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Filmkomponist Ennio Morricone : Komplize des Kinos

Klangwunderkünstler: Ennio Morricone. Bild: dpa

Er hat Neue Musik studiert und Free Jazz gespielt. Er hat gezeigt, dass alles Musik sein kann, was Geräusche macht. Dem Italo-Western gab er seinen Klang. Zum neunzigsten Geburtstag von Ennio Morricone.

          In Roland Joffés Film „The Mission“ setzt sich Jeremy Irons als Jesuitenpater Gabriel auf eine Lichtung im Dschungel oberhalb der Iguazú-Wasserfälle in Brasilien und packt sein Instrument aus. Eine Oboe. Er beginnt zu spielen, eine kleine, sehnsüchtige Melodie, und plötzlich füllt sich der Wald mit Leben. Menschliche Körper erscheinen zwischen dem Blattwerk, Guarani-Indianer mit bemalten Gesichtern und buntem Federschmuck. Sie umringen den Pater, zielen mit Pfeilen auf ihn, und er setzt die Oboe ab. Sie aber bedeuten ihm, weiterzuspielen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Szene ist ein Schlüsselbild für das Verhältnis des Kinogängers zu den Filmmusiken von Ennio Morricone. Sie kommen aus dem Nichts, plötzlich sind sie da und hüllen alles ein, sie bringen die Bilder zum Sprechen, locken unsere Emotionen aus ihrem Versteck. Schließlich wollen wir immer mehr davon, bis die Geschichte vorbei ist und auch noch länger.

          Wer erinnert sich heute noch an „Maddalena“, das Priestermelodrama des Polen Jerzy Kawalerowicz? Aber das Lied „Chi mai“, das Morricone für den Film komponiert hat, geht keinem, der es einmal gehört hat, mehr aus dem Kopf. Oder „La Califfa“, eine Liebestragödie mit Ugo Tognazzi als Fabrikbesitzer und Romy Schneider als Arbeiterin: Morricones Titelmotiv, abermals auf einer Oboe gespielt, ist größeres Kino als der Film selbst, oder doch beinahe – man sieht Romy Schneiders Gesicht vor sich, und damit herrscht wieder Gleichstand; und in einer Passage, die wie ein Requiem klingt, ist auch der Ausgang des amour fou schon vorweggenommen.

          Es gibt einige große Filmkomponisten, und manche von ihnen haben unsterbliche Musik geschaffen, aber keiner denkt so radikal filmisch wie Ennio Morricone. Reporter und Regisseure, die ihn in seinem Apartment in Rom besuchen durften, berichten, dass er nicht wie die meisten seiner Kollegen am Klavier, sondern am Schreibtisch komponiert.

          Tatsächlich kann man sich vieles, was er geschrieben hat, gar nicht als Klavierauszug vorstellen – die von Pferdehufen und fluchenden Männerstimmen gejagten Flöten und Trompeten aus den Leone- und Corbucci-Western; oder die „Romanze“ aus Bertoluccis „1900“, die in vier Minuten eine ganze Familien- und Gesellschaftsgeschichte erzählt, von den volksliedhaften Anfängen über die bürgerlichen Märsche bis zum wagnerisch orchestrierten Untergang in Ekstase und Dekadenz.

          Auch das Stück „Poverty“ klingt nur authentisch nach Armut und Little Italy, wenn es auf dem verstimmten Klimperkasten gespielt wird, der in Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ zu hören ist. Und „Spiel mir das Lied vom Tod“, dieser größte aller Soundtracks, lebt von Tönen, die jeder Bearbeitung spotten, dem Röcheln der Mundharmonika, dem Peitschen der Fender-Gitarre, den überirdischen Schreien der Sopranistin Edda Dell’Orso. Morricones Musik ist schon filmisch, bevor sie sich über die Filmbilder legt. Ebendas macht sie zur idealen Komplizin des Kinos.

          Morricones Betriebsgeheimnis ist seine Herkunft aus der Avantgarde. Er hat Neue Musik studiert und Free Jazz gespielt, und in seinen Scores für Leones Dollar-Trilogie hat er mit der Einsicht Ernst gemacht, dass alles Musik sein kann, was Geräusche macht: Hämmer, Pfiffe, Spieluhren, Maultrommeln, quietschende Räder. Er hat dem Kino die Türen zur Wirklichkeit weit aufgestoßen – nicht die zur sogenannten Realität, sondern jene zur tieferen Wirklichkeit des Traums. Seit vier Jahrzehnten geht Morricone mit seinen Stücken auf Konzertreisen, und es ist erhebend, zu sehen, wie diese Musik auch berühmte Orchester beflügelt. Dennoch wirkt sie ohne Filme oft wie verwaist. Nur in den Bildern sind ihre Tö-ne ganz bei sich und zu Hause. Heute wird der Kinoklangzauberer Ennio Morricone neunzig.

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