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Wikipedia : Wir sind Sprengstoff!

Die Einträge, so schnell sie von jedem geändert werden können, bleiben gespeichert und einsehbar, neue Versionen sind immer dem kritischen Zugriff anderer Benutzer ausgesetzt. Eine wuchernde Struktur setzt sich so in Gang, die auf die Mündigkeit und Wachsamkeit ihrer Mitarbeiter setzt. Knappe drei Minuten benötigt die „Community“ eigenen Aussagen zufolge, um einen Fall von offensichtlichem Vandalismus zu beseitigen. Auch spektakuläre Fälle von Lobbyismus konnten aufgedeckt werden, etwa als Mitarbeiter des Bundestages im NRW-Wahlkampf die Seiten der Spitzenkandidaten Peer Steinbrück und Jürgen Rüttgers frisierten. Weniger offensichtliche Fälle von Fehlinformation bleiben jedoch oft lange im Wikiarchiv stehen, und um weltanschauliche Fragen, etwa im Fall des Kreationismus oder der Abtreibungsfrage, entspinnen sich lang andauernde „Edit-Wars“, bei denen als letztes Behelfsmittel nur die Sperrung der Seite bleibt. Auch der neutrale Standpunkt, dem sich Wikipedia verpflichtet fühlt, läßt sich in solchen Fällen kaum wahren.

Eine politische Macht

Im Herzen des Projekts steckt somit die Demokratisierung der Wahrheitsfindung. Wikipedia organisiert das Weltwissen als Kompromiß und nimmt im Zuge seiner Demokratisierung seine Nivellierung in Kauf. Wenngleich man die Relativität des eigenen Anspruchs auf der Website vorbildlich darlegt, bleibt die mangelnde Qualitätskontrolle der wunde Punkt des Unternehmens. Ein „article validation feature“, das die mehrstufige Bewertung eines Artikels durch seine Benutzer zuläßt, soll hier in Zukunft zumindest partiell Abhilfe schaffen.

Vor dem stetigen Hintergrundklappern der Laptops dokumentierte der Kongreß auch das gestiegene Machtbewußtsein der Wikipedianer. „Wir sind eine politische Macht“, verkündete Wales. Er will diese Macht vor allem bei der Überwindung hierarchischer Gesellschaftsstrukturen einsetzen. Dafür steht insbesondere das Projekt „Wikinews“, eine freie Nachrichtenplattform, die in Ländern wie China zur Sprengung strenger Hierarchien und des staatlichen Informationsmonopols beitragen könnte. Weiteren Ehrgeiz verwendet man auf die Überwindung der digitalen Kluft: Das Projekt „Wikibooks“ will Ländern der Dritten Welt, in denen Computer Mangelware sind, Wissen in Form von zu Büchern gepreßten Wikipedia-Artikeln bereitstellen.

Logik von Versuch und Irrtum

Hat Jimmy Wales Wikipedia auf einen Erweiterungskurs eingeschworen, der es in einem unübersichtlichen Gemischtwarenladen enden läßt? Die zahlreichen schon vorhandenen Projekte wie „Wikisource“ (eine freie Quellensammlung), „Wikicommons“ (eine Sammlung von Text-, Bild- und Musikdateien) oder „Wikiquote“ (ein Zitatarchiv) und Zukunftsprojekte wie OnlinePublishing und E-Learning legen den Verdacht nahe, daß der Wille zur Erweiterung das Prinzip der ehrenamtlichen Mitarbeit überfordern könnte.

Skeptischen Fragen angesichts dieser selbstdekretierten Allzuständigkeit begegnen die Wikipedianer mit der entwaffnenden Logik von Versuch und Irrtum: Als nicht-kommerzielles Unternehmen könne man sich gescheiterte Projekte leisten. Wer an der Machbarkeit der neuen Vorhaben zweifelt, müsse sich auch die Frage gefallen lassen, ob er dem Unternehmen seinen bisherigen Erfolg zugetraut hätte. Eine Antwort auf die Frage nach der Verläßlichkeit ist das nicht.

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