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Zum 100. von Kirk Douglas : Immer auf dem Sprung zum Ausbruch

Issur Danielowitsch hieß der Mann, der als Kirk Douglas berühmt wurde. Im Jahr 1956 spielte er in „Lust for Life“ Vincent van Gogh. Bild: Allstar/Mgm

Er hat das Studiokino als Schauspieler und Produzent zur Vollendung gebracht: Heute feiert die amerikanische Kinolegende Kirk Douglas hundertsten Geburtstag.

          Er ist der letzte Überlebende – und zwar wirklich noch Lebende – der letzten großen Zeit des Hollywood-Studiosystems, jener fünfziger und frühen sechziger Jahre, bevor die konsequente Wahrnehmung der amerikanischen Anti-Trust-Gesetzgebung und die Protagonisten von „New Hollywood“ die Eigentums- und Machtverhältnisse in der Traumfabrik durcheinanderwirbelten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Als Kirk Douglas seine größten Rollen spielte – Spartacus natürlich, den Harpunier Ned Land, den Western-Marshall Matt Morgan, den Reporter Chuck Tatum –, waren Männerbilder auf der Cinemascope-Leinwand, die Douglas dominierte wie kein anderer, noch eindeutig in Heroisch und Verbrecherisch geteilt. Er aber spielte beide Typen, wobei sich die Waagschale mit wachsendem Ruhm natur- und geschäftsgemäß immer mehr zum Positiven hin verschob. Und er arbeitete mit den größten Regisseuren dieser Zeit: Wenn man nur die eben genannten Rollen durchgeht, waren das Stanley Kubrick, Richard Fleischer, John Sturges und Billy Wilder.

          „Zwei dreckige Halunken“: Henry Fonda und Kirk Douglas im Jahr 1970.

          Es fehlt Vincente Minelli, mit dem Douglas gleich drei höchst bemerkenswerte Filme gedreht hat: 1952 „Stadt der Illusionen“, vier Jahre danach „Vincent van Gogh“ und schließlich 1962 „Zwei Wochen in einer anderen Stadt“. In allen drei spielte Douglas gegen sein viriles Image an, oder besser: gegen ein Verständnis von Virilität als bloße Physis, denn seine Rollen als bankrotter Filmproduzent im ersten Werk, als verzweifelter Künstler im zweiten und als abgehalfterter Schauspieler im dritten verbindet die psychische Gebrochenheit dieser Figuren, ihr letztes Aufbäumen gegen Mächte, die sie zu meistern glaubten, aber nicht beherrschen konnten. Sie waren der Gegenentwurf zum wahren Leben von Kirk Douglas, der nie an sich zweifelte und trotzdem Erfolg hatte. Aber eines, was er privat mit allen seinen großen Rollen gemeinsam hat, ist der Wille, auszubrechen.

          Die jüdische Herkunft nie vergessen

          Geboren wurde Kirk Douglas heute vor hundert Jahren in der Kleinstadt Amsterdam im amerikanischen Bundesstaat New York, als einziger Sohn unter sieben Kindern weißrussischer jüdischer Einwanderer. Seine Jugend war geplagt vom massiven Antisemitismus der zwanziger und dreißiger Jahren in den Vereinigten Staaten, über den alle Quellen zu dieser Zeit Auskunft geben – auch Douglas’ erste von drei Autobiographien, „The Ragman’s Son“.

          Er entkam den Vorurteilen durch Veränderung seines Namens: Aus Issur Danielowitsch wurde, als der ausgebildete Schauspieler seine ersten Broadway-Engagements erhielt, erst Issy Demsky und dann Kirk Douglas, als er jene Karriere einschlug, die damals den sichersten Weg zur Emanzipation zu bedeuten schien: Nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten, der einen Tag vor seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag erfolgte, meldete er sich freiwillig zur Marine. Nach schweren Verletzungen konnte er 1944 den Dienst quittieren; das war das Jahr, in dem sein ältester Sohn Michael geboren wurde, der heute so berühmt ist wie der Vater. Seine jüdische Herkunft hat er nie vergessen, auch wenn er ihrem Elendsmilieu entkommen ist. Erst vor wenigen Monaten hat er den Teddy-Kollek-Preis des Jüdischen Weltkongresses verliehen bekommen.

          Große Männer, kleine Pferde: 1958 spielte Doglas in „Die Wikinger“.

          Ein konsequent harter Mann

          Beim Sprung von der Bühne auf die Leinwand halfen Kirk Douglas sein gestählter Körper, den er als Ringkämpfer während der Schauspielausbildung geformt hatte, und seine frühere Kommilitonin Lauren Bacall, die ihn dem Regisseur Hal B. Wallis empfahl, der gerade das Melodrama „Die seltsame Liebe der Martha Ivers“ produzierte und dabei selbst teilweise Regie führte, weil der eigentliche Regisseur, Lewis Milestone, sich weigerte, Einstellungen mit Wallis’ Lieblingsschauspielerin Lizabeth Scott nachzudrehen. Da Douglas mehrere gemeinsame Szenen mit ihr hatte, kam er am Ende größer heraus als erwartet – auch in der Wahrnehmung der Branche. Den festen Vertrag mit Wallis über fünf Filme erfüllte er nicht. Eine wankelmütige Figur wie den Walter O’Neil wollte und sollte er danach nie mehr spielen. Erscheinungsbild und Umgangsformen prädestinierten ihn zum harten Mann.

          Der war Douglas konsequent, auch abseits der Leinwand. Am berühmtesten ist sein kompromissloser Einsatz für den Drehbuchschreiber Dalton Trumbo, der als einer der „Hollywood Ten“ seit 1947 auf der Schwarzen Liste stand, aber unter Pseudonymen weitergearbeitet und zwei Oscars gewonnen hatte, ohne dass er sie hätte entgegennehmen dürfen. Für „Spartacus“ wollte der Hauptdarsteller und Mitproduzent Douglas die bestmögliche Besetzung, also wechselte er den ursprünglich engagierten Regisseur Anthony Mann gegen Stanley Kubrick aus (mit dem er bei dem Kriegsfilm „Wege zum Ruhm“ gute Erfahrungen gemacht hatte) und bestand nicht nur auf Trumbo als Drehbuchautor, sondern auch darauf, dass dieser im Vorspann genannt wurde. Den auf dem Gipfel seiner Popularität stehenden Douglas als Linken zu verfemen fiel den Kommunistenfressern in Hollywood schwer; die Zeiten hatten sich gewandelt.

          Unbeugsam geblieben

          Allerdings auch ästhetisch. Der 1960 gedrehte „Spartacus“ gehört in Erscheinungs-, Männer- und Frauenbild noch dem vorangegangenen Jahrzehnt an. Einen Stoff wie „Einer flog über das Kuckucksnest“, dessen Verfilmungsrechte Douglas kurz danach erworben hatte, traute er sich selbst nicht mehr zu: Zu ambivalent war die Hauptrolle, also gab er die Rechte an seinen Sohn Michael weiter, der in Jack Nicholson schließlich einen Star des New Hollywood dafür fand. Das war 1975, als Douglas kaum noch Filme drehte.

          Zum siebzigsten Geburtstag bescherte er sich 1986 in „Archie und Harry“ ein nostalgisches Wiedersehen mit einem der wenigen großen Stars der Fünfziger, die ihm gewachsen waren: Burt Lancaster. Solchen augenzwinkernden Filmvehikeln, Auswege mit anderen Mitteln, blieb er weiter treu bis hin zum gemeinsamen Auftritt mit Michael Douglas, dessen Mutter Diana, von der Kirk sich 1951 hatte scheiden lassen, und dem Enkel Cameron Douglas in einem Film, der höchst passend „Es bleibt in der Familie“ hieß.

          Heute werden die noch lebenden Beteiligten – Diana Douglas starb vor einem Jahr – den hundertsten Geburtstag des kantigen Giganten feiern, der, wie wir seit seinem Auftritt bei der Oscar-Verleihung 2011 wissen, ein zarter Herr geworden ist. Aber unbeugsam geblieben.

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