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Zum Start der Berlinale 2019 : Ein Familienfest mit vierhundert Gästen

Wieder weiß man fast nichts über das, was auf der Berlinale gezeigt wird. Bild: Reuters

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin erinnern in diesem Jahr an ein Familienfest: Dieter Kosslick hört auf. Fatih Akin und Juliette Binoche kommen zurück. Und mit ein wenig Glück gibt es auch etwas zu lachen.

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          In diesem Jahr hat das Programm der Internationalen Filmfestspiele Berlin, die heute Abend beginnen und mit der Vergabe zahlreicher Bären am Samstag, dem 16.Februar enden, die Anmutung einer Einladung zu einem Familienfest. Wobei die erweiterte Familie gemeint ist, jene Verwandten, unter denen möglicherweise noch jemand ist, der zu überraschen vermag, oder eine, die ohne Wissen aller Übrigen eine komplette Charakterveränderung durchgemacht hat.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zur letzten Berlinale des langjährigen Festivaldirektors Dieter Kosslick werden also viele anreisen, die schon früher einmal hier waren, wenn auch nicht unbedingt im Wettbewerb wie Fatih Akin, der vor fünfzehn Jahren mit „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären gewann und diesmal mit seiner Verfilmung des Heinz-Strunk-Romans „Der Goldene Handschuh“ antritt, der den Fall des Frauenmörders Fritz Honka aufrollt. Auch die Dänin Lone Scherfig, deren „The Kindness of Strangers“ am Donnerstagabend das Festival eröffnet, war schon wiederholt bei der Berlinale, wie auch Agnieszka Holland, Isabel Coixet, Zhang Yimou, François Ozon, Wang Quan’an, Denis Coté, Angela Schanelec, Emin Alper, Wang Xiaoshuai, Agnès Varda und andere. Und auch Juliette Binoche gehört, seitdem sie noch im vergangenen Jahrhundert mit „Der englische Patient“ zum ersten Mal anreiste, zur Familie. In diesem Jahr wird sie als Jurypräsidentin das zweite Gesicht des Festivals neben Kosslick sein und außerdem auch auf der Leinwand auftauchen – als Frau hinter der perfekten Illusion eines gefälschten Facebook-Profils. Vermutlich wird es irgendwo eine Party geben, bei der diese Künstler den Direktor der Veranstaltung hochleben lassen, dem sie einiges zu verdanken haben. Jedenfalls sollte es so sein.

          Kommen Frauen vor?

          Seit Jahren heißt es, die Berlinale sei zu groß. Mit etwa vierhundert Filmen quer durch alle Programmsektionen ist das auch in diesem Jahr wieder so. Aber ließe sich die Sache nicht auch andersherum betrachten? Ist nicht eine riesige Auswahl zu preisen, eine Vielfalt in jeder Hinsicht, selbst bei der jährlich immer noch nötigen Frage: Kommen Frauen vor? Der mazedonische Wettbewerbsbeitrag von Teona Strugar Mitevska „Gospod postoi, imeto l’e Petrunija“ gibt möglicherweise eine verblüffende Antwort: Es gibt einen Gott, und sie heißt Petrunija. Numerisch ausgedrückt: Siebzehn Filme konkurrieren im Wettbewerb um die Bären. Sieben davon haben Regisseurinnen gedreht. Angesichts einer durchschnittlichen Filmemacherinnenquote von vierzehn Prozent in den Kosslick-Jahren 2002 bis 2019 – zu der sich die Berlinale von 0,7 Prozent Frauenanteil am Wettbewerb in den ersten zehn Jahren ihres Daseins zwischen 1951 und 1960 hochgearbeitet hat – eine ganz gute Zahl.

          Vielleicht ist das die Spur, die im letzten Jahr gelegt wurde, als im Zusammenhang mit der #MeToo-Debatte an jeder Ecke und nach vielen Filmen über die Beteiligung von Frauen an der Kunst und am Geschäft diskutiert wurde. Zum Erbe von Dieter Kosslick gehört auch, dass er diesen Fragen bei seinem Festival Raum gegeben hat und dass die Diskussionen darüber Folgen haben, was die Berlinale dann doch erheblich von Cannes etwa unterscheidet. Und auch in diesem Jahr bietet sie wieder den Rahmen für Veranstaltungen zum Thema, etwa einen runden Tisch, den das Auswärtige Amt mit Pro Quote und Women in Hollywood veranstaltet. Ziel ist die internationale Vernetzung diverser Organisationen von Frauen im Filmgeschäft.

          Wie immer bei Festivalfilmen weiß man vorher fast nichts über sie. Außer, wer sie gedreht hat, wer mitspielt, aus welcher Weltgegend sie kommen und was ungefähr ihr Thema ist. Es werden, das immerhin lässt sich nach Lektüre der Inhaltsangaben sagen, vermutlich fast alle Konflikte zur Darstellung kommen, mit denen die Welt zu tun hat. Nur wenn wir Glück haben, gibt es zwischendurch auch etwas zu lachen.

          Aus deutscher Sicht ist dies mengenmäßig ein gutes Jahr. Drei Filme im Wettbewerb, dazu eine Retrospektive, die sich – endlich! – mit dem Werk von deutschen Filmemacherinnen auseinandersetzt. Sie schlägt einen Bogen vom ersten großen Kinoerfolg der May Spils („Zur Sache, Schätzchen“ aus dem Jahr 1968) und Ula Stöckls „Neun Leben hat die Katze“ über Helga Reidemeisters „Von wegen Schicksal“ und Defa-Filme wie Iris Gusners „Die Taube auf dem Dach“ bis hin zu Dokumentationen aus den Neunzigern. Es sind zum Großteil Filme, die bei Filmerbediskussionen bisher außen vor blieben, die oft nicht gesammelt und nicht archivarisch gepflegt wurden. Das ändert sich jetzt, und auch das gehört zum Erbe der Ära Kosslick.

          In seinem letzten Jahr als Festivaldirektor macht Dieter Kosslick nicht alles anders als zuvor, trotz der Kritik, die er hat einstecken müssen. Als Oberhaupt beim großen Familientreffen muss er verlässlich sein, in jeder Hinsicht. Es könnte ein wenig wehmütig zugehen, vielleicht aber auch erleichtert und befreit. Befreit, das wäre was.

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