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Zukunft des Journalismus : Wann kommt die Creme zum Heft?

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Schöner Schreiben: Bernd Kundrun bedient den User Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Zeitung als Dienstleistungsunternehmen, der Redakteur als Moderator? Gruner+Jahr-Chef Bernd Kundrun über das Prinzip „Neon“ und Journalisten als Kummerkastenonkel.

          6 Min.

          Man könnte sich natürlich leicht darüber lustig machen, daß Bernd Kundrun mit Staubsaugern gelernt hat, was ihm nun mit Zeitschriften ganz gut gelingt: das Verkaufen. Der Mann, der seit dem Jahr 2000 als Vorstandsvorsitzender Europas größten Zeitschriftenverlag leitet, gilt eher als Marketingmann denn als Verleger. Doch mittlerweile haben auch die Mitarbeiter von Gruner+Jahr festgestellt, daß es kein Nachteil sein muß, wenn der Chef ein bißchen rechnen kann. Es klingt vielleicht ein wenig kühl, wenn Kundrun sich die Zukunft des Journalismus als Dienstleistung vorstellt - aber was hat man schon von blumigen Visionen.

          Herr Kundrun, was ist die modernste Zeitschrift Ihres Hauses?

          Alle unsere Zeitschriften sind modern, da mache ich keine Unterschiede. Wenn Sie mit „modern“ auf die elektronische Medienzukunft anspielen, nenne ich Ihnen ein Beispiel: „Neon“. „Neon“ ist eine Zeitschrift, die sich nicht nur jung positioniert, sondern die seit ihrem Start sehr intensiv mit ihren Lesern vernetzt ist. Sie steht für einen Journalismus, der die Leser mit einbezieht - nicht zur eigenen Bestätigung, sondern als eine Form von journalistischem Input. Die Redaktion bricht die bisherige klassische „Arbeitsteilung“ zwischen Journalist und Rezipient - „Ich schreibe, du liest“ - auf.

          Wie wichtig ist denn die Internetpräsenz für den Erfolg des Heftes? Kann man sich das eine nicht ohne das andere vorstellen?

          Nein, Heft und Internet bilden eine Einheit. Die „Community“ von „Neon“ nutzt beides, das ist sie so gewohnt. „Neon“ ist dabei sicherlich eine untypische Zeitschrift. Denn die Marke definiert sich nicht über eine Zielgruppe, sondern nach einem Lebensgefühl, Motto: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“. „Neon“- Leser sind Menschen, die zwar de jure erwachsen sind, sich aber dennoch weiter jugendlichen Lebensmustern verhaftet fühlen. Ihre Probleme und Fragen diskutieren sie auf der Website. Das wiederum ergibt einen interessanten Pool für redaktionelle Ideen.

          Und umgekehrt? Braucht diese Community die Zeitschrift überhaupt noch?

          Unbedingt. Die Zeitschrift gibt der Community doch erst das Rückgrat, die Bedeutung, die Popularität. Bei „Neon“ können Sie das daran sehen, daß die Auflage des Printmagazins mittlerweile auf deutlich über 160 000 Exemplare gestiegen ist. Es ist doch interessant zu beobachten, daß Internetunternehmen und Website-Betreiber zunehmend darüber nachdenken, selbst eine Zeitschrift herauszugeben. Offensichtlich ersetzt das Internet die Zeitschrift nicht, sondern beide ergänzen sich hervorragend. Ich glaube an diese Symbiose, vorausgesetzt, die Zeitschriftenmacher ändern ihren Modus operandi - weg vom Ex-cathedra-Journalismus, hin zu einem Dialog mit dem Leser.

          „Neon“ hat allerdings eine sehr spezielle Zielgruppe. Ist denn das Erfolgsrezept ohne weiteres übertragbar?

          Das wird zunehmend übertragbar sein. Wir sprechen doch auch bei anderen Zeitschriften junge Zielgruppen an. Nehmen Sie „Eltern“. Eltern sind eher jüngere Menschen, die ganz selbstverständlich das Internet nutzen. Jedes Thema, ob Essen und Trinken oder Lifestyle oder Kunst, liefert vielfältige Ansatzpunkte, wie Nutzer eingeladen werden können, daran mitzuarbeiten, die Informationsangebote zu vertiefen. Ich kann mir sehr viele neue Angebote vorstellen, immer unter der Voraussetzung, daß sie zur Glaubwürdigkeit der Marke beitragen. Journalistisches Handwerk wird in Zukunft die Moderation von „user generated content“ einschließen, genauso wie das Anbieten zusätzlicher Informationen und Datenbanken im Internet.

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