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Kinofilm „Tove“ : Nicht so recht für ein Geschlecht entschieden

Soll ich schreiben, zeichnen oder nicht doch lieber gleich beides? Tove Jansson (Alma Pöysti) sinnt auf schöne Sachen Bild: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Als Zeitungscomic eroberten die Mumins erst England und dann die ganze Welt. Zaida Bergroths Spielfilm „Tove“ erzählt jetzt vom Liebesleben der Erfinderin und weltberühmten finnischen Künstlerin Tove Jansson – aber fast ohne die Mumins.

          3 Min.

          Filmbiographien von Künstlern neigen dazu, deren bekannteste Facetten in den Mittelpunkt zu stellen. Also begibt sich im Kino Vincent van Gogh in den Clinch mit Paul Gauguin („Lust for Life“ mit Kirk Douglas, 1956), geht Virgina Woolf ins Wasser („The Hours“ mit Nicole Kidman, 2002), dreht Alfred Hitchcock „Psycho“ („Hitchcock“ mit Anthony Hopkins, 2012) – um nur drei markante Beispiele zu nehmen. Was sollte da wohl Tove Jansson in Zaida Bergroths „Tove“ machen? Ihre Mumins zeichnen natürlich.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Von wegen! In den hundert Minuten Filmhandlung sieht man vielleicht gerade einmal hundert Sekunden lang jenes drollige Figurenensemble entstehen, das die finnische Autorin (1914 bis 2001) berühmt gemacht hat. Als Zeitungscomic eroberten die Mumins von 1954 an erst England und dann die ganze Welt. Auf Schwedisch – Janssons Muttersprache – geschriebene Erzählungen mit der knubbelnasigen Trollfamilie gab es zwar schon seit 1945, doch erst das englische Massenpublikum des Comicstrips sorgte für den internationalen Siegeszug auch der Kinderbücher, die von Tove Jansson mit Illustrationen versehen wurden. Aber darüber kaum ein Wort im Film.

          Stattdessen eine Selbstfindungsgeschichte, die zum einen damit beginnt, dass Tove Jansson malt, und auch damit endet – als wären die Mumins ein Irrweg gewesen. Dabei hat Jansson ihnen vier Jahrzehnte lang die Treue gehalten; nur die Sisyphusarbeit am täglichen Comicstrip gab sie 1959 wieder auf. Zum anderen aber erzählt der Film von Tove Janssons Liebesleben, und dem heutigen Zeitgeist kommt es entgegen, dass sie sich dabei nicht so recht für ein Geschlecht entscheiden mochte. Da gibt es den sozialdemokratischen Politiker Alos Wirtanen, dessen Schüchternheit nicht nur uns als Zuschauer, sondern auch Tove Jansson bezaubert. Und es gibt die Theaterregisseurin Vivica Bandler, die eher durch herben Charme besticht. Sie wird für Tove Jansson die große Liebe ihres Lebens. Die weitgehend unerfüllt bleibt.

          Alles das ist wahr, wie man aus den Lebenszeugnissen der Beteiligten weiß (und ganz am Schluss schneidet Bergroth eine Schmalfilmaufnahme ein, die Bandler von der in freier Natur tanzenden Jansson gemacht hat – ein hinreißendes Dokument von Lebensfreude, das auch das im Spielfilm ständig wiederkehrende Motiv von Janssons Tanzversuchen neu akzentuiert). Und all das wird von einem Darstellertriumvirat aus Alma Pöysti in der Titelrolle zwischen Krista Kosonen und Shanti Roney mit derartiger Subtilität im Schwanken der wechselseitigen Gefühle vorgeführt, dass es eine wahre Lust ist. Man mag das Drehbuch von Eeva Putro als schlicht schelten, aber was die Mitwirkenden daraus machen, ist schlecht anders zu nennen als grandios.

          Über das Ringen um die väterliche Anerkennung

          Wir kennen Finnlands Kino eigentlich nur durch die Filme der Brüder Kaurismäki. Mit deren Stimmung und Ästhetik hat Bergroths „Tove“ nichts zu tun, genauso wenig, wie sie die emotionalen Herausforderungen dieser großen schwedischsprachigen Künstlerin auf eine Weise zu inszenieren versuchte, die von Ingmar Bergman inspiriert wäre. Die Natur etwa spielt kaum eine Rolle bei Bergroth; ihre Figuren bewegen sich fast ausschließlich durch Interieurs, und sie wählt für die Farbsprache des Films epochengerecht die Technicolor-Palette von Hollywood-Melodramen aus den Vierziger- und Fünfzigerjahren, in denen die Handlung ja auch angesiedelt ist. Auch die großen Gefühle, die hinter der federleicht scheinenden Inszenierung brodeln, sind wie aus Arbeiten von Douglas Sirk oder Vincente Minnelli übernommen.

          Dass neben den drei Hauptdarstellern nicht viel Raum für psychologisch ausgearbeitete Nebenrollen bleibt, ist ein Wermutstropfen vor allem im Falle von Janssons Vater Victor, der als Bildhauer eine bekannte finnische Künstlerpersönlichkeit war, aber auf der Leinwand wie das Abziehbild eines ästhetischen Reaktionärs erscheint. Das Ringen um die väterliche Anerkennung ist die dritte Herausforderung für Tove Jansson im Film, und als sie dabei Erfolg hat, wird damit auch ein zweiter Zwiespalt nobilitiert. Ob es sich dabei ums Schaffen oder ums Privatleben handelt, soll hier offenbleiben.

          Und die Mumins? Neben den hundert Sekunden der raschen Blicke auf die unnachahmlich gezeichnete Welt des Schnupferichs, des Snorkfräuleins oder der Hatifnatten gibt es die herzerwärmende längere Szene einer Theateraufführung, die Vivica Bandler nach Janssons Kinderbüchern konzipiert hat. Und wer da etwa die Figur des Hemul auf der Bühne sieht, der spürt selbst in der Beiläufigkeit, die „Tove“ auf diesen scheinbar reinen Schauwert verwendet, die Liebe, die Jansson für ihre Geschöpfe hatte. Und so ist der Film, der ihrem Leben und Lieben gilt, nicht nur zeitgemäß, sondern auch zeitlos.

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