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WM-Film „Die Mannschaft“ : Wer dreht so etwas – die Hand Gottes?

Da krieg’ ich ja schon vom Zuhören einen Wadenkrampf: Bastian Schweinsteiger lauscht am Rande der WM-Presseverlautbarung der Fußballbürokratie. Bild: dpa

Die Fifa kontrolliert, der DFB führt Regie, und alle spielen mit: Sehen so Weltmeister aus? Der Film „Die Mannschaft“ erinnert stellenweise an einen „Traumschiff“-Landausflug.

          3 Min.

          Fußball, hat Karl-Heinz Rummenigge mal gesagt, sei keine Mathematik. Fußball ist auch kein „großes Kino“, wie Kommentatoren immer wieder daherplappern. Fußball ist zunächst mal Fußball und bleibt es auch, wenn er im Kino gezeigt wird, wenn also das Runde ins Eckige der Leinwand muss. Da entsteht dann nur leider das Problem, was vom Fußball bleibt, wenn er ins Kino oder auch auf den Fernsehschirm gekommen ist.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          An dem Film „Die Mannschaft“, dessen Trailer mit Thomas Müller als Servierkraft im Dirndl inzwischen jeder schon gesehen hat, kann man dieses Problem riesenhaft vergrößert sehen - auch wenn Oliver Bierhoff behauptet, der Film sei näher dran als Sönke Wortmanns „Deutschland. Ein Sommermärchen“. Der Film trägt das offizielle Siegel der Fifa, der DFB hat sich als Produzent betätigt, und statt eines Regisseurs hat der Film einen Kameramann (Martin Christ), einen Redakteur (Ulrich Voigt), einen Cutter (Jens Gronheid), die im Auftrag des DFB gearbeitet haben, und dazu den „Sommermärchen“-erfahrenen Producer Tom Spieß.

          Autorenfilm sieht anders aus, wäre hier auch eher kontraproduktiv, aber das heißt natürlich nicht, dass sich nun das Material von selbst organisierte und etwas so Schwammiges wie Authentizität entstünde. Wo dem „Sommermärchen“ eine gewisse Sönkewortmannhaftigkeit im Guten wie im Schlechten nicht abzusprechen war, da waltet hier nur die unsichtbare Hand des DFB.

          Sie greift nach dem, was keine Überraschungen befürchten lässt. Da wird für die Spielszenen das sogenannte „Weltbild“ benutzt, das im Auftrag und unter Kontrolle der Fifa während Welt- und Europameisterschaften in den Stadien produziert wird, dazu kommen die Aufnahmen des DFB-Mannes aus Bozen, Brasilien und Berlin sowie einige Interviews, die nach der Heimkehr gedreht wurden. Die Montage bleibt dabei weitgehend in der Chronologie, auch wenn sich der Anfang humorvoll gibt und Thomas Müller aus dem Off seinen Freistoßstolpertrick aus dem Algerien-Spiel erläutern lässt. Beim Training in Campo Bahia, das sieht man sofort danach, hat’s gar nicht mal so schlecht geklappt - auch wenn Joachim Löw mit retrospektiver Milde anfügt, in der Spielsituation hätte man das nun nicht gerade probieren müssen.

          Das ist auch die Rollenverteilung: Löw, der ruhig, seriös, nachdenklich den Kurs erläutert; Bierhoff, der immer adrett sein Managerfortbildungsvokabular spazieren führt, ein paar Spieler, die entspannt Auskunft geben, wobei der beste Beitrag von Per Mertesacker stammt. Als er den penetranten ZDF-Reporter nach dem Algerien-Spiel so großartig auflaufen ließ wie einen hechelnden Stürmer, da sei er „einmal ehrlich gewesen“, sagt Mertesacker lächelnd.

          Malerische Urlaubsansichten

          Vergleicht man das alles mit Wortmanns Film oder gar mit Stéphane Meuniers immer noch unerreichtem „Les Yeux dans les Bleus“ über das französische Weltmeisterteam von 1998, hat die DFB-Kamera nicht so viel zu bieten. Malerische Urlaubsansichten aus dem Camp, Mario Götze beim Tischtennis in Superzeitlupe, fade Niersbach-Reden, Christoph Kramers Gesangseinstand auf der nächtlichen Fähre, auch mal ein putziges exotisches Tier und ein Ausflug in eine Schule, wo alle sehr nett und zugewandt wirken und Bierhoffs Botschaft den Auftritt zur Landeserkundung veredelt. Es sieht bloß leider so aus wie ein „Traumschiff“-Landausflug mit prominenten Fußballern.

          Der Stimmungsexpress: Per Mertesacker, Benedikt Höwedes und Thomas Müller feiern sich im Mannschaftsbus.

          Auch der Rhythmus des Films ist etwas einschläfernd: ein Luftbild, ein Busbild, eine Einblendung, zu welchem Spiel es gerade geht. Die sieben Tore gegen Brasilien werden schon zu Beginn abgefeuert; auffällig daran, dass die Brasilianer sogar um ihren einzigen Gegentreffer gebracht werden, wogegen alle anderen Tore, welche die deutsche Mannschaft kassierte, zu sehen sind. Die kleineren Überraschungen, mit denen das „Sommermärchen“ noch aufwarten konnte, halten sich in Grenzen. Lustig, wie Philipp Lahm ausgerechnet vor dem Wiedersehen mit Klinsmann beim Spiel gegen die Vereinigten Staaten brüllt: „Die hauen wir weg!“ Aufschlussreich, wie gepresst und zugleich wie scharf Löws Stimme klingt, wenn er in der Kabine die Motivationsansprache hält. Und furchtbar verklemmt, wie am Ende der Gaucho-Gang vorm Brandenburger Tor zwar von der Seite gezeigt wird, aber mit dem grausamen Popsong „Auf uns“ unterlegt ist.

          Aber „Die Mannschaft“ ist halt kein Dokumentarfilm. Es geht um Hagiographie, um die Reproduktion eines Gefühls, um Gedächtnisstützen vielleicht auch für diejenigen, welche im Vollrausch auf der Fanmeile das eine oder andere Detail verpasst haben. Eine Event-Aufbereitung, zu der passt, dass man sich nicht mal die Mühe gemacht hat, die Spielszenen vom öffentlich-rechtlichen Jubelperser-Sound der Kommentatoren zu befreien. Da ist es auch keine Überraschung, dass man sich Drama, Verzweiflung und Erlösung nicht anders vorstellen kann als in den konfektionierten Einstellungen des Fifa-Weltbilds.

          Einen Dokumentarfilm zeichnet aus, dass er etwas wissen und dieses Wissen mit seinem Publikum teilen will. „Die Mannschaft“ zeichnet aus, dass hier etwas so lange bekräftigt werden soll, bis ein einziger großer Wiedererkennungseffekt entstanden ist. Das nennt man Imagefilm. Große Konzerne produzieren so etwas - nur dass sie diese Filme nie ins Kino (oder sogar, wie diesen bereits im Dezember, noch ins Fernsehen) bringen. Aber womöglich kommt ja in diesem Format auch die ganze homogenisierte, fifa-kontrollierte, themenparkhafte Weltmeisterschaft zu sich. Mit der Geschichte, welche jedes Spiel auf dem Platz erzählt, hat das immer weniger zu tun. Man ist schon fast froh, dass es außer Torschüssen überhaupt noch Fußball zu sehen gibt. Aber auch nur fast.

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