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Der Schriftsteller John Berger : Zu Besuch beim glücklichen Kentauren

Eines von vier Porträts: Schauspielerin Tilda Swinton hat John Berger im Winter im Bergdorf Quincy aufgesucht. Bild: Berlinale

Schriftsteller, Künstler, Marxist und Kunstkritiker: John Berger ist ein Allroundtalent. Er hat lange in dem Alpenort Quincy gelebt, wo auch der Film „The Seasons of Quincy“ entstand. Vier Porträts erforschen darin seine Geheimnisse.

          Wenn man John Berger treffen will, muss man mit der Vorortbahn in den Süden von Paris fahren, in einen dieser Vororte, die einmal Dörfer waren und deren Häuser so aussehen, als wären sie geschockt davon, plötzlich zu einer Weltstadt zu gehören: Es sind schmale Einfamilienhäuser mit Backsteinsockeln und Erkern und spitzen grauen Dächern, in denen man sich Bahnwärter, Blumenzüchter und Dorfbürgermeister vorstellen kann, eine schüchterne, schläfrige, provinzielle Form von Stolz steckt in jedem Detail, es sind Häuser wie aus einer Zeichnung von Jean-Jacques Sempé.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Man klingelt, John Berger öffnet die Tür: Ein Mann, fast neunzig Jahre alt, mit schlohweißem Haar und einem warmen Gesicht, das an eine Wüstenlandschaft erinnert, in der Erosion und Wetter und Hitze und starker Wind tiefe Spuren hinterlassen haben. Erste Frage an den Gast: „Whiskey oder Wein? Ach was, wir nehmen beides.“ Berger stellt etliche Flaschen auf den Tisch und ein Caprese. Die Frau, mit der er hier lebt, kommt aus Russland und ist Schriftstellerin, sie hat ein russisches Gericht mit Auberginen gekocht. Man ist gleich mittendrin im Gespräch und, noch während das Caprese auf den Teller des Gasts balanciert wird, bei den großen Fragen der Gegenwart: Berger will genau wissen, wie eine Serverfarm funktioniert, gibt es Möglichkeiten, dass die Menschen die Kontrolle über ihre Daten wiedererlangen? Das sind die Fragen, die ihn gerade interessieren.

          Im Fernsehen präsent und als Essayist ernstgenommen

          Weiter hinten auf dem Tisch liegen Bergers Zeichnungen: Er hat sein ganzes Leben lang gezeichnet, noch bevor er die Werke geschrieben hat, die ihn berühmt machten, und bevor er im britischen Radio und dann im Fernsehen der sechziger und frühen siebziger Jahre mit Sendungen wie „Ways of Seeing“ einer ganzen Nation das Betrachten von Kunstwerken beibrachte und zeigte, dass man gleichzeitig intelligent und verständlich über Picasso, Léger, van Gogh, Gauguin, Modigliani, Courbet, Matisse, Goya und Velázquez sprechen kann.

          Man sah ihn, den Künstler und Kunstkritiker, der sich selbst einen Marxisten nannte, in diesen Sendungen über Renaissancekunst sprechen - und dann darüber, wie Motive in der Werbung unserer Zeit wieder auftauchen, wie mit Bildern Bewusstsein manipuliert wird. Er konnte über die Werke der Steinzeit und über den Blick des Steinzeitmenschen in seine Welt sprechen, die eine Welt voller Tiere war, in der der Mensch eine Ausnahme war und hinter einem Horizont voller Tiere ein weiterer Horizont lag, an dem vielleicht keine Menschen, aber noch viel mehr Tiere erschienen, er konnte über den Geruch dieser Welt so sprechen, dass eine jahrtausendweite Distanz schlagartig zu schrumpfen begann; dann wieder fuhr er in einem Sportwagen durch die Gegend und erklärte seinen Zuschauern, sich von Zeit zu Zeit nach hinten zur Kamera umdrehend, die beschleunigungsfreudige klassische Moderne sozusagen aus dem Zentrum der Bewegung heraus.

          Dass jemand, der so prominent im Fernsehen präsent war, trotzdem als Essayist und Romanautor ernst genommen wird, ist etwas, das nicht jedem gelingt. 1972 erschien Bergers experimenteller Roman „G.“, für den er überraschend den Booker-Preis erhielt. Woraufhin Berger bei der Preisverleihung den entgeisterten Spendern des Preises ins Gedächtnis rief, wie der Namensgeber des Preises, das Unternehmen Booker, einst die Karibischen Inseln ausgebeutet hatte; als späte Kompensation spendete Berger die Hälfte seines Preisgeldes den Black Panthers. Mit dem Rest siedelte er in das Dorf Quincy in den Savoyer Alpen über, wo er bis vor kurzem, bis zum Tod seiner dortigen Partnerin, wie ein Bergbauer lebte.

          Kein modernefeindlicher Ruralist, sondern ein ruraler Futurist

          Dort haben ihn im Verlauf der vergangenen Jahre die Schauspielerin Tilda Swinton und die Regisseure Christopher Roth, Bartek Dziadosz und Colin Mac Cabe besucht und unter dem Titel „The Seasons of Quincy“ insgesamt vier Filme über ihn gedreht: vom Winter, in dem Tilda Swinton und Berger in den Bergen einschneien und lange Nächte über ihre Soldatenväter sprechen, über den Frühling, in dem die Mutter von Bergers Kindern stirbt, bis zum Herbst.

          Bergers Schritt nach Quincy, die Übersiedlung in ein Alpendorf, wurde bisweilen missverstanden als resignativer Schritt eines Mannes, der dem Urbanen, der Moderne, den Rücken zukehrt: der Gang aufs Land als Abschied von der Politik und dem Glauben an den Fortschritt, als Suche nach einem zirkulären Weltbild, in dem alles, die Tiere, die Jahreszeiten, vergeht und wiederkommt und der Mensch nicht viel daran ändern kann. Das Gegenteil, das zeigen diese Filme, die auf der diesjährigen Berlinale gezeigt wurden, auf ebenso lakonische wie brillante Weise, war der Fall: In den Bergen entwickelte Berger, als hätte die kalte Alpenluft den Blick geschärft, eine Poetologie des Politischen, das Land war für ihn kein Raum des Rückzugs hinter nostalgische alte Holztüren und tröstliche Bauerngardinen, sondern ein Möglichkeitsraum, in dem vieles undefinierter und freier war als in den überkontrollierten und musealisierten Städten: Man muss sich Berger nicht als modernefeindlichen Ruralisten, sondern als ruralen Futuristen vorstellen.

          Bergers politische Kritik an ideologisch gewollten Lebensformen

          Das erste Buch, das Berger dort schrieb, „The Seventh Man“, handelte von Arbeitsmigranten in Europa und liest sich heute, Jahrzehnte nach seinem Erscheinen, so, als sei es frisch auf die Migrationskrisen unserer Zeit hingeschrieben. Es ist kein Wunder, dass eine junge Generation Berger so verehrt, als wäre er der Bernie Sanders der Kunstkritik. Und es ist nicht erstaunlich, dass man in den Filmen Denker, Aktivisten und Autoren wie Ben Lerner, der am Drehbuch mitgeschrieben hat, mit Berger diskutieren sieht. Gerade in Deutschland ist diese Berger-Renaissance erstaunlich deutlich ausgeprägt: Dieser Tage wurde an der Berliner Volksbühne sein „A&X“ als szenische Lesung aufgeführt, das gleiche Stück war gerade an der Basler Volksbühne zu sehen, junge Künstlerinnen wie Andrea Gunnlaugsdottir beziehen sich auf ihn, und wenn man seinen Lieblingsbuchhändlern davon erzählt, dass man Berger gerade besucht hat, setzen sie einen in ihrem kleinen Laden sofort bei einem Lesungsabend zu Ehren von John Berger aufs Podium, bei dem die Buchhandlung vor Besuchern fast aus den Fugen platzt, obwohl nur vier Fans auftreten und nicht Berger selbst.

          Die Vier, die Berger in Quincy besucht und Porträts über ihn gedreht haben: Bartek Dziadosz, Colin MacCabe, Tilda Swinton und Christopher Rothe (von links).

          Was am heute fast neunzigjährigen Berger für die Gegenwart so interessant wie ein eben erst aufgetauchter neuer Denker ist, zeigt der Film. Wenn Berger die bäuerliche Großfamilie und ihre Gemeinschaftsrituale, das gemeinsame Kochen, die lange Tafel, feiert, dann ist das keine manufactumhafte Ästhetisierung des vormodernen Alltags, sondern eine politische Kritik an ideologisch gewollten Lebensformen, an der effizienzgesteuerten Reduktion des Bürgers im Spätkapitalismus auf Kleinfamilien und selbstverbesserungsabsorbierte Singleexistenzen. Wenn Berger eine Kartoffel in die Hand nimmt und über diese Kartoffel spricht, dann wirkt es, als handele es sich dabei um einen erstaunlichen Kometen, der aus der Zukunft in die Gegenwart gekracht ist. Wenn Berger über die Zeit schreibt und die Erinnerung, dann ist dieser Blick nach hinten ein Anlaufnehmen auf eine noch unaussprechbare Zukunft: Die Erinnerung an die Toten und das, was sie erlitten und erkämpft und gehofft haben, lasse, sagt Berger immer wieder, eine Komplizenschaft mit den noch Ungeborenen entstehen, und in dieser Gleichzeitigkeit der Anwesenden mit den nicht mehr und den noch nicht Anwesenden entwickelt er seine Poetologie.

          Menschen in der Natur statt der Natur des Menschen

          Einer seiner berührendsten Texte beschreibt, wie er seinen toten Vater zeichnet, ihn im Moment seines Verschwindens umreißt und seine Züge festhält: „Von allem, was ich da sah, würde nur die Zeichnung übrigbleiben... Als ich seinen Mund, seine Augenbrauen, seine Lider zeichnete, als ihre ganz charakteristischen Formen mit den Linien aus dem Weiß des Papiers auftauchten, spürte ich die Geschichte und die Erfahrung, die sie so geformt hatten, wie sie waren.“ Und auch in diesem Text gibt Berger eine mögliche Definition von Kunst als Akt des „corriger la fortune“ – das Werden und Vergehen nicht zu akzeptieren, ihm etwas zu entreißen und in die Zukunft zu retten und sie erst möglich und denkbar und sichtbar zu machen. In den Zügen seines toten Vaters spiegelt sich auch seine eigene mögliche Zukunft.

          Die „Seasons in Quincy“ sind auch ein Film über das Vergehen der Zeit. Es ist nicht ein Jahr, sondern es sind etliche, die zwischen den einzelnen Episoden liegen. Berger wird älter. Seine Partnerin in Quincy stirbt, als das Team drehen will. Was bleibt, ist Bergers ungebrochener Versuch, das Unvermeidliche der Natur vom durch den Menschen Veränderbaren zu unterscheiden. Es gibt Menschen in der Natur bei ihm, aber nicht die Natur des Menschen.

          Spaziergang im Bergdorf: John Berger mit Tilda Swinton

          Berger zeigt: Was als naturgegeben und alternativlos essentialisiert wird, ist politisch gewollt; die Natur selbst zeigt, dass es anders geht. Er schrieb über das gleichzeitig brutale (Massentierhaltung, Billigfleisch) und sentimentale (Zoo) Verhältnis der Städter zum Tier und das Unverständnis der Städter angesichts eines Bauern, der sein Schwein liebt und füttert und sich dann freut, es zu essen. In einem der Filme wird Bergers Verhältnis zu Tieren mit dem Interesse des Philosophen Jacques Derrida am „Animal“ kurzgeschlossen, und die cineastische Doppelzündung erhellt Bergers gesamte Ethik des Respekts, die die Kritik an der technischen Massentierhaltung vorwegnahm und das Tier als Begleiter des Menschen mit einer eigenen Würde vorstellte, ein Wesen, das parallel zu ihm lebt und die eigene Fremdheit und Eigenheit und Unverständlichkeit behalten darf.

          Im letzten der vier Filme sieht man Berger, der sein ganzes Leben lang Motorrad gefahren ist, auf seiner Maschine davondonnern. Das japanische Motorrad ist mit nach Paris umgezogen, es parkt hinter dem schmalen Haus, in dem er jetzt mit einer alten Liebe lebt. Berger erklärt, als wir ihn in Paris treffen, dass er damit nur noch in der Stadt und im Umland fährt. Nicht mehr ins Ausland, keine großen Strecken mehr. Im hohen Alter nur noch kurze Strecken. Seine Partnerin sitzt dann hinter ihm. „Er ist mit der Maschine wie verwachsen, sie wird dann zum Teil seines Körpers“, sagt sie. Zwei alte Menschen innig umschlungen auf einem Motorrad in Paris: Gibt es ein moderneres Bild für ein gelungenes Leben? Man muss sich John Berger, der in diesem Jahr neunzig wird, als glücklichen Kentauren vorstellen.

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