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Zum 100. Geburtstag Fellinis : Die Schöne und das Biest

  • -Aktualisiert am

Marcello sitzt schreibend in einer Trattoria, im Hintergrund deckt eine junge Bedienung im Lichtkreidegestrichel unterm Strohdach ein: Szene aus „La dolce vita“ (1960). Bild: Universum Film

Erinnerungen an ein Kinoerlebnis: Schon als unser Autor zum ersten Mal „La dolce vita“ sah, identifizierte er sich mit Marcello und dessen Lebensgefühl. Ein Gastbeitrag zum hundertsten Geburtstag von Federico Fellini.

          6 Min.

          Paris 1972. Ich erinnere mich an die Stunden nach der „Arbeit“ – den vier bis fünf Stunden Unterricht in der Alliance française –, als ich zum ersten Mal in der alten Pariser Cinémathèque am Trocadéro Fellinis „La dolce vita“ sah. Ich saß in der ersten Reihe, weil man da die Füße ausstrecken, sich in den rechten Fläzwinkel zur Leinwand rücken konnte; nahm auch gerne in Kauf, den Überblick über die Kadrierung, den Bildrahmen auf der Breitleinwand, zu verlieren, dafür mehr im Bild selbst zu sein: vor mir nichts als der Screen, vergessen die Reihen, die hinter mir saßen. In der ersten Reihe sitzend, lässt man dem Projizierten noch die Chance der Vision: mächtig unmittelbare Wirkung. Die entfällt aber oder schrumpft, sobald Kopfkuppen ins eigene Blickfeld ragen und du weißt: Das Gesehene wird geteilt. Schon ist es relativiert, nicht mehr visionsnah.

          Man muss also wissen, dass auch ich, in der ersten Reihe, damals in der Mittagshitze unterm sonnenbeschienenen Strohdach einer leeren Strand-Trattoria saß, in die Marcello sich zurückgezogen hatte, um zu schreiben. Vor ihm die kleine Reiseschreibmaschine, darin ein leeres Blatt, mit dem der Wind spielt. Hinter ihm, im Nacken, nisten die tausend Lichtsplitter, die durchs Sieb des Strohdachs fallen. Sie brüten im Sand auf dem Boden, glühen still im Schattentupfenreich auf ungedeckten Tischen und wartenden Stühlen.

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