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Wiedereröffnung der Kinos : In der Vorhölle

Das „Nuart“-Kino am Santa Monica Boulevard in Los Angeles.
Das „Nuart“-Kino am Santa Monica Boulevard in Los Angeles. : Bild: Polaris/laif

Geschlossene Kinos, von der Straße aus fotografiert, das pompöse „El Capitan“ oder der „Cinerama Dome“, das „Nuart“ am Santa Monica Boulevard, das in Wim Wenders’ „Stand der Dinge“ vorkam. Da sah man, wie ein Angestellter anfing, die Buchstaben „John Ford The Searchers“ abzunehmen. Heute steht da seit Wochen nur „Be Safe“.

Die Kinos sind leer, verwaist, verlassen, aber noch leuchten sie. Und das Wort „limbo“ kann nicht nur einen Schwebezustand, einen Ort des Vergessens bezeichnen. Für Katholiken meint es auch die Vorhölle.

Diese Schattenreiche in Hollywood, in der ohnehin schon seit längerem wankenden Welthauptstadt des Kinos, sind ein besonders deprimierender Anblick. In den Vereinigten Staaten ist man ferner als zuvor von einer Wiedereröffnung.

In Kalifornien sind die Infektionszahlen gestiegen, und die hoffnungsvollen Szenarien aus dem Mai stehen kurz vor dem Kollaps. Außer den Autokinos ist praktisch kein Kino geöffnet. In New York und Los Angeles, den beiden größten Inlandsmärkten, ist eine Öffnung strikt verboten. In anderen Staaten lohnte sie sich nicht.

Der Bürgermeister von Los Angeles erklärte, bei den Wiedereröffnungsplänen habe man eine „abrupte Pause“ eingelegt.

Der „Hollywood Reporter“ sprach von „Hollywood’s Reopening Dilemma“. Es besteht darin, dass die Wiedereröffnung ökonomisch immer dringender erscheint, man sich aber jetzt keinen Fehler leisten kann.

Alles wird verschoben

Deshalb wurde auch die Wiedereröffnung von Disneyland verschoben, und am selben Tag verlegte der Konzern den Kinostart von „Mulan“ auf den 21. August. Auch Christopher Nolans „Tenet“, der zum Symbol des Neuanfangs werden sollte, wurde nun auf den 12. August verlegt, wobei schon jetzt fraglich ist, ob genügend Kinos auf der ganzen Welt geöffnet sein werden, um den Film in die Gewinnzone zu bringen.

Wahrscheinlicher ist die erneute Verschiebung. Bislang ist jeder Anlauf gescheitert, zumindest eine schwache Ähnlichkeit mit dem üblichen Sommergeschäft herzustellen, der wichtigsten Saison auf dem amerikanischen Kinomarkt.

Bei Wikipedia existiert längst ein Artikel „Impact of the COVID-19 pandemic on cinema“. Dort findet man all die auf ungewisse Zeit verschobenen Produktionen und Kionstarts. Es ist eine sehr lange Liste mittlerweile, sie wird länger werden.

Zwar wird im Los Angeles County wieder gedreht, aber in bescheidenem Umfang, höchstens ein Fünftel des Normalbetriebs. Meist sind es kleinere Produktionen, die großen warten ab.

Die drei größten Kinoketten des Landes haben sich längst damit abgefunden, dass vor Ende Juli nichts passieren wird. AMC, die größte Kinokette der Welt, die zur chinesischen Wanda-Gruppe gehört (in Deutschland sind die UCI-Kinos in Wanda-Besitz), ging schon im Juni von von zwei Milliarden Dollar Verlust im ersten Quartal aus.

Kriselnde Kinoketten

Es sei nicht sicher, hieß es, dass der Konzern die Coronakrise überleben werde. Insgesamt hatte man schon im März die Einnahmeverluste in der Kinobranche auf fünf Milliarden taxiert.

Von den verschiedenen Untergangsszenarien ist man kurzzeitig verschont, wenn man das Glück hat, in Deutschland im Kino sitzen zu können, auch wenn viele den Gang trotz der Sicherheitskonzepte noch scheuen.

Für Kinos und Verleihe, auch für die Filmemacher, ist die Wiedereröffnung vor allem ein symbolischer Gewinn, keine Lösung ihrer massiven ökonomischen Probleme. Ein Neon-Zeichen, dass man sich nicht unterkriegen lässt.

Manchmal auch eine Erinnerung an bessere Tage, wie sie einen am Donnerstagabend plötzlich in einem großen alten Kino in Schöneberg überkommt. „Spiel mir das Lied vom Tod“ läuft, zu Ehren des verstorbenen Ennio Morricone. Im Normalbetrieb wäre dafür wohl kein Platz gewesen. 165 Minuten mit knapp dreißig Menschen in einem Saal mit 359 Plätzen.

Das kommt einem wie ein Märchen vor, der Film heißt halt auch im Original: „Es war einmal der Westen.“ Doch wenn das Licht angeht, sind da wieder die harten Zahlen, die quälenden Fragen, wie es weitergehen wird. Mit dem Kino. Und auch sonst.

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