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„You Kill Me“ im Kino : Ein Auftragsmörder auf dem Weg zur Besserung

  • -Aktualisiert am

Ein alternder Profi-Killer verschläft einen entscheidenden Auftrag, weil er betrunken ist, wird für eine Weile aus dem Verkehr gezogen und verliebt sich. John Dahls Film „You Kill Me“ mit Ben Kingsley ist eine gute Schule in Fatalismus.

          Das Töten von Menschen ist Präzisionsarbeit. Killer sollten also möglichst klar im Kopf sein, wenn sie ihrem Handwerk nachgehen. Frank Falenczyk, einschlägig beschäftigt in Buffalo, einer unansehnlichen amerikanischen Stadt unweit der kanadischen Grenze, ist vor einem wichtigen Auftrag aber schon so betrunken, dass gar nichts mehr schiefgehen kann. Er verschläft den entscheidenden Moment ganz einfach.

          Unbehelligt spaziert ein Mann, der seinen Flug nach New York nie antreten sollte, durch das Gate. Für die polnische Abteilung des organisierten Verbrechens von Buffalo ist dies ein empfindlicher Rückschlag in den Territorialstreitigkeiten mit den Iren. Frank Falenczyk (Ben Kingsley) aber wird erst einmal für eine Weile aus dem Verkehr gezogen. Ein Ticket nach San Francisco, eine Adresse am Ort, ein höflicher, aber bestimmter Kontaktmann, ein Job bei einem Leichenbestatter und der dringende Ratschlag, an den Treffen einer Gruppe Anonymer Alkoholiker teilzunehmen - so sieht das neue Leben von Frank Falenczyk aus. Es ist tragikomisch, so ernst wie der Tod, aber auch so komisch wie das Leben.

          Altersweise Variation

          „You Kill Me“ von John Dahl ist eine altersweise Variation auf das ewige Thema vom Professional, der sich im richtigen Leben nicht zu helfen weiß. Er hat sich in seinen Gewohnheiten festgefahren. Das Milieu, dem er entstammt, büßt gerade seine Existenzgrundlage ein. Gute Gründe, zur Flasche zu greifen und langsam aus dem Leben zu dämmern.

          Der Film erzählt von der einzigen Kur, die da noch helfen kann: Liebe. Selbst für einen verwitterten Mann gibt es noch Chancen, wenn er so aussieht wie Ben Kingsley. Nicht bei den AA-Meetings, sondern im Bestattungsinstitut trifft Frank Falenczyk auf Laurel Pearson (Téa Leoni). Sie verkauft Werbezeiten für die Radiostationen in der Bay Area. Den richtigen Mann hat sie noch nicht kennengelernt, sie ist also nur mäßig schockiert, als Frank ihr bei der ersten Verabredung verrät, dass er ein „Alkoholiker auf dem Weg der Besserung“ ist. Zwischen Buffalo und San Francisco liegen nun ausreichend Meilen, um die alten Geschichten (und den angestammten Beruf) für eine Weile zu vergessen. Irgendwann aber holen die alten Geschichten jeden Mann ein, da kann die Existenz noch so unscheinbar sein, in der er sich gern verkriechen würde.

          Aus dem Blickfeld verschwunden

          „You Kill Me“ ist eine verhaltene Farce, in der John Dahl mit den Formeln des klassischen Kinos arbeitet, ohne sie entscheidend zu verändern. In den neunziger Jahren galt der Regisseur eine Weile als Hoffnungsträger für eine Erneuerung des Film Noir - in „Red Rock West“ wurde eine Kleinstadt zum Schauplatz kurioser Verwechslungen rund um einen Auftragsmord an einer Ehefrau, in „The Last Seduction“ zeigte Linda Fiorentino, was eine zeitgemäße Femme Fatale war. Danach verschwand John Dahl aber ein wenig aus dem Blickfeld. Er arbeitete für das Fernsehen, und „You Kill Me“ mag nun beinahe wie ein Comeback im Kino erscheinen, wie ein Liebhaberstück zwischen Dutzendware.

          Dahl hat einen guten Sinn für Schauspieler, der hier vor allem in den Nebenrollen zur Geltung kommt. Téa Leoni hatte bei ihren wenigen Chancen im Mainstreamkino immer die Spur zu viel Esprit, um wirklich ein Star werden zu können. Hier spielt sie tapfer das in die Jahre gekommene City Girl. Luke Wilson spielt mit verhaltener Selbstironie den schwulen Mentor von Frank Falenczyk, während in jener Welt, die Frank gerne hinter sich lassen würde, einige prächtige Männerdarsteller gegeneinander antreten: Philipp Baker Hall hat als erschöpfter Kleinpate keine Chance gegen den lächerlich auftrumpfenden Iren O'Leary (Dennis Farina).

          Wie im Grunde alle Filme über das geschäftsmäßige Töten läuft „You Kill Me“ auf einen allerletzten Job hinaus. Frank Falenczyk muss zeigen, ob er gelernt hat, sich den grausamen Ironien seiner Branche zu stellen. „You Kill Me“ ist auf jeden Fall eine gute Schule in Fatalismus.

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