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Zu Besuch bei Lars von Trier : Keine Angst vorm Weltuntergang

Der Künstler trägt keine Maske: Lars von Trier in seinem Studio in Kopenhagen Bild: Röth, Frank

Der Filmemacher Lars von Trier geizt nicht mit provokanten Aussagen, kann aber auch ein freundlicher, verrückter und amüsanter Gastgeber sein. Ein Besuch in Kopenhagen.

          4 Min.

          Der Panzer ist weg. Jahrelang stand er vor Lars von Triers Arbeitsbaracke ganz hinten auf dem Studiogelände der Zentropa in Kopenhagen. Das Gelände gehörte einmal dem Militär. Erst hatte die Armee den Panzer einfach dagelassen, als sie abzog, jetzt wollte sie ihn wiederhaben und hat ihn abgeholt. So fallen nun die Mirabellen von einem knarzigen alten Baum direkt auf den holprig asphaltierten Boden vor dem Eingang des Bungalows, in dem Lars von Trier arbeitet. Das Golfwägelchen, mit dem er übers Gelände fährt, parkt dort schon. Man kann hier Vögel hören, aber nicht das Meer.

          Die Memorabilienwand ist mit allerlei Auszeichnungen geschmückt
          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Einladung zu einem Interview mit Lars von Trier kam unerwartet. Gerade hatte der dänische Regisseur erklärt, er werde keine Pressekonferenzen mehr abhalten, was angesichts der quälenden Peinlichkeiten, in die seine Auftritte vor der Presse regelmäßig ausarten, wahrscheinlich eine gute Idee ist. Im Mai hatte er in Cannes mit seiner pubertären „Ich bin ein Nazi“-Provokation für seinen Ausschluss vom Festival gesorgt, und nach dem Anschlag von Oslo, als sein Film „Dogville“ auf der langen Liste auftauchte, in welcher der Täter seine „Einflüsse“ aufzählte, hatte von Trier öffentlich bedauert, diesen Film gedreht zu haben. Nun wollte er nicht mehr vor der Presse sprechen. Und bat zum Interview. Was steckte dahinter?

          „Wenn Sie etwas loswerden wollen, schießen Sie los“, sagte ich also. Aber von Trier wollte nichts loswerden. Er wollte sich unterhalten. Dazu ließ er sich in die weichen Kissen auf der grünen alten Couch in seinem dämmrigen Bungalow sinken, schaute grinsend durch die im Sonnenlicht flirrenden Staubpartikel herüber und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Das sei seine bevorzugte Interviewhaltung, hatte ich in einem langen Artikel eines schwedischen Kollegen, Kritikers und Freundes von Triers einmal gelesen, solange er jemandem gegenübersitze, dem er vertraue.

          Der Künstler vor einem Wachhaus auf dem ehemaligen Militärgelände

          Warum sollte er mir vertrauen? Wir kennen uns nicht. Ich war seinen jüngsten Arbeiten, vor allem „Antichrist“, gegenüber kritisch gewesen, genervt von dem Machogetue, das sich seit „Breaking the Waves“ in seinen Filmen Bahn gebrochen hatte, bin misstrauisch, was sein Verhältnis zu Frauenfiguren und zu Frauen insgesamt angeht, spüre oft einen mir unangenehmen Zynismus in seinem Werk, verbunden mit einem Hang zum Bombastischen und zum Kitsch, und außerdem ein Spiel mit Künstlerposen, das mich nicht sonderlich interessiert. Auch gegenüber „Melancholia“, seinem aktuellen Film, der in Cannes Premiere hatte, hatte ich mich nach der Uraufführung zurückhaltend geäußert. Das schien von Trier aber entweder nicht zu stören, oder er wusste es gar nicht. Jedenfalls war er außerordentlich – nett.

          Romantik, Proust, Walt Disney

          „Sie haben offenbar keine Angst vor dem Weltuntergang“, sagte ich. „Schöner als in Ihrer Planetenkollision in ,Melancholia‘ ist die Erde im Kino nie zum Verschwinden gebracht worden.“ Von Trier guckt verdutzt. „Oh, Sie haben sich also nicht gefürchtet? Es gibt da natürlich nicht die Art des Horrors, wie er in ,Antichrist‘ vorkam, ,schön‘ ist vielleicht schon das richtige Wort, es passiert ja auch in Zeitlupe. Vielleicht ist es doch kein so guter Film. Oder ich bin ein Sensationalist. Wenn wir, weil die Welt verschwindet, alle gehen, ist es vielleicht nicht so schlimm. Das ist doch eigentlich romantisch, oder?“

          Lars von Trier neben einem alten Kinoprojektor

          Das ist ungefähr der Ton, in dem das Gespräch weitergeht. Mit weiten Abschweifungen in die deutsche Romantik (deren „Härte“ er schätzt, die er aber auch ein bisschen „wie Walt Disney“ findet, „the castle of Ludwig, you know“), zur Erziehung seiner Kinder (denen er gerade die Namen möglichst vieler Bäume beibringt), zur Musik, zu Proust. Das hat insofern miteinander zu tun, als von Trier, der immer wieder unter schweren Depressionen leidet, im Augenblick bester Stimmung ist und voller Energie, die es ihm erlaubt, endlich die „Recherche“ zu lesen. Er ist im neunten Band angelangt. Da spielt das A-Dur-Violinkonzert von César Franck eine Rolle, und als ich ihn frage, welche Musik er gerade hört, spielt er es mir vor.

          „Eine Hommage an die weibliche Sexualität“

          Ob wir das wohl in seinem nächsten Film, der „Nymphomaniac“ heißen wird, zu hören bekommen, vielleicht in einer filmischen Ouvertüre wie in „Antichrist“, als er zur quasipornographischen Eröffnung Händels Arie „Lascia ch’io pianga“ aus dem „Rinaldo“ spielen ließ? Oder wie in „Melancholia“, wo wir zum Weltuntergang die Ouvertüre von Wagners „Tristan und Isolde“ hören? „Sie drehen als Nächstes einen Porno, nicht wahr?“ – „Ja! Und diese Musik wird darin vorkommen.“

          Ein Puppenkopf aus dem Film „The Kingdom” neben der bevorzugten Fußballmannschaft

          Lars von Trier, so scheint es an diesem Tag in Kopenhagen, hat kein Marketing-Ich. Er unterscheidet nicht, mit wem er spricht, und dass es jetzt angebracht wäre, im Gespräch bei „Melancholia“ zu bleiben, weil der in der nächsten Woche bei uns in die Kinos kommt, scheint ihn nicht zu interessieren. „Nymphomaniac“ interessiert ihn, Pornographie interessiert ihn, Hitlerdeutschland interessiert ihn obsessiv, wovon ich ihn immer wieder abbringe, Ausschweifungen, die er mit Genuss am Drastischen beschreibt. Doch im Gegensatz zu entsprechenden Bildern, Szenen, Sätzen in seinen Filmen hat seine obszöne Rede darüber nichts Aggressives, Verletzendes an sich. „Es wird eine Collage“, erzählt er über sein neues Filmprojekt, „die Geschichte der weiblichen Sexualität am Beispiel einer sexsüchtigen Frau, von null bis sechzig Jahren. Ich habe zur Recherche alle Frauen getroffen, die ich kenne oder einmal kannte, als ich jung war und viel rumgemacht habe. Oh, das war ein solcher Spaß! Jetzt, in ihren Fünfzigern oder Sechzigern, fangen sie an zu reden. Bis ich sage: Stopp! Mehr brauche ich nicht.“ An dieser Stelle lacht er sich halb tot. „Es ist phantastisch. Der Film wird eine Hommage an die weibliche Sexualität.“

          Die Sonne scheint, die Stimmung ist ausgelassen

          „Hommage?“ Jetzt muss auch ich lachen. „Das wäre eine Überraschung.“ Aber von Trier meint es ganz ernst. Er sagt dann noch, er habe nie versucht, sich zu überlegen, was eine Frau in einer bestimmten Situation wohl fühlen, tun oder sagen würde. Er versetze sich vielmehr selbst in ihre Lage. „So werden meine Frauen glaubwürdiger. Weil sie eine Person in sich haben.“ – „Little Lars?“, frage ich. „Ja, little Lars! Aber nicht unbedingt seine weibliche Seite.“ Jetzt prusten wir gemeinsam los.

          Später lädt er mich noch zum Essen in der berühmten Kantine von Zentropa ein. Mittags wird dort ein Büfett für alle Mitarbeiter aufgebaut, mit Hering und hartgekochten Eiern, Schwarzbrot, Salat und viel Fleisch. An der Rückwand des riesigen Raums hängen über einem Schlagzeug Trophäen – Urkunden, Preise, aber auch der prothetische Torso mit blutiger Vagina, in die man von unten hereinschauen kann, den Charlotte Gainsbourg im „Antichrist“ benutzte, als sie sich verstümmelte, dazu ein abgeschlagener Kopf aus einem anderen Film, die Zwergin im Glas aus „The Kingdom“ und ein großer toter Fisch. Die Sonne scheint, die Stimmung ist ausgelassen, und das Gespräch dreht sich weiter über die Probleme und den Spaß beim Verfertigen von Pornoszenen.

          Die von Lars von Trier gegründete Zentrope Produktionsfirma befindet sich auf einem ehemaligen Militärgelände in Kopenhagen

          Später fragte ich mich, ob ich einer Charade aufsaß oder manipuliert wurde in dem Sinn, Lars von Trier nun für einen freundlichen Menschen und seine Filme deshalb für weniger skandalös zu halten. Aber ich glaube nicht. An jenem Tag saß mir ein Künstler gegenüber, der in vollem Ernst wirre Dinge erzählte, sich bestens amüsierte, mich zum Lachen brachte und außerordentlich liebenswert daherkam. Der nichts verkaufen wollte, mir keine vorgestanzten Sätze anbot und mich nicht hinters Licht führte. Und der damit, so scheint es im Rückblick, zu sagen schien: Schließen Sie nicht vom Künstler aufs Werk.

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