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Fanny Ardant zum Siebzigsten : Die Lektion der Schönheit

Fanny Ardant im Jahr 2002 mit Virginie Ledoyen in François Ozons „8 Frauen“ Bild: Picture-Alliance / United Archives

Die Rollen, in denen sie immer noch unwiderstehlich ist, sind die, in denen sie aus der Rolle fallen darf: Zum siebzigsten Geburtstag der französischen Schauspielerin Fanny Ardant.

          Man kann sie sich nur schwer als junges Mädchen vorstellen. So, wie sie spielt, war sie immer schon erwachsen, seit ihren allerersten Rollen, eine Frau, die nichts lernen muss, weil sie alles schon weiß. Als sie in „Die Frau nebenan“ in Gérard Depardieus Armen ohnmächtig wird, ist er es, der unreif und hilflos wirkt, während sie wie eine Königin auf den Boden des Parkhauses sinkt, in dem sie sich geküsst haben. Auch am Ende, als die Liebe tödlich ausgeht, ist sie es, die die Pistole aus ihrer Handtasche holt und zweimal abdrückt, ohne zu zögern. Zuvor, im Krankenhaus, hatte sie den schönsten aller Liebesmonologe gesprochen: „Ich höre mir nur noch Schlager an. Je dümmer sie sind, umso wahrer sind sie. Was sagen sie? ,Verlass mich nicht.‘ ,Dass du fort bist, hat mein Leben zerstört.‘ ,Ohne dich bin ich ein leeres Haus.‘ ,Lass mich zum Schatten deines Schattens werden‘.“ Man hat ihre Stimme immer im Ohr.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Karrieren von Schauspielern leiden oft darunter, dass sie zu lange an einen Regisseur oder einen Rollentyp gebunden bleiben. Im Fall von Fanny Ardant liegt die Tragik darin, dass der Regisseur, der entdeckt hat, was in ihr steckte, schon vier Jahre nach ihrer ersten Begegnung starb. Wäre François Truffaut nicht 1984 einem Hirntumor erlegen, hätte er für Fanny Ardant vermutlich all die Rollen geschrieben, die sie später in weniger bedeutenden Filmen für weniger kongeniale Regisseure spielen musste. So bleiben uns nur das Mélo „Die Frau nebenan“ und der Neo-Noir-Krimi „Auf Liebe und Tod“, zwei Lichtpunkte in der Filmgeschichte, deren Glanz mit den Jahren nicht abnimmt, weil er kein oberflächlicher Effekt ist, sondern das Werk einer großen Passion.

          1981 mit Gérard Depardieu in François Truffauts „La femme d’à côté“

          Fanny Ardant, Tochter eines Kavallerieoffiziers im Dienst der Fürstenfamilie von Monaco, hatte Politologie in Aix studiert und in Paris Theater gespielt, als Truffaut sie zum Essen einlud. Sie hätte auch ohne ihn ihren Weg im Kino gemacht, aber nach ihren beiden Filmen mit ihm bekam sie fast nur noch Angebote der oberen Kostümklasse, als hätten sich die Regisseure davor gefürchtet, an ihrem Nimbus der unbeugsamen Schönheit zu kratzen. So konnte Fanny Ardant nie das vielstimmige Repertoire entwickeln, das ihrer fast gleichaltrigen Kollegin Isabelle Huppert vergönnt war; nur manchmal, wie in der Geschlechterkomödie „Pedale douce“ (auf Deutsch „Auch Männer mögen’s heiß“) von 1996, in der sie eine Barbesitzerin spielt, bekommt man eine Ahnung davon, was ein weniger respektvoller Blick aus ihr hätte herauszaubern können. Statt dessen wurde sie routinemäßig ins Adels- und Divenfach gesteckt: Für Volker Schlöndorff gab sie die Herzogin von Guermantes (in „Eine Liebe von Swann“), für Shekhar Kapur die böse Herzogin von Guise (in „Elizabeth“), für Patrice Leconte eine Salonlöwin am Hof von Versailles (in „Ridicule“).

          Die Rollen, in denen Fanny Ardant immer noch unwiderstehlich ist, sind die, in denen sie aus der Rolle fallen darf. In François Ozons „Acht Frauen“ ringt sie mit Catherine Deneuve um einen Damenrevolver, die beiden wälzen sich keifend am Boden, und plötzlich vereinen sich ihre Münder zu einem gierigen Kuss. In Anne Fontaines „Nathalie“ beauftragt sie Emmanuelle Béart, ihren Ehemann zu verführen, aber eigentlich ist sie es, die verführt werden will, mit allen Mitteln der Lüge. Es ist nicht mehr die Amour fou, die große Leidenschaft, die in solchen Geschichten aufblitzt, sondern das launische Spiel der Identitäten und Wünsche – und vielleicht steckt in diesem Wandel auch eine Lektion der Kinematographie. Fanny Ardants Lektion jedenfalls besteht darin, dass sie jetzt auch selbst Filme dreht. Ihr jüngster, der in Deutschland noch nicht verliehen wurde, heißt „Le Divan de Staline“, und Depardieu spielt darin die Rolle des sowjetischen Diktators. An diesem Freitag wird Fanny Ardant siebzig.

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