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D.A. Pennebaker gestorben : Wie direkt kann Kino sein, ohne sich anzubiedern?

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Pionier des Direct Cinema: D.A. Pennebaker (1925 - 2019). Bild: AP

In „Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ zeigte er, wie nah der Film dem Leben kommen kann: Zum Tod des Dokumentarfilmers D.A. Pennebaker.

          Im Spätherbst 1968 kam es in den Vereinigten Staaten zu einer spannenden Begegnung: Jean-Luc Godard, der Star des europäischen Autorenkinos, traf auf Richard Leacock und Don Alan Pennebaker, zwei Helden des Direct Cinema. Sie wollten gemeinsam einen Film über Amerika machen, ganz aus dem Geist der Zeit, also mit Musik von Jefferson Airplane, mit den schwarzen Intellektuellen LeRoi Jones und Eldridge Cleaver, mit Tom Hayden, einem herausragenden Kopf der Linken im Land, und damals auch der Lebensgefährte von Jane Fonda. „One American Movie“ sollte die Perspektive des radikal politisierten Godard auf Amerika zeigen, und Leacock und Pennebaker sollten, mit ihrer beweglichen Kamera, gewissermaßen seine Augen sein.

          Es waren dann aber gerade die Eigenheiten dieser Kameraarbeit, die das Projekt scheitern ließen. Godard stieß sich an den vielen Zooms, dabei war das gerade das Prinzip der dokumentarischen Arbeit von Leacock und Pennebaker: immer auf den Sprung, immer geistesgegenwärtig auf die Situation zu reagieren. Pennebaker hatte diese Form einer unauffälligen Präsenz in komplexen Zusammenhängen davor mit zwei Musikfilmen etabliert: „Don’t Look Back“ kam 1967 heraus und zeigte Bob Dylan auf einer England-Tournee im Jahr 1965. „Monterey Pop“ (1968) war der offizielle Konzertfilm des Festivals vom Juni 1967 in Kalifornien, das allgemein als Höhepunkt des „Summer of Love“ galt. Pennebaker kondensierte das dreitägige Ereignis auf weniger als eineinhalb Stunden und hob die spielerisch-destruktiven Höhepunkte mit Auftritten von „The Who“ und Jimi Hendrix in einen herausragenden Moment musikalischer Transzendenz auf: Ravi Shankar war eigentlich am Sonntag ganz früh dran gewesen, in der Montage von Pennebaker kam er aber ganz zum Schluss, als eine Art Epilog, der die geläufige Dramaturgie von Konzertveranstaltern unterlief.

          Pennebaker hatte schon zu Beginn seiner Laufbahn als Dokumentarfilmer mit Musik gearbeitet. Der kurze, experimentelle „Daybreak Express“ (1953) ließ sich von einem Duke Ellington-Titel inspirieren. Don Alan Pennebaker, geboren 1925 in Evanston in Illinois als Sohn eines Fotografen, hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er bei der Marine gedient hatte, eine Weile mit frühen Computersystemen beschäftigt, wandte sich dann aber einem ganz anderen Metier zu: In den fünfziger Jahren stieß er in New York auf eine junge Filmbewegung, die ihm bald die Möglichkeit gab, sich in verschiedensten Funktion auszuprobieren. 1959 war er als Produzent bei Shirley Clarkes „Skyscraper“ involviert, in dem man ein Hochhaus an der Fifth Avenue wachsen sehen kann.

          Zu diesem Zeitpunkt war Pennebaker auch schon mit Robert Drew und Richard Leacock bekannt, mit denen er 1960 „Primary“ herausbrachte: Beobachtungen von der Kandidatur John F. Kennedys, der sich in Wisconsin um die Nominierung der Demokratischen Partei für die Präsidentenwahl bewarb. Ein Wahlkampf war geradezu ideal für die Möglichkeiten des gerade entstehenden „direct cinema“, einer Dokumentarfilmbewegung, bei der sich die Autoren zurückhielten und versuchten, so gut wie möglich auf das Geschehen einzugehen, in dem sie sich vorfanden. Pennebaker fungierte bei „Primary“ als Schnittmeister.

          1963 gründete er mit Leacock eine eigene Firma und wurde bald zu einem der gefragtesten Dokumentaristen im boomenden Musikgeschäft. Mit Bob Dylan arbeitete er mehrfach (bis heute ist nicht alles veröffentlicht), und mit David Bowie drehte er 1973 den Konzertfilm „Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“.

          Das Jahr 1976 erwies sich in den kollaborativen Zusammenhängen, an die Pennebaker gewöhnt war, als entscheidend, denn er traf Chris Hegedus, auch sie eine Filmemacherin. Das Paar heiratete 1982, und arbeitete in all den Jahren seither gemeinsam, zum Beispiel mit Depeche Mode oder 2006 mit dem Komiker und späteren Politiker Al Franken. 1993 kehrte Pennebaker mit „The War Room“ zur Politikbeobachtung seiner Anfänge zurück – mit Blick auf seine wichtigsten Berater James Carville und George Stephanopoulos werden die frühen Phasen der Präsidentschaftskandidatur von Bill Clinton gezeigt.

          Im Rückblick wird das „direkte Kino“ von D.A. Pennebaker wohl auch auf die zunehmenden Formen von „embeddedness“ hin neu zu betrachten sein. Mit den manchmal prekären Übergängen zwischen Auftragsarbeit und revelatorischen Momenten führte er das dokumentarische Kino bis nahe an die radikal abgedichteten Mediengegenwarten von heute. Am Donnerstag ist D.A. Pennebaker im Alter von 94 Jahren in Long Island gestorben.

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