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Der Schriftsteller John Berger : Zu Besuch beim glücklichen Kentauren

Menschen in der Natur statt der Natur des Menschen

Einer seiner berührendsten Texte beschreibt, wie er seinen toten Vater zeichnet, ihn im Moment seines Verschwindens umreißt und seine Züge festhält: „Von allem, was ich da sah, würde nur die Zeichnung übrigbleiben... Als ich seinen Mund, seine Augenbrauen, seine Lider zeichnete, als ihre ganz charakteristischen Formen mit den Linien aus dem Weiß des Papiers auftauchten, spürte ich die Geschichte und die Erfahrung, die sie so geformt hatten, wie sie waren.“ Und auch in diesem Text gibt Berger eine mögliche Definition von Kunst als Akt des „corriger la fortune“ – das Werden und Vergehen nicht zu akzeptieren, ihm etwas zu entreißen und in die Zukunft zu retten und sie erst möglich und denkbar und sichtbar zu machen. In den Zügen seines toten Vaters spiegelt sich auch seine eigene mögliche Zukunft.

Die „Seasons in Quincy“ sind auch ein Film über das Vergehen der Zeit. Es ist nicht ein Jahr, sondern es sind etliche, die zwischen den einzelnen Episoden liegen. Berger wird älter. Seine Partnerin in Quincy stirbt, als das Team drehen will. Was bleibt, ist Bergers ungebrochener Versuch, das Unvermeidliche der Natur vom durch den Menschen Veränderbaren zu unterscheiden. Es gibt Menschen in der Natur bei ihm, aber nicht die Natur des Menschen.

Spaziergang im Bergdorf: John Berger mit Tilda Swinton

Berger zeigt: Was als naturgegeben und alternativlos essentialisiert wird, ist politisch gewollt; die Natur selbst zeigt, dass es anders geht. Er schrieb über das gleichzeitig brutale (Massentierhaltung, Billigfleisch) und sentimentale (Zoo) Verhältnis der Städter zum Tier und das Unverständnis der Städter angesichts eines Bauern, der sein Schwein liebt und füttert und sich dann freut, es zu essen. In einem der Filme wird Bergers Verhältnis zu Tieren mit dem Interesse des Philosophen Jacques Derrida am „Animal“ kurzgeschlossen, und die cineastische Doppelzündung erhellt Bergers gesamte Ethik des Respekts, die die Kritik an der technischen Massentierhaltung vorwegnahm und das Tier als Begleiter des Menschen mit einer eigenen Würde vorstellte, ein Wesen, das parallel zu ihm lebt und die eigene Fremdheit und Eigenheit und Unverständlichkeit behalten darf.

Im letzten der vier Filme sieht man Berger, der sein ganzes Leben lang Motorrad gefahren ist, auf seiner Maschine davondonnern. Das japanische Motorrad ist mit nach Paris umgezogen, es parkt hinter dem schmalen Haus, in dem er jetzt mit einer alten Liebe lebt. Berger erklärt, als wir ihn in Paris treffen, dass er damit nur noch in der Stadt und im Umland fährt. Nicht mehr ins Ausland, keine großen Strecken mehr. Im hohen Alter nur noch kurze Strecken. Seine Partnerin sitzt dann hinter ihm. „Er ist mit der Maschine wie verwachsen, sie wird dann zum Teil seines Körpers“, sagt sie. Zwei alte Menschen innig umschlungen auf einem Motorrad in Paris: Gibt es ein moderneres Bild für ein gelungenes Leben? Man muss sich John Berger, der in diesem Jahr neunzig wird, als glücklichen Kentauren vorstellen.

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