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Wiedereröffnung der Kinos : In der Vorhölle

Zettel an Kinositzen markieren im Delphi Lux in Berlin-Charlottenburg die durchschnittliche Sitzbelegung unter Berücksichtigung der Corona-Auflagen. Bild: dpa

In Amerika bleiben die Kinos auch weiterhin geschlossen. In Deutschland darf man unter Auflagen wieder in den Saal. Wie geht es einem dabei? Und was heißt das für die Branche?

          5 Min.

          Ein Sommerabend in der Großstadt, mitten in der Woche. Ein Multiplex am Potsdamer Platz zur Primetime. Sonst laut und betriebsam, jetzt nur Fahrstuhlmusik und wenige Menschen. Ein kompliziertes Leitsystem führt einen in die Kinos. Buchung online, Platzwahl mit Abständen.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ein Zettel muss ausgefüllt werden, der bei der Ticketkontrolle eingesammelt wird. Oder man registriert sich vorab. Karten an der Abendkasse gibt es nur in den kleinen Häusern. Kein Geruch von Popcorn und Nachos, keine Softdrinks, nicht mal das neue Eis aus der Werbung, alle Stände sind dunkel.

          Das Programm ist seltsam gemischt. Kaum nennenswertes Neues. „Harriet – der Weg in die Freiheit“. „Eine größere Welt“ mit Cécile de France. Ansonsten erleben Filme, die kurz vor dem Lockdown kamen, ein kleines Comeback.

          Es ist der Versuch, zu retten, was noch zu retten ist. Die reduzierte Umschlagsgeschwindigkeit der Filme könnte etwas Wohltuendes haben, wenn es nicht so sehr nach Stillstand aussähe. Aber wer wollte bei den geringen Erfolgsaussichten größere Neustarts riskieren?

          Jeder ist eine Insel. Oder ein Paar

          Im Saal ist jeder eine Insel. Oder ein Paar. Es ist dasselbe Muster wie am Nachmittag im kleineren Saal eines Arthouse-Kinos in der City West. Das Corona-Sitzmuster: nicht direkt hintereinander, nur versetzt, links zwei Plätze, rechts zwei Plätze frei. Es gilt das Corona-Maß: 1,50 Meter.

          Aber zwischen welchen Punkten? Vom Sitzrand oder der Sitzmitte aus gemessen? Von der Schulter der Sitzenden? In Hamburg, erzählte ein Bekannter, messen sie von Mund zu Mund, wo die Aerosole austreten - und das bringt dann schon ein bis zwei Plätze pro Reihe. Nicht ganz unwichtig, wenn kaum mehr als 25 Prozent aller Plätze belegt sein dürfen.

          Auf der Leinwand läuft „Nightlife“, der hatte schon vor Corona 1,1 Millionen Zuschauer. Die 14 oder 15 Zuschauer, die gekommen sind, verteilen sich nicht nach dem vorgesehenen Muster. Eine Fünfergruppe bleibt beieinander. Die gleichmäßige Verteilung im Raum wird unterlaufen.

          Kleine Disziplinprobleme

          Am Nachmittag ging es disziplinierter zu. Im Grunde, denkt man, ist es ja gar nicht so schlecht, mal nur mit einer Handvoll Menschen in einem großen Kinosaal zu sitzen. Ohne Rascheln, Husten, Niesen, Tuscheln, auch ohne die Reaktionen, die, je nach Film, zu Szenenapplaus, Aufschreien, Gelächter führen.

          Entscheidend, wann immer man ins Kino geht, ist der Moment, in dem es dunkel wird. Da ist dieses alte Grundgefühl, das Walker Percy in seinem Roman „Der Kinogeher“ beschrieben hat. „Ich bin tatsächlich ganz glücklich in einem Film. Sogar in einem schlechten“, sagt Jack Bolling, die Titelfigur.

          Für 4,99 Euro kann man Elyas M’Barek, Palina Rojinski und Frederick Lau zusehen, wie sie in einer romantischen Gaunerkomödie spielen. Das ist nicht Tarantino, nicht Christopher Nolan oder der neue Bond. Genau deswegen ist eine deutsche Komödie ein guter Corona-Test. Und es ist tatsächlich ein schönes Gefühl, im Kino zu sein, es sind der Ort und die kulturelle Praxis, der Scripted Space, die einem vertraut sind.

          Zwischendurch wird sogar mal gelacht. Mehr als bei den „Känguru-Chroniken“ am Nachmittag. Vielleicht, weil man da absichtlich den kleinsten Saal gewählt hat, um dem Corona-Sitzmuster zu entgehen, weil die Chancen gut stehen, um 14 Uhr an einem Werktag fast allein in einem Kino zu sitzen, wie in Vor-Corona-Zeiten.

          Fast wie in Vor-Corona-Zeiten

          Acht Personen sind wir, zwei Kinder lachen, die Maskendisziplin ist besser als am Abend. Man wird den Film deshalb nicht gelungen finden, aber die Frage, ob man ihn lieber Zuhause auf irgendeinem Bildschirm sieht oder auf großer Leinwand im dunklen Saal, die muss man nicht stellen, wenn man mit dem Kino groß geworden ist.

          Man sollte das nun allerdings nicht verklären. Nostalgie war noch nie ein guter Ratgeber. Auch wenn sie einen schon mal befallen kann. In der „Los Angeles Times“ war in der vergangenen Woche eine Fotostrecke zu sehen: „All ligthed up with no movies to play: Hollywood theaters in limbo“.

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