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Zum Tod von Alexandra Kluge : Das Gesicht des (ganz) Jungen Deutschen Films

Besondere Umstände: Alexandra Kluge in „Abschied von gestern“ von 1966 Bild: ddp Images

Mit nur drei Rollen in den Filmen ihres Bruders wurde sie die Ikone des Jungen Deutschen Films. Bereits am 11. Juni ist Alexandra Kluge unbemerkt von der Öffentlichkeit in Berlin gestorben. Ein Nachruf.

          Den offenen Blick aus einem verschlossenen Gesicht nach draußen richten, ganz bei sich sein und dennoch angreifbar, schutzlos und doch einen Vorschein geben auf das, was Frauen möglich sein würde, wenn die Geschichte weitergeht und neue Wirklichkeiten entstehen – das konnte Alexandra Kluge wie keine andere deutsche Schauspielerin ihrer Generation. Und da gab und gibt es eine Reihe großartiger Darstellerinnen mit sehr viel mehr Rollen auf dem Buckel, wie sich schon beim völlig willkürlichen Blick in ein Register des Jungen (oder Neuen) Deutschen Films der sechziger und siebziger Jahre feststellen lässt. In Alexandra Kluges Gesicht blieb ein Potential, an das noch nicht gerührt wurde, weil die Zeit dafür noch nicht reif war.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Alexandra Kluge war so besonders vielleicht, weil sie nur vorübergehend als Schauspielerin arbeitete, gleichzeitig Medizin studierte und deshalb etwas von einer Welt jenseits des Kinos wusste. Möglicherweise auch, weil sie ausschließlich in den Filmen ihres Bruders Alexander Kluge mitspielte, in dreien, um genau zu sein. Mehr wollte sie nicht, weil sie sich nicht „verwursten lassen“ wollte, wie sie es einmal nannte. In diesen drei Filmen ist sie immer eine Forscherin im bundesdeutschen Alltag, eine Streunerin in gewisser Weise, eine Frau, die keinen Ort hat, aber nicht aufhört, danach zu suchen. In „Abschied von gestern“ (1966) sitzt sie am Ende im Gefängnis. In der „Gelegenheitsarbeit einer Sklavin“ (1973) hat sie alles falsch gemacht und verkauft vor einem Werkstor heiße Würstchen, in Flugblätter eingewickelt. Wolf Donner schrieb damals in der „Zeit“, dieser Film sei ein „Film über ein Gesicht“, nämlich das von Alexandra, die ihrem Bruder „erheblich hereingeredet“ und auf „Änderungen in ihrem Sinn“ bestanden habe. „Das Ergebnis gibt ihr recht.“ Und in „Macht der Gefühle“ (1983) zieht sie sich an die Peripherie zurück, während Hannelore Hoger ins Zentrum tritt.

          Ein Hadern mit der Geschichte und der Tradition

          Zwischen diesen drei Filmen liegen siebzehn Jahre, Jahre, in denen Alexander Kluge seine Methode der Ton-Text-Collage verfeinerte, den unverwechselbaren Kluge-Ton schuf und eine Autorität für Geschichtsbetrachtung von schräg unten wurde – und Alexandra Kluge eine engagierte Ärztin.

          Über die Jahrzehnte hinweg zeigt sich allerdings, auch mit drei Rollen, wenn es die richtigen sind, lässt sich ein unerschütterlicher Eindruck machen. Das Gesicht der Alexandra Kluge erzählt uns immer noch von Möglichkeiten, für die die Zeit noch nicht reif ist.

          „Uns trennt kein Abgrund von gestern, sondern die veränderte Lage.“ Das ist der Titelsatz von „Abschied von gestern“, dem Film vorgeschaltet wie ein Motto. Die veränderte Lage führte nun dazu, dass der Tod von Alexandra Kluge einige Wochen lang von der Öffentlichkeit unbemerkt geblieben ist. Doch wir sollten uns an sie und an dieses Gesicht erinnern, das damals, als das junge deutsche Kino gerade im Entstehen begriffen war, ikonisch wurde und für einen Neuanfang stand, für ein Hadern mit der Geschichte und der Tradition, die das Kino so wenig los wurde wie das Land, für einen Aufbruch der Frauen zumal. Alexandra Kluge, am 2. April 1937 in Halberstadt geboren wie ihr Bruder, lebte zuletzt zurückgezogen. Sie starb am 11. Juni in Berlin.

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