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Rückkehr einer Ikone : My Winona

Winona Ryder in der Kampagne von Marc Jacobs. Die beiden sind seit 25 Jahren befreundet. Bild: Marc Jacobs

Sie ist die Frau, die immer aussah, wie Lieblingslieder klingen. Jetzt wirbt sie für den Modedesigner Marc Jacobs. Eine Hymne auf Winona Ryder und den sentimentalen Quatsch der Sentimentalität.

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          Sie war erst viel zu lange weg und kam dann viel zu langsam wieder. Hier ein Film, da der nächste, „Black Swan“ war sicher der berühmteste. Die blöde Sache mit ihrem Kaufhausdiebstahl, damals bei Saks in Beverly Hills, verblasst genauso langsam, und das jetzt noch mal zu erwähnen, trägt zwar auch nicht gerade zur Rehabilitation bei, aber es gehört halt zur Geschichte dazu: Weil Winona Ryder damals eben auch einen Kaschmirpullover von Marc Jacobs geklaut hatte – und jetzt derselbe Marc Jacobs, einer der schlauesten Designer von heute, erklärt hat, dass er seine Lippenstifte und Schminke mit Winona Ryder bewerben will, Kollektion Frühjahr 2016.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Beweisfoto, das er auf Instagram mitschickte, sieht dabei allerdings mehr nach Herbst 1965 aus, eine Frau mit einer Vergangenheit und schweren falschen Wimpern, so schwer, dass sie ihren Kopf auf einen Spiegel betten muss, müde und traurig und gleichzeitig leicht. „Letztes Jahr in Marienbad“, schreibt Marc Jacobs als Referenz dazu, einer seiner Lieblingsfilme. „Playing Video Games“, denke ich, und an Lana Del Rey.

          Winona Ryder beim Dramatic Special Jury Award im Januar Bilderstrecke

          Ich musste zu Winona Ryder immer Musik hören. Winona Ryder sah aus wie ein Lieblingslied. Es war 1991, MTV war immer noch neu hier, und Winona regierte. Der unwahrscheinlichste Star. Sie war zwanzig Jahre alt und überall. Ich kenne niemanden, der damals auch ungefähr zwanzig war und nicht in sie verliebt gewesen wäre, männlich oder weiblich. Winona, zwanzig Jahre alt, und zwanzigtausend Tagträume.

          Selbst in Filmen von damals, in denen man sie eigentlich fehlbesetzt hatte, war sie unwiderstehlich. In „Night on Earth“ von Jim Jarmusch zum Beispiel, von 1991, da spielte sie eine Taxifahrerin, die hinter ihrem riesigen Lenkrad und ihrer noch riesigeren Sonnenbrille fast verschwindet (wenn sie aussteigt, sieht man, dass sie kaum größer ist als der Wagen, den sie fährt) und die tolle Gena Rowlands vom Flughafen von Los Angeles nach Beverly Hills bringt.

          Ein Wesen aus Porzellan (mit Baseballkappe)

          Wer sollte das denn aber nur glauben: dass dieses Wesen aus Porzellan, dem Jarmusch eine Baseballkappe auf den Kopf gesetzt hat (und das auch noch vorabendserienmäßig falsch herum!), dass diese Corky, die raucht, ohne es wirklich zu können oder zu mögen, erstens Taxi fährt, zweitens keine Angst vor der Dunkelheit von L.A. hat und drittens Mechanikerin werden will, wenn sie mal groß ist. Also ungefähr so groß wie ihr Auto.

          Lustigerweise spielt Gena Rowlands in diesem Film eine Casting-Agentin, die auf der Suche nach einer Schauspielerin für eine Rolle ist und glaubt, sie endlich entdeckt zu haben: am Steuer dieses Taxis. Und dass Winona Ryder ihr Angebot dann ablehnt, weil sie ihren eigenen Plan vom Leben hat und mit der Karriere als Mechanikerin nicht warten möchte, bis sie erst mal Filmstar geworden ist, das glaubt viertens auch keiner. Aber es war Winona, und ihr gehörte dieser Augenblick, deswegen gehörte sie in diesen Film. Genau wie in die „Dracula“-Verfilmung von Francis Ford Coppola, ein Jahr später, wo das Porzellan ihres Wesens endlich zur schönen Blutleere von Mina Harker passte, der Braut des Grafen. „Once I had the rarest rose / that ever deigned to bloom“, sang Annie Lennox im Soundtrack des Films, und wieder sah Winona Ryder wie ein Lieblingslied aus.

          Es gibt das ja immer wieder im Kino, mit Schauspielerinnen. Katharine Ross sah aus wie die Kammermusikgitarren von Simon & Garfunkel in der „Reifeprüfung“ von 1967. Und Molly Ringwald wie der renitente Spätpunk von „Pretty in Pink“, zwanzig Jahre danach. Und genauso passte Winona dann Anfang der Neunziger zu den süßen, jaulenden Gitarren und den weinenden süßen Jungs mit ihren komischen Haaren und Ringel- und Karohemden, die in Filmen von Richard Linklater und Gus Van Sant herumliefen, und auf MTV. Dann kam tatsächlich eines Tages ein Song heraus, der hieß wie sie und klang wie sie, „Winona“ von den Drop Nineteens, ein schwer verträumter Krach, „it’s why I’ve got to know the truth“, sang der Sänger darauf, „was it you / who sang in Xanadu?“

          Natürlich weiß ich, dass Olivia Newton-John „Xanadu“ gesungen hat (und genauso föhnwellig aussah), aber wenn ich heute dieses Lied höre, das ihren Namen trägt, und die Winona aus „Heathers“ anschaue, aus „Edward mit den Scherenhänden“ oder „Meerjungfrauen küssen besser“ oder „Reality Bites“, wo sie zu „My Sharona“ tanzte, dann möchte ich den Scheißkerl, der sich Zeit nennt, mit dem Taxi aus „Night on Earth“ über den Haufen fahren und ihm anschließend eine Baseballkappe aufsetzen. Falsch herum.

          Jetzt ist Winona Ryder also wieder da, genau wie die neunziger Jahre wieder da sind, weil plötzlich die coolsten Kinder von heute denken, dass die coolsten Kinder von damals es so richtig raushatten. Aber das ist kein Trost, das sind nur produktive Missverständnisse (damals dachten die coolen Kinder ja zum Beispiel auch, dass es die Siebziger so richtig raushatten, was für ein Quatsch, und er hört einfach nicht auf).

          „Beetlejuice“ kehrt auch zurück

          Winona Ryder hat jetzt in einer Talkshow verraten, dass es eine Fortsetzung von „Beetlejuice“ geben wird, so heißt der wunderbare Geisterfilm von Tim Burton, der sie 1988 so richtig berühmt gemacht hat, in derselben Talkshow hat sie dann auch verraten, dass sie echt gern mal in der Fernsehserie „Portlandia“ mitspielen möchte, die in der Hauptstadt des alternativen Amerikas spielt, Portland, wohin sich die Neunziger zurückgezogen haben, um in Rente zu gehen, Piercings und Einräder und Karohemden inklusive, und wo eigentlich an jeder Straßenecke ein Denkmal für Winona Ryder und River Phoenix und Ethan Hawke und den präironischen Johnny Depp stehen müsste.

          Aber genau das hat Marc Jacobs zum Glück nicht getan, er hat Winona Ryder auf diesem Foto nicht in ein Bild aus einem Museum der verlorenen Jugend verwandelt, das trägt ja eh jeder bei sich, der damals in sie verliebt war – sondern die Frau gezeigt, zu der sie geworden ist, eine erwachsene Frau, 44 Jahre alt, die andere erwachsene Frauen bewundert, die vor ihr kamen, und versteht, wie sie zu dem wurden, was sie sind.

          Wenn auch Jim Jarmusch heute eine Fortsetzung von „Night on Earth“ drehen würde, wäre Winona Ryder die Frau auf der Rückbank, und vorn säße jemand wie Kristen Stewart und würde auch ständig „Yes, Mom“ zu ihr sagen, so wie damals Winona zu Gena Rowlands. Und das Ganze zeigt am Ende nur, was für ein sentimentaler Quatsch der sentimentale Quatsch ist, der einen immer wieder einholt, in alten Lieblingsfilmen und Liedern und Gesichtern, in denen man etwas wiedererkennt, was man mal sein wollte, haben wollte. Was man aber bekommen hat, sind diese Bilder und Lieder und Filme. In ein paar davon geht es für immer um ein Mädchen namens Winona. Mehr braucht man nicht.

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