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Der Schriftsteller John Berger : Zu Besuch beim glücklichen Kentauren

Kein modernefeindlicher Ruralist, sondern ein ruraler Futurist

Dort haben ihn im Verlauf der vergangenen Jahre die Schauspielerin Tilda Swinton und die Regisseure Christopher Roth, Bartek Dziadosz und Colin Mac Cabe besucht und unter dem Titel „The Seasons of Quincy“ insgesamt vier Filme über ihn gedreht: vom Winter, in dem Tilda Swinton und Berger in den Bergen einschneien und lange Nächte über ihre Soldatenväter sprechen, über den Frühling, in dem die Mutter von Bergers Kindern stirbt, bis zum Herbst.

Bergers Schritt nach Quincy, die Übersiedlung in ein Alpendorf, wurde bisweilen missverstanden als resignativer Schritt eines Mannes, der dem Urbanen, der Moderne, den Rücken zukehrt: der Gang aufs Land als Abschied von der Politik und dem Glauben an den Fortschritt, als Suche nach einem zirkulären Weltbild, in dem alles, die Tiere, die Jahreszeiten, vergeht und wiederkommt und der Mensch nicht viel daran ändern kann. Das Gegenteil, das zeigen diese Filme, die auf der diesjährigen Berlinale gezeigt wurden, auf ebenso lakonische wie brillante Weise, war der Fall: In den Bergen entwickelte Berger, als hätte die kalte Alpenluft den Blick geschärft, eine Poetologie des Politischen, das Land war für ihn kein Raum des Rückzugs hinter nostalgische alte Holztüren und tröstliche Bauerngardinen, sondern ein Möglichkeitsraum, in dem vieles undefinierter und freier war als in den überkontrollierten und musealisierten Städten: Man muss sich Berger nicht als modernefeindlichen Ruralisten, sondern als ruralen Futuristen vorstellen.

Bergers politische Kritik an ideologisch gewollten Lebensformen

Das erste Buch, das Berger dort schrieb, „The Seventh Man“, handelte von Arbeitsmigranten in Europa und liest sich heute, Jahrzehnte nach seinem Erscheinen, so, als sei es frisch auf die Migrationskrisen unserer Zeit hingeschrieben. Es ist kein Wunder, dass eine junge Generation Berger so verehrt, als wäre er der Bernie Sanders der Kunstkritik. Und es ist nicht erstaunlich, dass man in den Filmen Denker, Aktivisten und Autoren wie Ben Lerner, der am Drehbuch mitgeschrieben hat, mit Berger diskutieren sieht. Gerade in Deutschland ist diese Berger-Renaissance erstaunlich deutlich ausgeprägt: Dieser Tage wurde an der Berliner Volksbühne sein „A&X“ als szenische Lesung aufgeführt, das gleiche Stück war gerade an der Basler Volksbühne zu sehen, junge Künstlerinnen wie Andrea Gunnlaugsdottir beziehen sich auf ihn, und wenn man seinen Lieblingsbuchhändlern davon erzählt, dass man Berger gerade besucht hat, setzen sie einen in ihrem kleinen Laden sofort bei einem Lesungsabend zu Ehren von John Berger aufs Podium, bei dem die Buchhandlung vor Besuchern fast aus den Fugen platzt, obwohl nur vier Fans auftreten und nicht Berger selbst.

Die Vier, die Berger in Quincy besucht und Porträts über ihn gedreht haben: Bartek Dziadosz, Colin MacCabe, Tilda Swinton und Christopher Rothe (von links).

Was am heute fast neunzigjährigen Berger für die Gegenwart so interessant wie ein eben erst aufgetauchter neuer Denker ist, zeigt der Film. Wenn Berger die bäuerliche Großfamilie und ihre Gemeinschaftsrituale, das gemeinsame Kochen, die lange Tafel, feiert, dann ist das keine manufactumhafte Ästhetisierung des vormodernen Alltags, sondern eine politische Kritik an ideologisch gewollten Lebensformen, an der effizienzgesteuerten Reduktion des Bürgers im Spätkapitalismus auf Kleinfamilien und selbstverbesserungsabsorbierte Singleexistenzen. Wenn Berger eine Kartoffel in die Hand nimmt und über diese Kartoffel spricht, dann wirkt es, als handele es sich dabei um einen erstaunlichen Kometen, der aus der Zukunft in die Gegenwart gekracht ist. Wenn Berger über die Zeit schreibt und die Erinnerung, dann ist dieser Blick nach hinten ein Anlaufnehmen auf eine noch unaussprechbare Zukunft: Die Erinnerung an die Toten und das, was sie erlitten und erkämpft und gehofft haben, lasse, sagt Berger immer wieder, eine Komplizenschaft mit den noch Ungeborenen entstehen, und in dieser Gleichzeitigkeit der Anwesenden mit den nicht mehr und den noch nicht Anwesenden entwickelt er seine Poetologie.

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