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Zeitungsübernahme : Ein schlankes, aggressives Geschäft

Was blüht der „Beriner Zeitung”? Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die „Berliner Zeitung“, die verkauft werden soll, könnte in die Hände David Montgomerys fallen: Der einstige „Mirror“-Geschäftsführer gilt als harter Sanierer, für den Journalisten nur Kostenfaktoren sind.

          „Warum sucht Holtzbrinck nicht das Gespräch mit deutschen Investoren?“ Das fragte gestern die Schatzmeisterin der SPD, Inge Wettig-Danielmeier, die im Nebenberuf die parteieigene Medienholding DDVG leitet.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          In den Ohren der Holtzbrinck-Manager muß die Frage ein wenig wie Hohn klingen, haben sie doch in den vergangenen Monaten mit vielen deutschen Verlagshäusern über den Verkauf ihrer beiden Zeitungen in der Hauptstadt, „Tagesspiegel“ und „Berliner Zeitung“, durchaus gesprochen und tun dies im Fall des „Tagesspiegels“ auch weiterhin. Nur liegt das Angebot ausländischer Finanzinvestoren von 150 Millionen Euro für die bereits gesundsanierte „Berliner Zeitung“ offenbar jenseits der Möglichkeiten, welche hiesige Zeitungshäuser haben. Doch zeigt sich die SPD-Medienfrau ganz unverdrossen und fragt, wieso Holtzbrinck nicht an ein Konsortium mittlerer deutscher Verlage gedacht habe. An einem solchen, so Inge Wettig-Danielmeier, hätte sich die SPD-Medienholding beteiligt.

          Wer sind die Investoren?

          Da liegt also der Hase im Pfeffer, den die „Frankfurter Rundschau“ nur zu gut kennt. Hatte die DDVG doch bei der Übernahme der „Rundschau“ ebenjene Investorenfirma namens 3i ausgestochen, die sich bis zuletzt bemühte, die in finanzielle Schwierigkeiten geratene Zeitung zu kaufen. Doch mit welchen Mitteln könnte die DDVG tätig werden? Und würde es der „Berliner Zeitung“ nützen, einem Konsortium der DDVG anzugehören? Zu spekulieren braucht man darüber nicht mehr, sind die Verhandlungen über den Verkauf der „Berliner Zeitung“ doch so weit fortgeschritten, daß man dem Kartellamt innerhalb von zwei Wochen das Übernahmeangebot avisieren will. Doch wer sind die Investoren?

          Es ist nicht nur die Investmentfirma 3i, die sich um den Berliner Verlag bemüht, sondern ein Triumvirat mit - so Verhandlungskreise - dem amerikanischen Unternehmen Veronis Suhler Stevenson (VSS) an zweiter Stelle und dem ehemaligen Geschäftsführer der britischen „Mirror“-Gruppe und Chef der britischen Beteiligungsgesellschaft Mecom, David Montgomery, als Spiritus rector. Er soll eine europaweite Zeitungskette planen, zu seinen Wunschobjekten sollen Blätter in England, Frankreich und Deutschland zählen, unter anderen die „Sächsische Zeitung“, die zu Gruner + Jahr gehört. Die Bertelsmann-Tochter verwaltet treuhänderisch die Geschäfte des Berliner Verlags für Holtzbrinck.

          Harter Sparkursfahrer

          Mit Montgomery könnte der Berliner Verlag jemanden zu spüren bekommen, der schon eher als die auf die Übernahme von Mittelständlern spezialisierten 3i-Leute zum Zerrbild des „Heuschrecken-Kapitalisten“ paßt. Er hat einen Ruf als harter Sparkursfahrer. In einer offiziellen Beschreibung ist die Rede davon, daß er die britische „Mirror“-Gruppe, die er im Januar 1999 verließ, von einer Marktkapitalisierung von 230 Millionen Pfund auf 1,2 Milliarden Pfund gebracht habe. Der „Economist“ aber schrieb zu Montgomerys erzwungenem Abgang, daß er Journalisten nur als Kostenfaktoren sehe und die Mirror-Gruppe geführt habe „like a lean, mean business“. Was unserer Erinnerung nach eine Anspielung auf einen Kinofilm ist, in dem davon die Rede war, aus einem Soldaten „a lean, mean fighting-machine“ zu machen, und wohl soviel wie „schlankes, aggressives Geschäft“ bedeutet. Der heute 56 Jahre alte Montgomery hatte sich seinerzeit beim „Mirror“ mit den Aktionären überworfen und war mit seinem Rücktritt einer Mißtrauensabstimmung des Verwaltungsrats zuvorgekommen. Die Verbindlichkeiten der Gruppe wurden auf 500 Millionen Pfund geschätzt, sie fusionierte mit dem Unternehmen Trinity zu Trinity-Mirror, der bis dato größten britischen Zeitungsgruppe.

          Das amerikanische Investmenthaus Veronis Suhler Stevenson macht derweil mit den Kollegen von 3i seit geraumer Zeit gemeinsame Sache. Sie investieren in den amerikanischen und den europäischen Medienmarkt, im Mai 2003 etwa haben sie sechs europäische Telefonbuchverlage gekauft, in insgesamt acht europäische Verlage haben sie investiert. Vergeblich bemühten sich 3i und VSS jedoch im Sommer des vergangenen Jahres um die Übernahme der britischen Telegraph-Gruppe, für die seinerzeit auch der Springer-Verlag bot. Mit im Boot bei 3i und VSS war auch damals Montgomery, der für die Telegraph-Gruppe schon vorsorglich ein radikales Sparprogramm entworfen hatte. Gekauft wurden die vier „Telegraph“-Zeitungen jedoch von den Brüdern Barclay, die mit dem Gebot von 665 Millionen Pfund alle anderen ausstachen. Mit Montgomerys Mecom hat 3i vor zwei Jahren die irische Local Press Group ge- und erst kürzlich mit Gewinn wieder verkauft.

          Und wie es aussieht, kommt dem angelsächsischen Dreierbund der Investoren diesmal beim Berliner Verlag niemand in die Quere, nicht einmal die Medienholding der SPD. Für diesen Donnerstag schon hat sich David Montgomery zu einem Besuch im Berliner Verlag angesagt.

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