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Film „Irresistible“ : Knapp am strategischen Moment vorbei

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Die Entscheidung zwischen Kuchensorten kann so beklommen machen wie die politische: Rose Bryne (links) und Steve Carell beim Grübeln. Bild: dpa

Auf die Idee, dass Wahlkampf in den Vereinigten Staaten in der Ära Trump lustig sein könnte, muss man erst mal kommen. Warum sieht „Irresistible“ in diesen Wochen trotzdem so alt aus?

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          In den Vereinigten Staaten von Amerika herrscht ein ständiger Wettbewerb darum, wo dieses vielfältige Land am amerikanischsten ist. Eigentlich sind nationale Eigenschaften ja nicht steigerbar, der Superlativ zielt hier eher auf einen Identitätskern. In Jon Stewarts Film „Irresistible“ gibt es zu dem ewigen Thema wieder einmal einen aktuellen Vorschlag: Deerlaken, Wisconsin, Rural America, Heartland USA. Dass in dieser Etikettierung eine gewisse Überladung zu erkennen ist, kündet von der Dringlichkeit der Frage.

          Denn in wenigen Wochen wählen die Vereinigten Staaten ihren nächsten Präsidenten, und da sie dabei einem altertümlichen Wahlsystem folgen, kommt es vor allem auf ein paar Staaten, und dort wieder möglicherweise auf ein paar Landstriche besonders an.

          Den Flecken Deerlaken gibt es in Wirklichkeit nicht, aber er steht für ein Ideal: ein Amerika, wie es angeblich früher einmal war, und wie es künftig wieder sein sollte. Und für ein paar tausend Wählerinnen und Wähler, auf die keiner der beiden Kandidaten verzichten könnte.

          Beitrag zur Besinnung

          Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass „Irresistible“ eine Komödie ist, die zweite Regiearbeit von dem Mann, der es wie kein anderer geschafft hat, mit Comedy-Formaten die Politik ernst zu nehmen. Jon Stewart hat mit der „Daily Show“ vielleicht mehr zum öffentlichen Gebrauch der Vernunft in Amerika beigetragen als so manche ehrwürdige Fakultät oder Zeitung. „Irresistible“ wurde nun genau für diesen strategischen Moment wenige Tage vor den (abgesagten) großen Parteiversammlungen geplant, als ein Beitrag zur Besinnung. Doch was gibt sich in Deerlaken tatsächlich zu erkennen?

          Die Geschichte beginnt damit, dass jemand in Washington auf einer Videoplattform einen Clip sieht. Gary Zimmer ist politischer Stratege. Er organisiert Mehrheiten für die Demokratische Partei. In dem Video ist ein Mann zu sehen, Jack Hastings, Colonel im Ruhestand, Bürger von Deerlaken. Er hält ein Plädoyer, das gut und gern auch von Barack Obama hätte stammen können: ein Aufruf zur Menschlichkeit, auch den Minderheiten gegenüber, die oft die dreckigen Arbeiten machen und dabei nicht einmal die staatsbürgerlichen Rechte haben. Allerdings ist Jack Hastings ein älterer, weißer Mann – und damit Teil just jener Zielgruppe, von der es heißt, sie hätte 2016 maßgeblich dazu beigetragen, dass der Bundesstaat Wisconsin überraschend in knapper Mehrheit für Donald Trump entschieden hat.

          Gary Zimmer hat eine Idee. Colonel Jack Hastings könnte doch Bürgermeister von Deerlaken werden. Dazu müsste er nur als Demokrat gegen den Republikaner antreten, der bisher dieses Amt versieht. Es wäre ein „Rennen“, wie Wahlkämpfe in Amerika gern genannt werden, auf das die ganze Nation schauen würde. Doch dazu muss Zimmer erst einmal nach Deerlaken, um sich ein Bild von den Verhältnissen zu machen, und um Hastings kennenzulernen.

          Steve Carell als Gary Zimmer und Mackenzie Davis als Diana Hastings
          Steve Carell als Gary Zimmer und Mackenzie Davis als Diana Hastings : Bild: Daniel McFadden / Focus Features

          „Irresistible“ bringt mit diesem Plot nicht zuletzt zwei markante Schauspieler zusammen: Steve Carell, bekannt geworden mit der Serie „The Office“, ist längst zu einem der prägnanten Gesichter des liberalen Hollywood geworden; erst kürzlich hat er in „Vice“ auf denkwürdige Weise den Politiker Donald Rumsfeld gespielt, einen der Urheber des Irakkriegs von 2003. Carell trifft auf Chris Cooper, einen der vielleicht besten ewigen Nebendarsteller, der mit Rollen in den politischen Dramen von John Sayles bekannt wurde („Matewan“, „Lone Star“). Cooper spielt den knorrigen Herzländer, während Carell in die Nuancen seiner notwendigerweise komplexeren Figur geht.

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