https://www.faz.net/-gqz-97f9b

Willem Dafoe auf der Berlinale : Im Ersatzteillager

Satt und zufrieden, ohne einen Funken Inspiration: Willem Dafoe mit seinem Goldenen Ehrenbären. Bild: EPA

Willem Dafoe hat auf der Berlinale den Goldenen Ehrenbären bekommen. Lust, über sein Leben und Werk zu plaudern, hat er aber leider nicht.

          2 Min.

          Der Saal war voller junger Talente. Unruhig rutschten sie auf ihren Theatersitzen herum, reckten Hälse und Handys in die Höhe und warteten auf den Auftritt ihres Leinwandhelden. Willem Dafoe, der diesjährige Träger des Goldenen Ehrenbären, kam im schwarzen Rollkragenpullover auf die Bühne der „Berlinale Talents“ und setzte sich mit dem Versprechen, ein paar Geheimnisse preiszugeben. Die spitzen Wangenknochen von einem graumelierten Vollbart verdeckt, das wippende rechte über das linke Bein geschlagen, so wurde er vom britischen Filmhistoriker Peter Cowie zu Leben und Werk befragt.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Lust auf das Gespräch hatte Dafoe offensichtlich keine. Nur widerwillig erzählte er hier und da eine Anekdote – wie er bei den Dreharbeiten von „Heaven’s Gate“ die Aufmerksamkeit von Michael Cimino durch ein zu lautes Lachen auf sich gezogen habe, wie eifersüchtig Gene Hackmann auf ihn gewesen sei, weil er in „Mississippi Burning“ mehr Autofahren durfte als er, oder dass Martin Scorsese ihm als einzige Vorbereitung für seine Rolle als Jesus Christus aufgetragen habe, sich Pasolinis „1. Evangelium – Matthäus“ anzuschauen.

          „It's all pretending“

          Ansonsten antwortete er auf jede Frage so, als habe er sie schon tausendundein Mal beantwortet. Nein, der psychologische Realismus sage ihm nichts. Ja, er sei ein physischer, reaktiver Spieler, fühle sich eher als Sportler denn als Interpret. Wo er seine Körperlichkeit unter Beweis stellt, schien ihm mehr oder weniger zweitrangig, egal ob Drama oder Komödie, Low-Budget oder Blockbuster, Theater oder Kino – es gehe in seinem Geschäft sowieso immer nur um das Gleiche: „It’s all pretending.“

          Für Bewunderer des in mehr als hundert Filmen besetzten Schauspielers Dafoe war die Begegnung mit dem realen Menschen an diesem Berlinale-Nachmittag im Hebbel am Ufer eine herbe Enttäuschung. Weder die Fragen noch die ausgesuchten Filmausschnitte schienen ihn zu interessieren. Da saß einer, der so unbeteiligt über seine Filme sprach, als handele es sich dabei um ausgesonderte Ersatzteile für Hydraulikpumpen. Satt und zufrieden, ohne einen Funken Inspiration, ließ Dafoe die Fragerunde aus dem Zuschauerraum über sich ergehen. Lachte zu oft und zu laut, wackelte unkoordiniert mit den Füßen und beteuerte einmal mehr, wie wichtig ihm sein trainierter Körper sei.

          Geheimnisse erfuhr man keine. Dass Dafoe dieselbe Kleidergröße wie Pier Paolo Pasolini trägt, im Kino lieber Out- als Insider spielt und im Moment mit dem italienischen Pseudoästhetiker Romeo Castellucci zusammenarbeitet, waren denn schon die interessantesten Mitteilungen. Dafoes abfällige Selbstbeschreibung als „Mietschauspieler“ führte abschließend vor Augen, was Darsteller eben auch sein können: nichts als leere Hüllen, die darauf warten, mit neuem Stoff gefüllt zu werden.

          Weitere Themen

          Ein filmisches Denkmal für Vergewaltigte

          Kosovo-Krieg : Ein filmisches Denkmal für Vergewaltigte

          „Ich glaube an die heilende Kraft der Leinwand“: Eine Begegnung mit Lendita Zeqiraj, einer Künstlerin aus dem Kosovo, deren Filme von Frauen und der Gewalt gegen sie handeln, vor allem im Krieg.

          Topmeldungen

          Das Kohlekraftwerk Mehrum im Landkreis Peine

          Europas „Green Deal“ : EU will bis 2050 Klimaneutralität erreichen

          Am Mittwoch will die neue EU-Kommission ihren „Green Deal“ vorstellen, nach dem Europa bis 2050 klimaneutral werden soll. Voraussetzung ist der Kohleausstieg aller Länder. Für die vom Strukturwandel besonders betroffenen Regionen soll es Übergangshilfen geben.

          Muhammad Bin Salmans Pläne : Der Ölprinz mit der Billion

          Er ist jung und braucht das Geld: Der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman bringt den weltgrößten Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse. Damit will er nicht nur das Land reformieren, sondern auch die eigene Macht sichern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.