https://www.faz.net/-gqz-9t0me

Martin Scorsese und Marvel : Wie viel Kino steckt in einem Superheldenfilm?

Film, oder schon Themenpark? Chris Evans als Captain America in „Avengers: Age of Ultron“. Bild: AP

Martin Scorsese erklärt, was die Superhelden-Franchises vom Kino, wie er es liebt, unterscheidet: Sie seien ohne Geheimnis, ohne Widersprüche, ohne Risiko.

          4 Min.

          Als Martin Scorsese in einem Interview mit dem „Empire Magazine“ kürzlich auf die Frage nach seiner Haltung zu den global marktbeherrschenden Superheldenfilmen gefragt wurde und antwortete, sie seien „nichts für ihn“ und „Themenparks ähnlicher als Filmen“, wie er sie liebt, und letztlich „kein Kino“, schien das einer Majestätsbeleidigung gleichzukommen. Scorsese wurde auf allen Kanälen heftig kritisiert. Es half auch nicht, dass Francis Ford Coppola sich auf seine Seite schlug. Scorsese ist Jahrgang 1942, Coppola wurde 1939 geboren, Scorseses immer noch vermutlich berühmtester Film, „Taxidriver“, stammt von 1976, Coppolas „Apocalypse Now“ von 1979. Ein Abgrund zwischen den Generationen wurde konstatiert, nicht immer ohne Häme. Ein Abgrund zwischen den beiden Alten und dem weltweiten meist jugendlicheren Publikum, das dem Disney-Konzern mit „Avengers: Endgame“ zum Beispiel ein Einspielergebnis weit jenseits der 2,5 Milliarden Dollar bescherte und den Film zum bis heute erfolgreichsten aller Zeiten machte. Es schien, mehr war dazu nicht zu sagen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Jetzt hat Martin Scorsese in einem Meinungsbeitrag in der „New York Times“ nachgelegt, um zu erklären, worum es ihm geht. Dass die „Franchise“-Filme ihn nicht interessierten, sei eine Frage des persönlichen Geschmacks, obwohl sie von Leuten mit „erheblichem Talent und Kunstfertigkeit“ gemacht seien. Das ist eine höfliche Verbeugung vor Filmemachern wie Christopher Nolan, Patty Jenkins oder Ryan Coogler, die alle solche Franchise-Filme gedreht haben.

          Unbekannte Universen im menschlich Fühlbaren

          Im Zentrum der Überlegungen von Scorsese steht aber tatsächlich etwas anderes als sein Geschmack. Nämlich der Verlust einer Erfahrung, der Erfahrung des Kinoerlebnisses mit Filmen, die ein Risiko in sich tragen, weil sie ihrem Publikum Türen in emotionale Räume öffnen, die dieses zuvor noch nicht betreten hat. Unbekannte Universen nicht in einem Fantasy-All, sondern im menschlich Fühlbaren. Geschichten zwischen Figuren, die wiedererkennbar sind, nicht, weil sie derselbe Konzern, der sie nun auf die Leinwand bringt, zuvor als Comicfiguren an Mann, Frau und Kind verkauft hat, sondern wiedererkennbar als Figuren mit Eigenschaften von einer gewissen Wahrhaftigkeit.

          Läuft auf Netflix statt auf der großen Leinwand: Martin Scorsese beim Dreh von „The Irishman“ mit Robert de Niro und Al Pacino.

          Das alles sind Merkmale der Filme des Kinos, mit dem Scorsese aufgewachsen ist und von dem er sich in seinem Beitrag in der „New York Times“ nun gewissermaßen verabschiedet, das er aber doch noch einmal heraufbeschwört. Dass diese Kunstform im Begriff ist unterzugehen, das liegt weniger am Alter Scorseses als unter anderem an der Marktmacht von Disney, dem Konzern, dem Marvel inzwischen gehört und den Scorsese nicht nennt.

          Das Kino lebt vom Unerwarteten

          Kino, so schreibt Scorsese, hatte für seine Generation etwas mit Entdeckungen zu tun, mit komplexen, komplizierten, manchmal paradoxen Charakteren und damit, wie sie „einander verletzten und lieben und plötzlich sich selbst ins Gesicht sehen“ müssen. Sich dem Unerwarteten stellen, so nennt Scorsese das. Natürlich ruft er Alfred Hitchcock als ein Beispiel auf, bei dem einerseits die Serialität des Werks nicht zu übersehen ist, eine gewisse „Gleichheit“, von der auch Hitchcock selbst wusste, aber doch auch jenes Unerwartete immer wieder geschah, mit dem die Kunst eine Schneise in den Kommerz schlägt. Und auch darum sei es ihm und den anderen Filmemachern seiner Generation gegangen: dass das Kino eine Kunst sei wie die Literatur, die Musik, Tanz, Bilder und Skulpturen. Und auch im Kino nimmt die Kunst unterschiedliche Formen an – wie ein Blick auf die Filme Jean-Luc Godards im Vergleich zu Sam Fuller oder Stanley Donen oder Don Siegel, die Scorsese als Zeugen aufruft, oder auch von Martin Scorsese selbst bestätigt.

          Szene aus „The Irishman“: Chuckie O’Brien (Jesse Plemons), Bill Bufalino (Ray Romano), Frank Sheeran (Robert De Niro) und Hoffa (Al Pacino) verfolgen die Nachrichten über den Tod von John F. Kennedy.

          Scorsese will also einerseits auf einen Widerspruch hinaus, der so alt ist wie das Kino selbst – auf die Kluft zwischen der Kunst und dem Geld, die auch Scorsese nicht mit jedem seiner Filme überbrücken konnte. In den Filmen aber, die er eher den Themenparks zuschlägt, existiert diese Kluft nicht mehr. Denn sie seien auf der Grundlage von Marktforschung hergestellte Produkte, getestet, neuerlich getestet, nach dem Publikumsgeschmack bis zur Konsumreife modifiziert. Jedes Risiko sei ausgeschaltet, so schreibt Scorsese. Das größte Risiko im Filmgeschäft war immer der Künstler.

          Franchises als Schrumpfform

          Das uralte Bedürfnis Hollywoods, „the whole equation“ zu erfassen, wie Scott F. Fitzgerald das in seinem unvollendet gebliebenen Roman „The Last Tycoon“ nannte: Jenseits von Netflix, wo von der Produktion zum Konsumenten jeder Schritt der Verwertungskette in einer Hand ist, sind seiner Erfüllung nur die Franchises nahegekommen, und auch nicht alle. Sie sind das perfekte Produkt für eine Industrie, die sich von dem Teil, der sich einmal der Kunst zuneigte, verabschiedet hat.

          Es hieß einmal, nur sehr wenige geniale Produzenten kennten jene Gleichung, nach der ein Film ein Erfolg werde. Mit den Franchises, die Scorsese „sequels in name, remakes in spirit“ nennt, ist ihre Schrumpfform gefunden. Es gebe keine produktive Spannung mehr zwischen Kunst und Geschäft in der Filmindustrie, sondern zwei vollkommen voneinander getrennte Sphären: die global operierende audiovisuelle Unterhaltungsindustrie – und das Kino. Zu dem immerhin zählt er noch Filmemacherinnen wie Claire Denis, Kathryn Bigelow, Regisseure wie Spike Lee, Ari Aster oder Paul Thomas Anderson. Es gibt sie also noch, die Künstler im Geschäft, aber immer weniger.

          Wo also steht Scorsese, der einen lange erträumten, lange geplanten Film, „The Irishman“, nicht fürs Kino machen konnte, sondern ihn für Netflix gedreht hat, das sich immerhin zu einem minimalen Kinostart in der nächsten Woche entschließen konnte, bevor der Film dann weltweit gestreamt wird? Er steht auf der Seite der Filmgeschichte, die aus den Kinos verschwunden ist, und vor allem auf der Seite der Filmemacher, die jenseits der Franchises arbeiten. Und für deren Filme in den Kinos, die von Superhelden leben und sonst von fast gar nichts, kaum mehr Platz zu finden ist. Auf der Seite von Filmemachern, die von der großen Leinwand träumen, aber mit ihren Filmen niemals mehr dorthin gelangen werden. Das ist ein wahrhaftiges und, wie könnte es anders sein, ein ratloses Ende.

          Weitere Themen

          Kino der heimlichen Rekorde

          Labia Theatre in Kapstadt : Kino der heimlichen Rekorde

          Das Labia in Kapstadt ist ein besonderes Lichtspielhaus. Filme laufen hier auch mal fast ein Jahr lang. Das Kino, in dem jeder Besuch zu einer kleinen Zeitreise wird, behauptet sich seit 70 Jahren – gerade deswegen.

          Topmeldungen

          Nach den britischen Wahlen : Mehr Blair fürs Volk

          Boris Johnson ist mit voller Wucht gegen die „rote Mauer“ des Labour-Herzlands gefahren und hat große Teile davon zum Einsturz gebracht. Warum fühlt man sich jetzt dennoch an einen früheren Labour-Premier erinnert?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.