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Zarah Leander : Der deutsche Engel

Während der Nazi-Zeit war Zarah Leander einer der größten Leinwandstars. Doch die Liebesgeschichte zwischen den Deutschen und der Schwedin war ein großes Missverständnis. An diesem Donnerstag wäre sie hundert geworden.

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          Der Nachruhm der großen Filmdiven wird in Seitenzahlen gemessen, in Fotostrecken, Bücherlisten, Jubiläumsartikeln, Sondersendungen. Und da sieht es schlecht aus für Zarah Leander. Ihr hundertster Geburtstag ist für viele nur eine Notiz, Biographien erscheinen spärlich, das Fernsehen geht seinen gewohnten Gang. Zuletzt wurde die Geschlechterforschung für kurze Zeit auf Leander aufmerksam, so dass man Aufsätze mit Titeln wie „Zarah Leander and Transgender Specularity“ lesen konnte. Aber auch das ist vorbei.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Nur ihre Filme, etwa die „Zarah Leander Collection“ und die gerade erschienene „Jubiläumsedition“, verkaufen sich prächtig auf DVD, auch ohne Bonusmaterial. Das Durchschnittsalter der Käufer dürfte nicht allzu deutlich unter achtzig Jahren liegen. Die Liebesgeschichte dieser Generation mit der Schwedin, die wie keine andere „Ach!“ sagen konnte, hat nie aufgehört. Sie war, wie viele Liebesgeschichten, die unglücklich ausgehen, ein Missverständnis. Aber das schmälert nicht ihre Tiefe und Intensität.

          Sie wollte Garbo oder Dietrich sein

          Sara Stina Hedberg, geschiedene Leander, wollte nicht der Liebesengel der Deutschen werden, als sie 1936 in Wien mit Max Hansen, den die Nazis wegen seiner jüdischen Herkunft vertrieben hatten, in Benatzkys Operette „Axel an der Himmelstür“ auf der Bühne stand. Sie wollte eine zweite Garbo werden, eine neue Dietrich; deren Songs aus dem „Blauen Engel“ hatte sie für schwedische Bühnen einstudiert. Der Ufa, die nach dem Exodus von 1933 ein kreatives Geisterhaus war, kam sie wie gerufen, und während Hansen nach Stockholm emigrierte, schlug Zarah Leander Angebote aus England und Amerika aus und ging nach Berlin.

          1941 mit Mutter und Tochter in Schweden Bilderstrecke
          Zarah Leander : Der deutsche Engel

          Gleich ihre ersten Filme, beide von Detlev Sierck, der als Douglas Sirk nach Hollywood gehen sollte, sind ihre besten, sie prägen das Bild der reifen, dunklen, sich opfernden Schmerzensfrau, das alle ihre helleren Rollen überstrahlen sollte. In „Zu neuen Ufern“ ist sie die Geliebte eines englischen Betrügers, in „La Habanera“ die eingesperrte Ehefrau eines puertorikanischen Großgrundbesitzers, und jedesmal webt Sierck das Netz aus Schatten, Gittern, Schleiern um sie gerade so dicht, dass ihr wuchtiger Körper und sein übermächtiges Weh in perfektem Gleichgewicht sind. Und wie in ihren späteren Filmen - der Sudermann-Adaption „Heimat“, der Maria-Stuart-Paraphrase „Das Herz einer Königin“, dem Durchhaltedrama „Die große Liebe“ - geht es darum, den Punkt zu erreichen, an dem sie singen muss, was sie nicht mehr sagen kann. Ihre Stimme, ein geschulter Kontraalt, klingt, als wäre das Diseusen-Organ der Dietrich in einen tausendjährigen Brunnen gefallen. Sie klingt nach Wehmut, Verzicht, Melancholie, Zersetzung der Wehrkraft. Hitler wusste genau, warum er Goebbels zweimal verbot, Leander zur Staatsschauspielerin zu machen.

          1943 machte Zarah Leander mit den Nazis Schluss und ging zurück nach Schweden. Die Verachtung, die ihr dort entgegenschlug, hat sie so wenig verstanden wie die Liebe der Deutschen. So blieb ihr eigener Ruhm ihr fremd. Ihr Kinobild verblasst, bleiben wird ihre Stimme. An diesem Donnerstag wäre sie hundert Jahre alt.

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