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Zum Tod von HR Giger : Schwarze Spinne Schönheit

Umgeben von seinen Kreationen: HR Giger in seinem Züricher Zuhause im Januar 1995 Bild: dpa

Seine Monster haben immer noch eine Zukunft: Der Schweizer Gruselkeller-Surrealist und „Alien“-Schöpfer HR Giger ist im Alter von 74 Jahren gestorben.

          In der Popkultur bis ins hohe Alter visuell, akustisch oder atmosphärisch präsent zu bleiben, ohne sich, wie die abgegriffene Selbstoptimierungsphrase hechelt, ständig neu zu erfinden, das gelingt wohl nur Leuten, die wissen, dass der ganze ephemere Zauber, an dem sie mit ihren Werken mitwirken, sich lebenslang blind und taub an der Wand der lustvoll akzeptierten Vergänglichkeit entlangtasten muss, auf der in Blut geschrieben steht: „Only death is real.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Dies jedenfalls ist das Motto des prachtvollen Heavy-Metal-Musikers Thomas Gabriel Fischer alias Tom G. Warrior aus der Schweiz, der unter anderem mit Hellhammer, Celtic Frost und Triptykon bereits an drei unsterblichen Bands seines Genres klangbestimmend beteiligt war und im Verlauf der Jahrzehnte bei aller Morbidität und überzüchteten Todesnähe einfach nicht nachlässt – so wenig wie sein Freund HR (für Hans Rudolf oder Hansruedi) Giger je nachgelassen hat.

          Biomechanischer Pop-Okkultismus

          Dieser Künstler war der Max Ernst für Fledermäuse, der A. Paul Weber der Höllenkloake, der Hans Bellmer des Kunstledersex, und Fischer hat sich für das aktuelle Triptykon-Opus „Melana Chasmata“, schon jetzt eines der besten Metal-Alben des laufenden Jahres, deshalb in kongenialer Verschworenheit und alter Seelenbruderschaft von ihm ein angemessen greulich züngelndes, organisch giftiges, Bleigrau in Blauschwarz verwurmtes Coverbild zur Verfügung stellen lassen.

          Brandneu also, und dabei unverändert Ausdruck eines biomechanischen, visuellen Pop-Okkultismus, mit dem Giger sich nach an Kubin und Dalí geschulten Feder-Tinte-und-Kugelschreiber-Anfängen als Proto-Gothic-Graphiker der Weltnetzhaut eingeprägt hat. Seine berühmtesten Leistungen fallen wie etwa auch die Arbeiten von Mati Klarwein, Chris Foss, Jim Fitzpatrick oder Tim White in den Bereich eines zwischen Plattencovern und filmorientiertem Set Design beheimateten Gebrauchssurrealismus, der das, was sich heute mit computergenerierten Bildern anstellen lässt, mit traditionelleren Mitteln zwischen Ölfarbe, Sprühtechniken und Collage vorwegnahm – oft reicher, steiler, schartiger und seltsamer, als die Rechner das bis jetzt hinkriegen.

          Der Mann für Ridley Scott

          Das Akademische, der Hang zur illusionistischen Brillanz, ging bei Giger eine enge Verbindung zu einer selbsterdachten Philosophie ein, in der Wahn und Wirklichkeit einander nicht von den Räucherstäbchen des Stimmungsvollen vernebelt umspielten, sondern in brutalistischer Klarheit wechselseitig vergewaltigten und auffraßen. In diesem Punkt verdankt er Aleister Crowley, dem Okkultisten, der auch als Künstler dilettierte, und Austin Osman Spare, dem virtuosen Maler, der auch als Okkultist von sich reden machte, mehr als Inspiration – man darf ihn, da hätte er wohl zugestimmt, ihren entschlossensten Wiedergänger nennen.

          Ridley Scott, ein Regisseur, der sich sein ganzes Berufsleben damit beschäftigt hat, die Frage zu klären, wie man bei der optischen Erzeugung verfänglicher Stimmungen die richtige Mitte zwischen Verbergen und Enthüllen findet, hätte vor diesem Hintergrund 1979 wohl mit keinem geeigneteren Menschen an „Alien“ arbeiten können als eben mit Giger, dessen mit ausgerupften Sehnerven fest verschnürte Bildbandfassung des verbotenen Buches „Necronomicon“ aus H.P. Lovecrafts Erzählungen von kosmischem Horror zwei Jahre zuvor erschienen war. Die ektoplasmatischen Glibberfäden, keilköpfigen Nachtbeißer, gespenstisch faulen Eier und aus der Menschenbrust explodierenden Endo-Parasiten, die sich der Schweizer für Scott ausdachte, haben Generationen von Monsterbauern in nicht mehr zu zählenden Schockstreifen immer weiter verwässert.

          Aber sie funktionieren immer noch, ja sie expandieren mittlerweile in künstlerische Gattungen hinein, für die sich Giger seinerzeit nicht interessieren musste, weil es sie noch gar nicht oder erst in Ansätzen gab, nämlich das Computergame-Design und die implantatgestützte Body Art. Bald wird man sie im Genpark züchten. Am Montag ist HR Giger in Zürich gestorben.

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