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Film über ungewollt Schwangere : Am Ende der weiblichen Autonomie

  • -Aktualisiert am

Talia Ryder als Skylar orientiert sich im persönlichen Ausnahmezustand. Bild: Focus Features

Für junge Frauen in Amerika geht es derzeit um Bestand oder Rücknahme elementarer Rechte. Eliza Hittmans Film „Niemals Selten Manchmal Immer“ macht klar, was das bedeutet.

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          Im Idealfall ist die Liebe eine Kraft, die alles verändert. „He makes me do things I don’t wanna do“, singt die siebzehn Jahre alte Autumn bei einem Schulwettbewerb. „He’s got the power of love over me.“ Der Song ist von einer Gruppe namens „The Exciters“, aus dem Jahr 1962. Damals waren noch nicht einmal die Eltern von Autumn auf der Welt. Doch wer ist es, dessen „Liebesmacht“ die junge Frau mit fast brechender Stimme besingt? Das bleibt weitgehend im Ungewissen, auch wenn der junge Mann, der sie mit dem Zwischenruf „Schlampe“ adressiert, sicher ein Kandidat ist. Mit ihrem Auftritt versucht Autumn, eine Macht zu brechen, die größer ist als nur der Mann, für den sie Dinge tut, die sie nicht tun will. Sie singt auch gegen ihren Vater an, der ihre Verzweiflung als Laune abtut, und gegen die kleine Welt, in der sie gefangen ist: ein Kaff in Pennsylvania, in dem sie als Supermarktkassiererin gerade so viel Geld verdient, dass sie ihrer Familie nicht zur Last fallen muss.

          Aber eine Perspektive bekommt sie dadurch nicht. Der Song enthält auch eine konkrete Anklage, denn Autumn ist schwanger. Und zwar ungewollt. Das wird später noch einmal deutlicher geklärt in Eliza Hittmans Film „Niemals Selten Manchmal Immer“, zu Beginn bleibt es verborgen in der Sprachlosigkeit der jungen Frau, die sich niemand anvertraut, dann immerhin aber doch zu einer Beratungsstelle geht, wo sie eine niederschmetternde Auskunft bekommt: Ein Schwangerschaftstest kann wohl einmal ein „false negative“ ergeben, aber kein „false positive“. Wenn da „schwanger“ angezeigt wird, dann ist sie auch schwanger.

          Zur richtigen Zeit

          „Niemals Selten Manchmal Immer“ hatte zu Beginn dieses Jahres in Sundance Premiere, und lief gleich darauf auch im Wettbewerb der Berlinale. Der Film ist in seiner ästhetischen Autonomie weit davon entfernt, sich als Statement für das amerikanische Wahljahr zu gerieren. Und doch kommt er nun in Deutschland zu einem Zeitpunkt ins Kino, in dem in den Vereinigten Staaten durch den Tod der Richterin Ruth Bader Ginsburg die Frauenfrage neu ins Zentrum gerückt ist. Die von Präsident Trump designierte Nachfolgerin Amy Coney Barrett ist eine konservative Katholikin, die Abtreibungsgesetzgebung kehrt mit ihr wohl auf die Tagesordnung zurück.

          In der Geschichte von Autumn und ihrer Cousine Skylar laufen die Auseinandersetzungen in dieser Frage im Hintergrund mit. Man muss darauf nicht achten, aber es ist deutlich, dass Eliza Hittman jene Kunst des impliziten Erzählens exzellent beherrscht, die im Weltkino in den letzten zwanzig Jahren zu der geläufigsten Form des Realismus geworden ist. Auf den ersten Blick geht es jeweils nur um ganz konkrete Dinge: Autumn muss erst einmal herausfinden, in welchem Monat sie ist, die Frau, mit der sie dabei spricht, erweist sich als befangen, denn ihr geht es in erster Linie darum, die Herzschläge des wachsenden Kinds vernehmbar zu machen. Nach den Umständen der Schwangerschaft fragt sie nicht.

          Gemeinsam mit Skylar macht Autumn sich auf den Weg nach New York. Mit dem Bus und mit ein bisschen Geld, das sie aus dem Supermarkt abgezweigt haben. Unterwegs treffen sie einen jungen Mann, der aus den Gründen nach New York fährt, aus denen auch Autumn und Skylar fahren sollten – um ein Abenteuer zu erleben, um sich in die Musikszene zu stürzen, um die große Welt kennenzulernen. Aber die beiden Frauen sind eine Schicksalsgemeinschaft, sie schotten sich ab, immerhin tauscht Skylar die Telefonnummer mit dem Jungen.

          Anders als in Pennsylvania dürfen in New York auch Abtreibungen vorgenommen werden, wenn die Frau noch nicht volljährig ist. Der Name der Anlaufstelle fällt beiläufig: Planned Parenthood ist eine bedeutende Organisation im „Pro Choice“-Lager und häufig Ziel konservativer Angriffe. Eliza Hittmans Film bekommt in diesen Szenen beinahe dokumentarischen Charakter, denn sie schildert eingehend die Stationen, die Autumn zu absolvieren hat. Sie hatte naiverweise gedacht, mit einem Nachmittag wäre alles getan, aber es erweist sich, dass das Protokoll komplizierter ist.

          Der Filmtitel bekommt hier auch einen Sitz im Leben, die vier Worte gehören zu einer Befragung, bei der Autumn widerstrebend zu erkennen gibt, dass sie Erfahrungen mit Gewalt und Missbrauch gemacht hat. Viele der Frauen in diesen Szenen spielen sich selbst und müssen fürchten, sie könnten von fundamentalistischer Rechtsprechung in die Illegalität gedrängt werden. Dabei geht es doch in erster Linie um einen prozedural abgesicherten Raum der Autonomie: Der Höhepunkt des Films ist ein Moment, in dem Autumn (vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben) zu einem Akt von grundlegender Selbstbestimmung befragt wird.

          „Niemals Selten Manchmal Immer“ schafft diesen Raum der Autonomie auch mit filmischen Mitteln. Die Freundschaft zwischen Autumn und Skylar wird beschützt von einer Kameraarbeit, die zugleich intim und diskret ist. Die beiden jungen Frauen erleben New York auf eine Weise, die der Mythologie der Stadt deutlich zuwiderläuft, aber doch erkennen lässt, dass die Menschen einander hier mit einer prinzipiellen Zivilität begegnen. Sidney Flanigan und Talia Ryder sind großartig in ihrem introvertierten Spiel, weit weg von nach außen gekehrter „girl power“, kraftvoll in ihrer nahezu wortlosen Solidarität. In den nächsten Wochen wird es entscheidend darum gehen, wie und was Amerika wirklich ist. Da kommt dieser ebenso intelligente wie sensible Außenseiterfilm gerade richtig. Denn „Niemals Selten Manchmal Immer“ ist auch Amerika. Und zwar zutiefst.

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