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Trickfilmer Hayao Miyazaki 2014 bei der Verleihung der Governors Awards Bild: dpa

Anime-Pionier Hayao Miyazaki : Ein Magier, der uns immer tiefer in sein Geheimnis lockt

Ohne ihn wäre Anime nie geworden, was es heute ist: Zum achtzigsten Geburtstag des Trickfilmers Hayao Miyazaki.

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          Von den Wirklichkeiten, die nur der Trickfilm sieht, während sie Alltagsaugen verborgen bleiben, versteht Hayao Miyazaki viel: Tiere mit Fell sind fürs Luftleben in Wahrheit geeigneter als Vögel, weil Wind ihre Haare mag („Prinzessin Mononoke“, 1997), Katzenaugen sind gar keine Reflektoren, sondern neben Sternen die wichtigsten kosmischen Lichtquellen („Mein Nachbar Totoro“, 1988), und eine Bahnfahrt ist ein besseres Bild für das mysteriöse Vergehen der Zeit als der sonst immer bemühte Fluss („Chihiros Reise ins Zauberland“, 2001). Von Daisaku Shirakawas „Hündchenmarsch“ („Wan Wan Chushingura“, 1963), bei dem der junge Cartoon-Cinematograph Miyazaki sich erstmals beweisen durfte, über Kino-Erfolge wie das Abenteuer „Das Schloss des Cagliostro“ (1979) bis zur Oscar-Auszeichnung für „Chihiros Reise“ hat der Mitorganisator des 1985 gegründeten Studios Ghibli die Filmgattung Anime nicht nur für sich persönlich stetig weiterentwickelt und verfeinert, sondern insgesamt verändert, wie das die Großen der Gattungen für sie eben tun.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Auch sein Alterswerk setzt Maßstäbe und zerläuft nicht zum Routinebrei; das Meeresweltwunder „Ponyo“ (2008) etwa planscht kindlich-kraftvoll in Farben und macht jede Kontur zum Wellenkamm von mächtigen Gefühlen, so dass selbst das erwachsenste Publikum erkennen muss: Eine Regie, die bewusst Ereignisströme aus diskreten Einstellungen holt, von denen jede durchdacht und dabei mit allen erzählerischen Herzfasern geliebt sein will, damit diese Einzelbildknospen als Handlungsblüten aufgehen können, ist für alle Zeiten jeder naiven Realfilmpraxis überlegen, die meint, sie könnte Geschehnisse einfach aus der Natur mopsen („abfotografieren“).

          Von „Magie“ soll man bei kulturindustriellen Erzeugnissen nicht leichtfertig reden, aber ans tatsächlich Unerklärliche grenzt die Zuverlässigkeit, mit der Miyazakis Schöpfungen den Abstand zum Kitsch selbst dann halten, wenn darin wahre Ewigkeitsexemplare der Spezies „Bishojo“ (schönes Mädchen) oder „Bishonen“ (schöner Knabe) herumlaufen. Quelle dieser Magie ist wohl Miyazakis Respekt vor der einzelnen (natürlichen oder artistischen) Schönheit, der er niemals Beziehungen aufzwingt, die kitschkonforme Muster (re-)produzieren könnten.

          Im Ghibli-Museum in Mitaka werden viele Hand- und Kunstgriffe, die dieser Respekt beherrscht, anschaulich demonstriert, denn der Magier Miyazaki hat keine Angst, von Kindern und anderen Zaubereifachleuten durchschaut zu werden, weil er klar sieht: Wenn man Leuten den Zutritt zum Geheimnis nicht verwehrt, sondern sie geradezu einlädt, daran teilzuhaben, lockt man sie nur umso tiefer hinein. Am Dienstag wird Hayao Miyazaki achtzig Jahre alt.

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