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Roland Emmerich : Der transatlantische Tiefseegraben-Trümmerbagger

Commander-in-Chief: Roland Emmerich am Set von „White House Down“ Bild: ddp Images

Er sprengte schon mit seiner Abschlussarbeit an der Hochschule den Rahmen: Zum sechzigsten Geburtstag des schwäbisch-amerikanischen Weltmeisters im Katastrophenkinozehnkampf und Regisseurs Roland Emmerich.

          2 Min.

          Dabei zuzuschauen, wie alles auf einmal verbrennt, auseinanderbricht und überschwemmt wird, macht Freude. Wer’s nicht glaubt, muss sich nur mal Woody Harrelson als Rumpelstilzchen auf der sanft geschwungenen Hügelkuppe überm schönsten Tal des Yellowstone-Nationalparks in Roland Emmerichs Mega-Endspiel „2012“ (2009) anschauen – wie der Mann sich da rüttelt, schüttelt und sein letztes bisschen Verstand hinter sich wirft, während die Panoramasenke unter ihm erst zur flammenden Feuerpfanne wird und dann eine bewegliche Brandwand ausspuckt, die den davon sichtlich entzückten Irren auf dem Berg schließlich machtvoll aus dem Bild drückt – dazu kann man einfach nichts anderes mehr sagen als der Kindermund, der im selben Film die schönste je im Kino gefundene Formel für die heikle Wahrheit piepst, dass Todesangst sich manchmal von Spaß einfach nicht unterscheiden lässt: „Daddy, we’re on fire!“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit Brandstifterinstinkten allein kriegt man derlei nicht gebraten; Feuerwerk dieser Größenordnung verlangt Planung. Dass der Regisseur Emmerich also nicht einfach, wie die Verächter seines einzigartig hysterischen Budenzaubers meinen, die von Vorgängern wie Steven Spielberg, Irwin Allen, Michael Crichton oder James Cameron gemalten Kataklysmen nach zwei Seiten auseinanderbiegt, nämlich der Effektüberbietung einerseits und der Erzählvergröberung andererseits, sondern sich dabei auch noch etwas denkt, erkennt man spätestens, wenn man den Vorwurf, sein Historienmassaker „The Patriot“ (2000) mit Mel Gibson sei lediglich ein in die Frühzeit der Vereinigten Staaten verlegtes Remake von Gibsons Schottenrockoper „Braveheart“ (1995), beim Wort nimmt.

          „Anonymous“ (2011) Bilderstrecke

          Dann begreift man nämlich schnell, dass Emmerichs Coverversion die Vorlage klug filetiert hat, bis ihm die Entnahme und Beseitigung des einzigen Urtext-Elements gelang, das nach dem Kalten Krieg in Hollywood nicht mehr erwünscht war: In beiden Filmen bietet Gibson Fremdherrschern die Stirn; aber während er in „Braveheart“ für die Wiederherstellung von Warlord-Recht und Blutsgemeinschaft kämpft, räumt er in „The Patriot“, anders als afghanische Stammeskrieger, die das amerikanische Kino gegen die Sowjets noch liebte, inzwischen aber nicht mehr mag, einer modernen, liberalen Demokratie den Weg frei.

          Geschichten, die kein Schwein je glauben würde

          Action, aber mit fortschrittlicher Gesinnung – als ließe man Andrea Nahles den teuersten „Tatort“ aller Zeiten schreiben: Diese Formel, der das Spektakelkino seit den Neunzigern im Westen fast ausnahmslos gehorcht, hat Emmerich in „White House Down“ (2013) bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit strapaziert – Jamie Foxx will da als schwarzer Friedenspräsident einen Vertrag mit der gesamten arabischen Welt schließen, was der „militärisch-industrielle Komplex“ (doch, den nennt er tatsächlich so beim Namen) verhindern muss, weswegen Foxx schließlich den Raketenwerfer gegen die Friedensstörer auspackt. Im selben Film erklärt bei einer Führung durchs Weiße Haus ein Tourbegleiter, man befinde sich in dem Gebäude, das in „Independence Day“ (1996) vernichtet worden sei – Emmerich schämt sich seiner Werkspur der Zerstörung nicht; was ihn aber tatsächlich auszeichnet, ist seine Fähigkeit, hochseriöse Leute vor der Kamera aus sich herauszulocken, bis sie Figuren, die von keiner psychologischen Plausibilität angefressen sind, auf seinen Befehl hin kraftvoll durch Geschichten kicken, die im Ernst kein Schwein je glauben würde.

          Chiwetel Ejiofor als weltreisender Unglücksbote in „2012“ etwa wirkt aufrichtig besorgt über den größten Quatsch, der jemals die Welt bedroht hat, und Vanessa Redgrave serviert uns in „Anonymous“ (2011) Emmerichs Elizabeth I. als Feenkönigin gewordener Josef Stalin – wie kriegt der diese Menschen zu derlei? Simpel und genial: Er kümmert sich um die Kulissen, stellt sie auf und schmeißt sie um, und der Rest bleibt dem Ensemble überlassen, als Rückkehr zur Urform der Schauspielerei, nach der sich auch die Großen manchmal sehnen – dem schieren Affentheater. Heute wird Roland Emmerich sechzig Jahre alt.

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