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Film „Wir beide“ : Kino der Chimären

Sie lässt die Geliebte nicht fallen: Barbara Sukowa (rechts) und Martine Chevallier in „Wir beide“ Bild: Weltkino Filmverleih GmbH / Paprika Films

Filippo Meneghetti hat mit „Wir beide“ einen Film gedreht, wie es noch keinen gab. Trotzdem ist alles unheimlich vertraut. Und Barbara Sukowa spielt die Rolle ihres Lebens.

          3 Min.

          Deux“ heißt dieser Film im französischen Original – einfach nur „Zwei“. Die aber ein Paar sind, nach außen hin jedoch getrennt leben, in zwei gegenüberliegenden Apartments im Obergeschoss eines unspektakulären Wohnhauses. Zwei Frauen, schon jenseits jener Jahre, die man sich als die besten schönredet. Die eine, Madeleine, Französin, ist hier mit ihrem Mann eingezogen und nach dessen Tod dageblieben. Die andere, Nina, eine Deutsche, ist hergekommen, weil Madeleine schon da war. Kennengelernt aber haben sie sich in Rom, vor mehr als zwanzig Jahren, und jetzt wollen sie wieder dorthin, weit weg von Frankreich, in eine gemeinsame Wohnung, um endlich ihre Liebe auch vorleben zu können. Dafür sollen die Apartments verkauft werden, aber das bedeutet, dass Madeleines längst erwachsene Kinder erfahren werden, wie es am Ende um die Ehe der Eltern stand. Noch glauben sie, dass die Treue zu ihrem toten Mann Madeleine an diese Wohnung fesselt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Ein ganz normales Kino-Familiendrama? Keinesfalls, obwohl sich in „Wir beide“, wie der Film in Deutschland heißt, zunächst alles so abspielt, wie man es erwarten darf. Madeleine ist zu feige, ihren Kindern reinen Wein einzuschenken, traut sich aber auch nicht, Nina zu enttäuschen. Dann kommt eine Komplikation, die es unvermeidlich machen sollte, die Karten auf den Tisch zu legen: Madeleine erleidet einen Schlaganfall und wird zum Pflegefall, der Sprache und ihrer Bewegungsfreiheit beraubt. Verzweifelt bemüht sich Nina, ihr beizustehen, aber die Kinder engagieren für die Mutter eine Ganztagsbetreuerin. Wie Nina sich nun in die Nachbarwohnung schleichen muss, die sie zuvor genutzt hat wie die eigene, das könnte auch die Grundlage für eine Komödie abgeben. Oder für eine Tragödie.

          Ästhetisches Cross-Over

          Der junge Italiener Filippo Meneghetti macht in seinem Debüt als Regisseur jedoch etwas ganz anderes daraus – einen Psychothriller fürs Herz. Und fürs Hirn, denn schon die erste Szene fordert heraus: Zwei Mädchen spielen in einem baumgesäumten Parkweg Verstecken. Plötzlich ist das eine verschwunden, und das andere zweifelt an seinen Sinnen ebenso wie die Zuschauer, weil nicht geschehen sein kann, was man da sieht. Später wird sich dieses Ereignis als Angsttraum von Nina erweisen, doch die Unheimlichkeit des Beginns prägt fortan die ganze Dramaturgie von „Wir beide“. Wie Meneghetti in einem Film, der es leicht hätte, mit melancholischer Gefühligkeit ein reifes weibliches Publikum – derzeit das lukrativste Zuschauersegment in den Arthouse-Kinos – für sich zu gewinnen, stattdessen mit Konventionen eines Genres spielt, das gemeinhin als wenig attraktiv für Frauen gilt, des Horrorfilms, das ist von einer Souveränität, die eher einen Altmeister des Kinos vermuten ließe. Früher hat Antonioni mit derartigen ästhetischen Cross-Overs gearbeitet. „Blow Up“ und „Zabriskie Point“ sind solche Chimären.

          Antonioni aber hätte keinen seiner Filme so besetzt, wie es Meneghetti getan hat. Das Kino der Attraktionen war bei ihm an körperliche Attraktivität gebunden, während Madeleine und Nina von zwei Schauspielerinnen dargestellt werden, die aus ihrem Alter vor der Kamera von Aurélien Marra kein Hehl machen: Martine Chevallier von der Comédie-Française, ein französischer Bühnenstar, der fürs Kino aber noch gar nicht richtig entdeckt worden ist, und Barbara Sukowa, die schon für Fassbinder, Margarethe von Trotta, Schlöndorff und Lars von Trier gespielt hat und als Hannah Arendt in Trottas gleichnamigem Film vor acht Jahren den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht zu haben schien. Das war ein Irrtum: Die Rolle ihres Lebens ist die der Nina.

          Fahler Glanz 

          In jedem Augenblick fürchtet man mit Nina und um sie und sich vor ihr, weil die Intensität des zurückgenommenen Spiels der Sukowa einem brodelnden Vulkan gleicht. Dabei liegen die Ausbrüche vor dem eigentlichen Wendepunkt des Dramas, nur weiß man danach, wie es in ihr aussieht. Umso meisterhafter ist die stete Verzögerung – und das angesichts einer Inszenierung des Films, die immer das Schlimmste suggeriert, etwa durch die zwanghafte Fokussierung der Einstellungen auf die Türspione der Wohnungen. Der zweite Bezugspunkt für Meneghettis Bildsprache ist David Lynch.

          Aber weder Lynch noch Antonioni hatten diese unbedingte Zuneigung für ihre Figuren. Die dazu führt, dass Meneghetti bedingungslos Partei nimmt für dieses alte Paar. Und doch die Nebenrollen dabei nicht aus den Augen verliert, bei denen Léa Drucker, immerhin im vergangenen Jahr césargekrönt als beste Hauptdarstellerin, die Tochter mit einer Ambivalenz ausstattet, dass man ständig mit deren Überschwenken auf die Seite der Mutter rechnet, und Muriel Bénazéraf die Rolle der Betreuerin zu einem Minipsychogramm sozialer Diskrepanzen in Frankreich werden lässt. Aber alles überstrahlt der fahle Glanz der beiden alten Frauen, denen Meneghetti am Schluss ein offenes Ende beschert, das wohl das beste ist – für sie und für das Kino.

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