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Filmerbe : Das sind auch die Werke von Frauen

Helke Sander in ihrem Film „Die allseitig reduzierte Persönlichkeit“ aus dem Jahr 1977 Bild: Picture-Alliance

Ihre Filme wurden selten gezeigt und sind kaum digitalisiert: Eine Berliner Filmreihe mit Werken von Regisseurinnen der sechziger und siebziger Jahre macht eine kulturpolitische Schieflage deutlich.

          Boy meets girl - das ist nicht gerade ein elektrisierendes Thema, wenn man anfängt, Filme zu machen und etwas lernen will, das anders ist als das, was landauf, landab sowieso überall gezeigt wird. Helke Sander machte aus der Vorgabe eine Übung mit einer Frau und zwei Männern in subjektiver Kamera (Barbara Lamers, Wolfgang Sippel und Rüdiger Minow), lernte dabei, drei verschiedene Perspektiven gegeneinander zu schneiden, nannte das Ganze treffend „Subjektitüde“ und hatte damit die Aufgabe an der Filmhochschule erfüllt. Herausgekommen ist ein Großstadtfilm über eine Berliner Straßenszene, in der die Kälte spürbar ist wie die kurze Irritation, Ironie beim Blick des einen Mannes auf sein Spiegelbild in einem Schaufenster, Verunsicherung beim anderen, und bei der Frau Lässigkeit, eine kurze Versuchung, bevor sie sich abwendet.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das war 1966. Inzwischen ist der vierminütige Sechzehn-Millimeter-Film ein Klassiker seines Fachs, sowohl des Kurzfilms wie auch des sogenannten Frauenfilms, der nur so heißt, weil betont werden musste, dass eine Frau Regie führte. Das war damals wie heute eine besondere Erwähnung wert.

          Aufbruchsjahre des europäischen Films

          Helke Sander gehört zu den Regisseurinnen, deren Filme im Programm des Zeughauskinos im Deutschen Historischen Museum in Berlin unter dem Titel „Aufbruch der Autorinnen“ gezeigt wurden. Im vergangenen Herbst kamen im ersten Teil der Reihe Filme wieder ans Licht, die zum großen Teil nicht kanonisiert sind und deren Autorinnen zeitlebens Schwierigkeiten hatten, ihren nächsten Film zu finanzieren. Auch Helke Sander, eine der prominentesten, experimentierfreudigsten und formal interessantesten Regisseurinnen jener Jahre (und der sogenannten zweiten Frauenbewegung) hatte von Film zu Film Probleme, ihre Budgets zusammenzubekommen, und wenn vom Neuen deutschen Film die Rede ist, kommt ihr Name, wenn überhaupt, nur am Rande zur Sprache.

          Da die Berliner Reihe die Geschichte nicht nur des deutschen, sondern des europäischen Films der Aufbruchsjahre auffächerte, in denen überall von „neuen Wellen“ und „jungem Film“ die Rede war, an denen die Regisseurinnen selbstverständlich teilhatten, konnte man auch Filme etwa von Márta Mészáros und Agnès Varda sehen, den einzigen beiden Frauen, deren filmhistorische Bedeutung heute weitgehend anerkannt ist.

          Selten gezeigt, bald vergessen, kaum digitalisiert

          „Subjektitüde“ wie auch Helke Sanders erster längerer Spielfilm „Eine Prämie für Irene“ waren im zweiten Teil der Reihe am vergangenen Wochenende in Berlin zu sehen. Länger heißt: ungefähr sechzig Minuten. Neunzig Minuten traute man ihr beim WDR, der das Geld gab, offenbar nicht zu.

          Nicht kanonisiert - das bedeutet: selten gezeigt, in filmhistorischen Seminaren nicht unterrichtet, entsprechend wenig bekannt, bald vergessen, nicht gesichert, kaum digitalisiert. Filme sind ein prekäres Gut. Sind sie auf Zelluloid gedreht, müssen sie analog gepflegt und gesichert werden. Sollen sie Teil lebendiger Filmgeschichte bleiben (oder, wie die in Berlin gezeigten: erst noch werden), müssen sie verfügbar sein, was ihre Digitalisierung voraussetzt, denn kaum ein Kino ist heute noch in der Lage, Sechzehn-Millimeter- oder auch 35-Millimeter-Kopien abzuspielen.

          Damit sich die Benachteiligung nicht wiederholt

          Da weder das Sichern des Ausgangsmaterials noch die Digitalisierung der Filme von Frauen aus den Aufbruchsjahren des europäischen Kinos in den Sechzigern und Siebzigern zu den Prioritäten bundesdeutscher Kulturpolitik gehören, hatte das Berliner Programm neben dem filmhistorischen auch einen filmpolitischen Zweck - den Blick aufs Filmerbe, um dessen Erhalt sich vordringlich gekümmert werden muss, auszuweiten und in Ecken der Geschichte zu leuchten, in denen selten das Licht angeht.

          Die Aufgabe heute ist also vielfältig. Es geht nicht mehr allein darum, die Werke von Filmemacherinnen aufzuführen, in Retrospektiven zu packen, in Seminaren zu unterrichten, in Veröffentlichungen zu beackern, wie das seit Jahrzehnten etwa die Zeitschrift „Frauen und Film“ tut, deren neues Heft sich mit den Filmen und Regisseurinnen beschäftigt, die in Berlin im Zentrum standen. Es geht darum, dafür zu sorgen, dass diese Werke auf den Listen des Filmerbes, das zu erhalten sei, auftauchen, damit sich die Benachteiligung der Filmemacherinnen, die bei der Produktion, Förderung und Auswertung herrschte und weiterhin herrscht, nicht beim materiellen Erhalt und bei der Digitalisierung, also der Verfügbarhaltung dieser Filme für ein Publikum wiederholt. Zunächst aber steht in diesen Wochen die Novellierung des Filmförderungsgesetzes an. Dreißig Prozent der Fördermittel für Filme von Frauen, um die in zahlreichen Studien belegte Schieflage im Wettbewerb zu korrigieren, das ist die Forderung des Verbands Pro Quote Regie. An eine Quotierung auf den Listen der zu erhaltenden Filme wagt noch niemand zu denken.

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