlet gegen totales Entertainment, Voyeurismus und Schadenfreude. Die Produzenten rächen sich und zertrümmern den Film.“

          Geboren wurde Ronny Loewy am 10. April 1946 in Tel Aviv. Er studierte Soziologie in Hannover und in Frankfurt, war in der Studentenbewegung aktiv und blieb ein politisch denkender Kinoenthusiast, der überall fehlen wird, wo Film und Leidenschaft in einen Satz passen. Er hatte viel zu tun, aber immer Zeit. Am 9. August ist Ronny Loewy in Frankfurt am Main gestorben.

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