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Zeitungsmarkt : Berlin ist erst der Anfang

Auf einmal ist Geld im totgesagten Zeitungsmarkt Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Finanzinvestoren haben den deutschen Medienmarkt entdeckt. Was sie eigentlich vorhaben, weiß allerdings niemand und vielleicht ist die große Aufregung gar nicht gerechtfertigt.

          In Stuttgart wird das Wochenende durchverhandelt. Die Zeit drängt. Denn seit bekanntgeworden ist, daß sie den Berliner Verlag kaufen wollen, stehen die angelsächsischen Finanzinvestoren 3i, Mecom und Veronis Suhler Stevenson unter großem Druck. Wenn alles glattläuft, werden schon am Dienstag oder Mittwoch Nägel mit Köpfen gemacht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es herrscht Hochdruck, hebt doch plötzlich beinahe im Stundentakt ein Verlag nach dem anderen den Zeigefinger und deutet an, daß er doch ein viel besserer Partner für die Holtzbrinck-Zeitungen wäre. Besonders Neven DuMont schickt seine Abteilungsleiter aus, um in Stuttgart und Berlin vielleicht doch noch in letzter Minute den Blick gen Köln zu richten.

          Erst wollte niemand, jetzt wollen sie alle

          Die Chefin der SPD-Medienholding, Parteischatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier, warnt unheildrohend vor ausländischen Investoren und einem „Kulturbruch“. Die Essener WAZ hingegen schweigt vielsagend und bietet - weil sie eine prall gefüllte Kriegskasse hat - im Zweifel immer mit.

          Der Süddeutsche Verlag gilt für den „Tagesspiegel“ als Wunschkandidat von Holtzbrinck, der norwegische Mischkonzern Orkla Media, der im Juli die „Netzeitung“ gekauft hat, sitzt ungeduldig im Hintergrund und hat sich vorsorglich schon mal nach dem Preis für den Berliner Verlag erkundigt, den man jederzeit zu zahlen in der Lage wäre. Die Mitarbeiter bangen derweil, was wird.

          Welche Ironie: Monatelang bekam Holtzbrinck für seine beiden Zeitungen in der Hauptstadt, die beide auf dem Markt sind, keine vernünftigen Angebote. Und jetzt wollen auf einmal alle die „Berliner Zeitung“ haben. Und mit einem Mal ist im totgesagten deutschen Zeitungsmarkt Geld drin. Viel Geld. Geld für Investitionen, wo doch der Anzeigenmarkt so mau ist und die Redaktionen kurzgehalten werden.

          Kein Investor will als Heuschrecke erscheinen

          Die 150 bis 160 Millionen Euro, die der Berliner Verlag kosten soll, schrecken die potentiellen Käufer jedenfalls nicht, wobei man schon annehmen darf, daß Holtzbrinck - da sich jetzt so viele zu Wort melden, erst recht - es darauf anlegen wird, den Preis von rund zweihundert Millionen Euro, den man 2002 selbst für den Berliner Verlag bezahlt hat, wieder herauszubekommen. Aber nun, im Augenblick der Transaktion, heißt es: Es ist gar keine Frage des Geldes, zumindest nicht nur, sondern eine der Glaubwürdigkeit. Wer den Berliner Verlag kauft, muß beides mitbringen. Was kann sich ein Zeitungshaus Besseres wünschen?

          Also sind die drei Finanzinvestoren darauf erpicht, nicht als jene Heuschrecken zu erscheinen, deren Plage der designierte Vizekanzler Franz Müntefering beschworen hat. Besonders David Montgomery, hinter dessen Firma Mecom auch einige der gefürchteten Hedgefonds stehen sollen, entspricht auf den ersten Blick genau dem Zerrbild.

          Wenn Montgomery den Raum betrete, sinke die Temperatur um zehn Grad, haben sie in der englischen Presse über ihn geschrieben, und den Spitznamen „Rommel“ trägt der kleine, drahtige sechsundfünfzigjährige Workaholic nicht etwa deshalb, weil man ihn für einen besonders freundlichen Feldherrn hielte.

          Finanzinvestoren scheiterten bislang

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