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„Wonder Woman“ im Kino : Popcorn für Penthesilea

Der Spaß daran besteht darin, dass just dieses wüste Durcheinander eine Wahrheit über den Ersten Weltkrieg und über die Antike gleichermaßen mitteilt, nämlich dass beides geschichtliche Tatsachen waren, in denen die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung verschiedener Gesellschaften (Griechen, Barbaren, Deutsche, Russen) zu spektakulären Ergebnissen führte. Wenn das Superheldenkino-Besetzungsbüro seine Sache gut macht, führt jenes Übertreibungsprinzip auch dazu, dass Schauspielerinnen und Schauspieler in solchen Filmen genau die Rollen spielen, in denen sie eh am besten sind, nur breiter, größer. Chris Pines wunderschöne Augen waren noch nie strahlender als in „Wonder Woman“. Dass man für die winzige Nebenrolle der Penthesilea die Tänzerin und Fitness-Prophetin Brooke Ence verpflichtet hat, hätte Heinrich von Kleist einen schönen Hysterieanfall beschert. Und die erhabene Robin Wright spielt in „Wonder Woman“ das, was sie auch in „House of Cards“ darstellt, nur diesmal eben so explizit, dass es auch Kinder merken: eine Generalin.

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„Wonder Woman“ hat vom Start weg Unmengen Geldes eingespielt. So wird der Menschheit durch Tausende von Texten gerade allerorten der Umstand ins Bewusstsein gerückt, dass die Entstehung und Geschichte der Comicfigur, von der dieser Film handelt, noch viel erstaunlicher ist als die Abenteuer, die sie seit 1941 erlebt. William Moulton Marston erfand sie, um Mädchen in Zeiten, da Wirtschaft und Krieg jungen Frauen mehr als nur häusliche Aufgaben stellten, ein dynamisches Vorbild zu schenken. Unter dem Pseudonym Charles Moulton, unterstützt vom Zeichner H.G. Peter, schickte er Diana auf eine lange Reise voller Erfolge und Niederlagen: Die erste Zusammenarbeit der Heldin mit der „Justice Society of America“, die nur aus Jungs besteht, erniedrigte sie noch zu deren Sekretärin; 1972 aber forderte die politische Frauenzeitschrift „Ms.“ auf dem Titel „Wonder Woman for President“, und drei Jahre später nahm das Fernsehen eine „Wonder Woman“-Serie mit Lynda Carter in der Titelrolle ins Programm, die wiederum die Künstlerin Dara Birnbaum zu einer Pionierarbeit feministischer Videokunst anregte: „Technology/Transformation: Wonder Woman“ (1978 und 1979), sechs Minuten, die nichts Geringeres als eine scharfe Gesamtkritik an massenkulturellen Geschlechterstereotypen per „Disidentifikation“ erreichen sollten – man kann das Werk derzeit in der Londoner Ausstellung „Into the Unknown“ sehen (F.A.Z. vom 8. Juni), es hat sich nicht schlecht gehalten und lädt zur aufgefrischten zeitgemäßen Analyse ein, wie sie in Buchform die Publizistin Jill Lepore 2014 dem „Wonder Woman“-Komplex insgesamt mit „The Secret History of Wonder Woman“ gewidmet hat (ein besseres Buch über Pop und Heroismus wird man lange suchen müssen).

Der Comicverlag DC, der mit der Interpretation des Amazonenstoffs durch Patty Jenkins im Kino endlich wieder so gut aussieht wie zuletzt mit Christopher Nolans Batman-Epen, ist auf seine Prinzessin im Moment sehr stolz und vergisst dabei, dass er sie zwischen 1960 und 1987 eher stiefmütterlich behandelt hat. Autorinnen und Autoren, die sonst nichts zu tun hatten, wurden mit ihrem Schicksal betraut, bis sich vor dreißig Jahren schließlich der große George Pérez der Sache annahm. Die Pérez-Ära ist die schönste in Wonder Womans langer Geschichte, und Jenkins hat sich daraus erfreulicherweise visuell frei bedient, von den Kostümen bis zu den Bauten (die Paradiesinsel sieht im Film aus wie von Pérez persönlich, Klippe für Klippe, aufs Blatt gekratzt, jammerschade nur, dass man uns nicht auch noch seinen Olymp zeigt).

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