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Wie authentisch ist „Operation Walküre“? : Wir wollen der Welt vom 20. Juli erzählen

  • -Aktualisiert am

Wie verhält sich Bryan Singers „Operation Walküre” zu den historischen Tatsachen? Bild: AP

Kaum einem Film ging eine so heftige Diskussion voraus wie Bryan Singers „Operation Walküre“ über den deutschen Widerstand gegen Hitler. Wie historisch genau ist diese Produktion? Ein Gespräch mit den Drehbuchautoren Nathan Alexander und Christopher McQuarrie sowie dem Historiker Peter Hoffmann.

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          Am Donnerstag ist in den deutschen Kinos Bryan Singers Stauffenbergfilm „Operation Walküre“ angelaufen. Über die Zulässigkeit dieses Films, seiner Drehorte und seines Hauptdarstellers Tom Cruise hatte es heftige Auseinandersetzungen gegeben. Könnte ein Film wie dieser dem deutschen Widerstand gegen Hitler überhaupt gerecht werden? Ein Film voller Fehler, wie aufgrund von Drehbuchlektüren geurteilt wurde? Würde der Film die Tatsache des Widerstands gegen Hitler weltweit bekannt machen oder nur eine Hollywood-Version liefern?

          Mittlerweile hat „Walküre“ in den Vereinigten Staaten bereits über 75 Millionen Dollar eingespielt. Nicht nur in Zeitungen, auch in amerikanischen Schulen führt der Film zu lebhaften Diskussionen über den deutschen Widerstand. Umso wichtiger die Frage nach der Authentizität des Films. Der Historiker Peter Hoffmann ist international einer der besten Stauffenbergkenner. Er hat Christopher McQuarrie und Nathan Alexander während ihrer Arbeit am Drehbuch ohne Honorar informell beraten, sein Name steht in der Danksagungsliste am Filmende. Wir haben ihn mit den Drehbuchautoren zusammengebracht, um zu erfahren, wie er als Historiker den Film beurteilt - und wie die Drehbuchautoren ihre Darstellung begründen.

          Herr Hoffmann, ist es wirklich so gewesen? Ist die Geschichte, wie sie uns Christopher McQuarrie und Nathan Alexander erzählen, wahr?

          Peter Hoffmann: Ja, im Wesentlichen ist sie vollkommen wahr.

          Drehbuchautor Christopher McQuarrie: „Wir brauchten Stauffenbergs Rolle nicht zu manipulieren, um ihn im Zentrum der Geschichte belassen zu können.”
          Drehbuchautor Christopher McQuarrie: „Wir brauchten Stauffenbergs Rolle nicht zu manipulieren, um ihn im Zentrum der Geschichte belassen zu können.” : Bild: Tobias Everke

          Hätten Sie irgendwelche Zweifel an Details anzumelden?

          Hoffmann: Nicht an den Grundzügen der Geschichte, höchstens an äußerlichen Einzelheiten, wie zum Beispiel an der Darstellung der Ereignisse des 15. Juli. Ich habe für diesen Tag eine etwas andere Darstellung vorgeschlagen. Aber Nathan Alexander erklärte mir, dass es dramatisch notwendig sei, so zu verfahren, wie verfahren wurde. Dies mindert nicht die grundlegende Wahrheit der Geschichte, also den Umfang der Verschwörung und die Motivationen der Verschwörer. Und ich muss sagen, dass die Motivationen nicht nur Stauffenbergs, sondern auch anderer Akteure wie Henning von Tresckows sehr gut wiedergegeben sind, und zwar vielfach. Das kann dem Zuschauer kaum entgehen.

          Warum haben Sie in diesem Fall die historische Vorlage verändert, Mr. McQuarrie?

          Christopher McQuarrie: Im Film mussten wir in einigen Fällen Personen miteinander verschmelzen und die Zeit komprimieren. Der Vorfall vom 15. Juli, den Professor Hoffmann erwähnt, bezieht sich auf die Besprechung, die von uns in den Hitlerbunker der „Wolfschanze“ verlegt wurde, aber dort eigentlich in der Beratungsbaracke stattfand. Von einer filmischen Perspektive her und auch, um den 15. Juli vom 20. Juli zu unterscheiden, schien es uns notwendig, die beiden Attentatversuche an unterschiedlichen Orten stattfinden zu lassen. Was am 15. geschah, war sehr wichtig für die Entscheidungen, die am 20. gefällt wurden, und darum wollten wir nicht Gefahr laufen, dass der 15. aus dem Film geschnitten würde. Durch den Ortswechsel hat der Zuschauer gar nicht erst das Gefühl, eine Szene zweimal zu sehen.

          Nathan Alexander: Wir mussten eine klare visuelle Trennung zwischen den Ereignissen des 15. und 20. Juli herstellen. Wenn die Bombe am 15. Juli hochgegangen wäre, hätten wir uns natürlich nicht die Freiheit genommen, die Szene an einen anderen Ort zu verlegen. Der Plan, der das Projekt in Bewegung setzte, bestand darin, akkurat die Ereignisse des 20. Juli zu schildern. Wenn wir etwas subtil abänderten oder zeitlich rafften, geschah dies, um die Ereignisse klarer und verständlicher zu machen, ohne sie im Verlauf der Handlung erklären zu müssen. Es war uns sehr wichtig, dass nach Stauffenbergs Ankunft auf der Wolfsschanze am 20. Juli die Zuschauer ihn begleiten, seine Perspektive teilen und es keine Unterhaltung darüber gibt, was er zu bewerkstelligen hat. Wir haben den 15. Juli im Bunker spielen lassen, damit man begreift, wie die idealen Bedingungen ausgesehen hätten. Wenn Stauffenberg am 20. Juli die Beratungsbaracke betritt, versteht man, ohne dass es einem gesagt werden müsste, warum die Bombenexplosion die bekannten Folgen hatte.

          Sie mussten historische Ereignisse in ein Filmdrama verwandeln. Was war daran am schwierigsten?

          McQuarrie: Es gab nur wenige Schwierigkeiten, die Ereignisse sind wie geschaffen für eine dramatische Erzählung. Wir hatten eine klare Hauptfigur, die durch die gesamte Geschichte zu verfolgen ist. Wir brauchten Stauffenberg keine Pflichten zuzuschreiben, die er nicht hatte. Wir brauchten nicht die Rolle zu manipulieren, um ihn im Zentrum der Geschichte belassen zu können. Und hätten wir sonst über ein anderes Ende nachdenken müssen, sei es, um es kommerzieller für die Popkultur einzurichten oder um dem Film mehr Spannung oder ein größeres Geheimnis zu verleihen, sahen wir jetzt in der Tatsache, dass die Zuschauer das Ende kennen, einen Vorzug. Denn gerade weil ihnen das Los der Filmfiguren bekannt ist, empfinden sie leichter Zuneigung zu ihnen und wird die Geschichte noch spannungsreicher für sie.

          Alexander: Die größte Schwierigkeit beim Schreiben trat auf, wenn wir festlegen mussten, was auszulassen war. Im deutschen Widerstand gab es so viele bedeutende Ereignisse, dass wir uns klarzuwerden hatten, welche Geschichte wir erzählen wollten. Auch auf hundertzwanzig Drehbuchseiten und in einem Zweistundenfilm sind uns da Grenzen gesetzt. Wir mussten uns eine Geschichte herauspicken, auch wenn es viel mehr Geschichten zu erzählen gibt, wie wir aus Professor Hoffmanns Büchern wissen.

          Hoffmann: Ich hätte es gern gesehen, wenn der Plan Tresckows vom August und September 1943, das Hauptquartier Hitlers in Ostpreußen zu stürmen, mit im Film vorgekommen wäre. Ich bin 2007 zufällig auf Dokumente darüber gestoßen, die in Moskau aufbewahrt werden, eben Tresckows Plan, Hitlers, Görings, Himmlers und Ribbentrops ostpreußische Hauptquartiere zu besetzen, man rechnete mit einem Zeitpunkt im August oder September 1943 und mit der Mitwirkung bestimmter militärischer Einheiten, etwa der 18. Artilleriedivision, die damals gerade aus den Überresten der praktisch vernichteten 18. Panzerdivision aufgebaut wurde. Ich fragte mich, warum es gerade diese Division sein sollte, und stellte fest, dass der Kommandeur der Division in enger Verbindung mit Generaloberst Beck stand. Außerdem war der Führungsoffizier (Ia) der Division ein Sohn von Generalfeldmarschall von Kluge, der von Tresckow eingeweiht war. Es passte also auf einmal alles zusammen. Es ist eine faszinierende Geschichte, und vielleicht müssten Christopher McQuarrie und Nathan Alexander auch darüber mal einen Film machen.

          McQuarrie: Ja, eine Miniserie!

          Mussten Sie gewisse Charaktere verändern oder dramatisch zuspitzen, um der Filmgeschichte mehr Spannung zu verleihen?

          McQuarrie: Die Figur, die uns die größte Mühe bereitete, war Goerdeler. Wir brauchten in der Gruppe eine Zentralfigur, die in Konflikt mit Stauffenberg geraten und so für einen Ideenaustausch sorgen konnte. Es geht nicht, dass alle ein und derselben Meinung sind, denn ohne Konflikt gibt es kein Drama. Goerdeler bot sich dafür an, weil er mit Stauffenberg nicht immer einverstanden, ja manchmal gegensätzlicher Meinung war. Auch wenn es nie viel Zeit in einer Erzählung gibt, strengten wir uns wirklich an und nahmen uns viel Zeit, zu verstehen, wer er war und woran er glaubte. Er ist in unserer Geschichte aber wohl die Figur, die am wenigstens von allen der Wirklichkeit entspricht. Bei den anderen Figuren konnten wir dagegen meist auf ihre eigenen Worte zurückgreifen. Die Gruppendynamik war da deutlich zu erkennen, was uns sehr gefiel. Am meisten bedaure ich, dass ich nicht mehr Zeit mit den Verschwörern verbringen konnte. In unserem ersten Drehbuch, als wir noch einen viel kleineren Film planten und das Budget schon dafür gesorgt hätte, dass wir vor allem in geschlossenen Räumen drehten, ging es noch um die moralische Untermauerung des Komplotts und weniger um das Komplott selbst. Ironischerweise hätte uns also der kleinere Film erlaubt, die Figuren ausführlicher zu entwickeln, was dann leider wiederum auf Kosten der größeren Geschichte und ihrer Wichtigkeit gegangen wäre.

          Hoffmann: Ich will noch einmal auf Goerdeler zurückkommen. Waren Sie mit der physischen Ähnlichkeit des Schauspielers Kevin McNally mit Goerdeler zufrieden? Im Film gibt es da Unterschiede. Mertz von Quirnheim ist leicht erkennbar, Olbricht auch, und Tom Cruise ist fast Stauffenbergs Doppelgänger, sehr überzeugend. Nina Gräfin Stauffenberg überzeugt ebenfalls. Beck habe ich sofort erkannt, ehe er ein Wort gesagt hatte, Goerdeler und Tresckow erkannte ich nur an ihrer Rolle.

          McQuarrie: Uns war es am wichtigsten, Schauspieler zu finden, die die Charaktere verkörpern konnten. Am Anfang unserer Suche stand für uns das dramatische Werk. Physische Ähnlichkeit war uns zweitrangig, mit Ausnahme von Figuren wie Hitler und Göring und Goebbels und Himmler, die alle erkennbar sind bis hin zur Karikatur. Wenn wir einen Schauspieler fanden, der äußerlich der historischen Figur entsprach, aber sie auch dramatisch verkörpern konnte, empfanden wir dies als Bonus. Kevin McNally und Kenneth Branagh, der Tresckow spielt, haben wir weniger wegen ihrer physischen Ähnlichkeit als wegen ihrer schauspielerischen Fähigkeiten ausgewählt. David Schofield ist bedeutend jünger als Erwin von Witzleben, den er verkörpert, und einen Schnurrbart hat er auch nicht, aber die gewisse Haltung, mit der er auftritt, und die gewisse Energie, die er ausstrahlt, entsprachen, wie wir fanden, genau der Figur aus dem Drehbuch.

          Hoffmann: Als Figur wirkt Tresckow ausgezeichnet, in seinem Fall vergisst man gleich, dass Branagh ihm nicht ähnelt ...

          McQuarrie: Er hat schon mal viel Haar!

          Hoffmann: Er hat viel zu viel Haar!

          Aber fanden Sie, Herr Hoffmann, einmal abgesehen von den physischen Ähnlichkeiten, die Filmfiguren im Einklang mit ihren historischen Gegenbildern?

          Hoffmann: Ja, mit Einschränkungen für den Fall Goerdeler, wie Chris erwähnte ...

          McQuarrie: ... ist es wegen seiner Rolle als Figur im Konflikt mit Stauffenberg unvermeidbar, dass er in der dramatischen Struktur des Drehbuchs als Widersacher Stauffenbergs erscheint oder dass es so empfunden werden konnte. Es war aber nicht unser Ziel, aus ihm einen Widersacher zu machen. Wir haben da Zeile um Zeile mit uns selbst gekämpft. Das beste Gegenmittel, fanden wir heraus, war es, bestimmte Dinge zu streichen, statt sie hinzuzufügen. Wir strichen Zeilen in Auseinandersetzungen, auch in der Szene, in der er sich dagegen sträubt, weggeschickt zu werden, als ihm erzählt wird, dass der Haftbefehl gegen ihn ausgestellt war. Tom war oft bei diesen Dreharbeiten dabei, er hat sich die Szene immer wieder angeschaut und gesagt: Ihr müsst mehr tun, damit man ihn als Teil der Gruppe erkennt und weniger als Außenseiter. Die Szene, auf die wir besonders stolz waren, ist seine Abschiedsszene. Er, der immer Vorbehalte gegenüber der Verschwörung hatte, übernimmt im Augenblick, als er gehen muss, die volle Verantwortung, wendet sich Stauffenberg zu, mit dem er so lange im Konflikt lag, und sagt: Viel Glück! Er versteht, dass die Idee, ein Attentat zu verüben, gesiegt hat. Wir fanden es zulässig, ihn im ganzen Film im Konflikt mit Stauffenberg zu zeigen, weil er dabei für die moralische Möglichkeit kämpfte, keinen Mord zu begehen. Goerdeler kämpfte für eine friedliche Lösung, Hitler zu stürzen. Darum war der Konflikt für uns ein annehmbarer Kompromiss. Aber in dem Dokumentarfilm, den wir über „Valkyrie“ gedreht haben, wie auch hier jetzt im Gespräch ist es uns wichtig, dass die Leute unseren Standpunkt begreifen. Wir wissen, dass Goerdeler viel einflussreicher und wichtiger war, als wir es zeigen konnten.

          Hoffmann: Das ist ganz ausgezeichnet, denn es erlaubt dem Film, die zivile Dimension der Verschwörung miteinzubeziehen. Goerdeler selbst war ja zerrissen, er wollte das Ergebnis des Attentats, aber nicht das Attentat. Er forderte Stauffenberg schließlich auf, das Attentat zu begehen, und auch wenn er das nicht direkt tat, ließ er ihm doch die Nachricht zukommen, dass er nun zur Tat schreiten solle. Zugleich wollte er nicht, was Sie jetzt Mord nennen.

          McQuarrie: Auch aufgrund einer solchen Komplexität mussten wir eine Auswahl treffen, denn es war uns am wichtigsten, dass das größere Bild des Widerstands klar zu erkennen war. Es ging weniger darum, was eine Figur sagt. Wichtiger war es, zu zeigen, dass es innerhalb der Gruppe Differenzen gab, dass aber alle Mitglieder das gleiche Ziel verfolgten und nur über die Methode, es zu erreichen, unterschiedlicher Meinung waren, dass es Fehlstarts gab und bis zum letzten Augenblick einige Ungewissheit darüber, wie die Sache anzustellen ist. Während es Fragen zu Details geben könnte, herrscht am Ende doch der Eindruck vor, dass all diese Menschen gut waren, dass sie das gleiche Endresultat anstrebten, dass keiner von ihnen das alles auf die leichte Schulter nahm, dass keiner es als Fait accompli und Kleinigkeit ansah, Adolf Hitler zu ermorden. Wir haben versucht, jedem Mitglied der Gruppe eine besondere Ansicht und Manier zuzuschreiben, auch wenn sie in der historischen Wirklichkeit allesamt mit diesen Problemen zu ringen hatten. Die Herausforderung des Drehbuchs und dann auch des Films lag darin, nicht so sehr, bei allem Respekt, ein deutsches Publikum, sondern den Rest der Welt mit der Verschwörung und ihren komplexen Fragen vertraut zu machen. Wir wussten von Anfang an, dass die Deutschen die Geschichte bis zu einem gewissen Grade oder häufig sogar genau kannten. Den Film aber nur für Deutsche zu drehen hätte bedeutet, vor den Bekehrten zu predigen. Deswegen wollten wir ihn auf dem beschriebenen Niveau machen, und zwar in englischer Sprache. Wir wollten auch Anderen diese Geschichte erzählen.

          Dazu habe ich gleich noch eine Frage, aber zuvor noch einmal zu Stauffenberg: Welche Motivation schreiben Sie, Mr. McQuarrie und Mr. Alexander, ihm zu, und stimmen Sie, Herr Hoffmann, den beiden Drehbuchautoren dabei zu?

          Alexander: Von unserem ersten Tag in Berlin an wussten wir, dass wir das irgendwie im Drehbuch anpacken müssten, und im ersten Drehbuchentwurf hatten wir das, wie ich glaube, noch nicht richtig getan. In unseren Gesprächen mit Professor Hoffmann hat er auf nichts mehr Wert gelegt als das Motiv: Wenn ihr nicht das Motiv herausarbeitet, scheitert ihr mit dem Film. Wir haben wirklich hart gearbeitet, um das Motiv angemessen darzustellen, und ich hoffe, es ist uns gelungen. Professor Hoffmann kann das besser beurteilen als einer von uns beiden.

          Was war in Ihren Augen nun Stauffenbergs Motivation?

          Alexander: Tresckow beschreibt Stauffenbergs Motiv am besten, in Worten, die er an die Verschwörer richtet. Sie müssten, wie er sagt, das Attentat versuchen, um dem Rest der Welt zu zeigen, dass nicht alle Deutschen wie Hitler waren. Es war eine moralische Entscheidung. Sie sahen, wie Greuel begangen wurden, und ohne diese Greuel und den Holocaust, so zitiert Professor Hoffmann in einem seiner Bücher jemanden, hätte es womöglich keinen 20. Juli ...

          Hoffmann: ... hätte es bestimmt keinen 20. Juli gegeben! Das hat Axel von dem Bussche gesagt. Die erste Aussage Stauffenbergs, dass Hitler gestürzt werden müsse, war eine Reaktion auf einen Bericht über den Massenmord an Juden im Osten. Dies war im April 1942. April 1942! Es hatte nichts mit Stalingrad zu tun, nichts mit Tunesien, nichts mit dem Verlauf des Krieges. Tresckow sagte 1943 zu Margarethe von Oven, als sie über die Notwendigkeit eines Attentats auf Hitler sprachen: Es hat nichts damit zu tun, dass der Krieg verlorengeht, sondern damit, dass Zehntausende von Juden umgebracht werden. Stauffenberg sprach zu ihr von den Unmenschlichkeiten und der Schande der Verbrechen. - Berufssoldaten rebellieren nicht, wenn es zu Rückschlägen kommt. Es mag Armeen geben, in denen Soldaten angesichts einer Niederlage weglaufen, aber dazu gehört nicht die deutsche Wehrmacht. Das wäre eine absurde Vorstellung. Es ist wegen des Mordes an den Juden, darum müssen wir ein Attentat unternehmen, sagte Tresckow zu Margarethe von Oven, wir werden sonst zu Komplizen des Regimes. Das war genau auch Stauffenbergs Ansicht. Er äußerte sich im Laufe des Jahres 1942 mehrfach dazu, im April, im Mai, im August 1942 sogar zweimal. Er nahm immer zu dieser Frage Stellung, aber auch zur Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener. Das geschah schon 1941, also ziemlich früh im Krieg, als man Hunderttausende von Kriegsgefangenen nicht ernähren und beim Ausbruch von Typhus medizinisch nicht versorgen konnte. Stauffenberg ging auch auf die Behandlung der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten ein, er schloss aber immer die Juden ein, und oft erwähnte er sie an erster Stelle. Und das gilt auch für Tresckow und Axel von dem Bussche. Bussche reagierte auf das, was er im Herbst 1942 sah, indem er zuerst fragte, wie so etwas passieren konnte, und dann zu dem Schluss kam, dass es dafür einen Plan geben und eine Regierungsanweisung vorliegen müsse, dass folglich die Regierung zu stürzen sei. Er war damals dreiundzwanzig Jahre alt.

          McQuarrie: Es wird behauptet, sie hätten versucht, Hitler zu töten, weil er den Krieg schlecht geführt habe oder auch weil sie glaubten, es besser machen zu können. Jedem, der nur ein bisschen Zeit und Mühe aufgewandt hat, die Schriften der Verschwörer zu lesen oder etwas über ihr Verhalten im Vorfeld des 20. Juli herauszufinden, müssen solche Erklärungen außerordentlich beschränkt vorkommen. Die Verschwörer folgten einem starken moralischen Impuls. Während wir den Film drehten, hat Tom uns vorgeschlagen, jedes Wochenende das Drehbuch zu lesen, dabei die schon gedrehten Szenen zu überblättern und die noch zu drehenden Szenen im Kontext dessen zu lesen, was wir bereits gedreht hatten. Nach dem zweiten oder dritten Durchlesen kamen uns Bedenken, dass die Zuschauer glauben könnten, Stauffenbergs Verhalten sei das unmittelbare Resultat seiner Verwundung in Tunesien. Tom bot uns daraufhin eine einzigartige Chance. Er bestand darauf, dass wir den Anfang des Films, die Einführung Stauffenbergs und die Episode in Afrika, zurückstellten und den Film ohne diese Teile zusammensetzten. Dann erst sollten wir entscheiden, was noch am Anfang zu sagen sei, um die Motive der Verschwörer absolut klar heraustreten zu lassen. Das war eine Anweisung direkt von Tom, eine ungewöhnliche Situation, und wenn ich das jetzt jemandem erzähle, werde ich immer gefragt: Was hast du also getan? Wir haben achtzig Prozent des Films gedreht, alles zusammenmontiert und dann erst entschieden, wie er anfangen sollte. Für uns Drehbuchautoren war das ein ungeheurer Luxus, denn wir waren in der Lage, Kurskorrekturen anzubringen. Aber all das diente nur dazu, die Motive der Verschwörer herauszuarbeiten und dem Publikum deutlich zu machen, dass der Kern ihres Handelns aus einer starken moralischen Überzeugung bestand - keiner nationalistischen und keiner militaristischen.

          War Stauffenberg vor seiner Bekehrung nicht ein überzeugter Nazi?

          Hoffmann: Keineswegs! Stauffenberg war nie Nazi. Erstens gab es dafür einen formalen Grund im Wehrgesetz von 1921, das Soldaten jede Art politischer Aktivität verbot, darin eingeschlossen die Zugehörigkeit zu gleichgültig welcher Partei. Soldaten durften nicht einmal wählen. Das Verbot blieb den Krieg hindurch bestehen, bis zum 20. Juli, und erst danach war Wehrmachtsmitgliedern erlaubt, in die NSDAP einzutreten. Die reguläre SS, eine Parteiorganisation, war von der Regel ausgenommen, aber für SS-Mitglieder im militärischen Einsatz war die Parteimitgliedschaft vorübergehend aufgehoben. Über diesen formalen Aspekt hinaus ist im Hinblick auf Stauffenbergs Anschauungen festzustellen, dass er 1932 Hitler in der Tat als Kandidat für das Präsidentenamt Hindenburg vorzog, Hindenburg schien ihm zu alt. Stauffenberg selbst war ein junger Mann, was seine Meinung vielleicht verständlich werden lässt. Er äußerte sie nur im privaten Gespräch, wählen konnte er ohnehin nicht. Sobald aber Hitler an der Macht war, scheute Stauffenberg nicht vor herabsetzenden Kommentaren zurück, die dokumentiert sind. Er missbilligte die Vulgarität und die Brutalität des Regimes, er war abgestoßen von Übergriffen, bei denen Leute zusammengeschlagen und Ladenfenster zertrümmert wurden, nicht erst 1938, sondern bereits 1933. Politischen Parteien begegnete er überhaupt mit Geringschätzung. Darin könnte sich der Einfluss seiner Verbindung mit Stefan George bemerkbar machen, aber das zu behaupten wäre ein wenig spekulativ.

          Wann hat Stauffenberg begriffen, was Hitler vorhatte?

          Hoffmann: Wie die meisten anderen Leute hat Stauffenberg, im Gegensatz zu Moltke, anfangs nicht verstanden, dass Hitlers Propagierung der Volksgemeinschaft und der Aufbau der Wehrmacht allein dazu dienten, einen neuen Krieg zu beginnen und auch alle Juden zu ermorden, was, wie ich meine, seit den zwanziger Jahre Hitlers Absicht war. Es dauerte einige Zeit, bis die Leute das erkannten. Wann Stauffenberg zum Gegner Hitlers wurde? Ein genaues Datum kennen wir nicht, eine solche Entwicklung ist differenziert. Ich behaupte aber 1939. Denn im März dieses Jahres schrieb Stauffenberg Generalmajor von Sodenstern zwei Briefe, und in einem davon schrieb er kaum verschlüsselt, die Armee könnte gezwungen sein, der Regierung die Exekutivgewalt um der Nation willen zu entziehen, wenn die Regierung das Land auf den falschen Weg führte: Das Offizierkorps müsse nicht nur um die Integrität der Armee im engeren Sinn kämpfen, sondern um das Volk, den Staat selbst, weil das Soldatentum und damit das Offizierkorps der wesentlichste Träger des Staates und die eigentliche Verkörperung der Nation seien. Der Coup war also vorausgedacht, im März des Jahres 1939.

          Wenn in „Operation Walküre“ jetzt der deutsche Soldat Stauffenberg als Held auftritt, geraten nicht nur Hollywood-Klischees ins Wanken. In einem Porträt des Regisseurs Bryan Singer war in der „New York Times“ zu lesen, der Film verspreche mit seinem Sujet viel Aufmerksamkeit schon allein dadurch zu erregen, dass er Gefahr laufe, den Gegenmythos eines verbreiteten Widerstands zu erschaffen. Können Sie diesem Argument folgen? Ist das auch eine Ihrer Sorgen?

          McQuarrie: Eine solche Aussage beruht auf einer häufig anzutreffenden, vermessenen Ignoranz. Die Wahrheit ist, dass es einen weiter verbreiteten Widerstand gab, als man erwarten könnte. Am Komplott des 20. Juli waren Tausende von Menschen beteiligt, von anderen Widerstandsbewegungen gar nicht zu reden. Es war das letzte von fünfzehn bekannten Komplotts, die von Deutschen gegen Hitler geschmiedet wurden. Wir waren sehr vorsichtig mit dieser Zahl. Wir wollen damit nicht sagen, es habe nur fünfzehn Attentatversuche von fünfzehn Gruppen gegeben. Wir definieren einen Attentatsversuch als ein Komplott, das irgendwie in die Tat umgesetzt wurde. Insgesamt haben wir etwa dreißig Verschwörungsbewegungen gefunden, zudem aber gab es auch noch viele Deutsche, die es nicht vermochten, ihren Widerstand zu verwirklichen. Mehrmals schon haben nun Leute mit großer Gewissheit den Film angegriffen, weil sie meinten, er verzerre etwas, das sie für wahr halten, obwohl das, worüber wir berichtet haben, absolut wahr ist. Darin zeigt sich auch die Stärke von sechzig Jahren Popkultur, die jene Zeit in die einfachsten Termini kleidet: Wir haben im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis gekämpft. Die Wahrheit aber lautet: Die Alliierten haben gegen Deutschland und Japan gekämpft, und innerhalb Deutschlands gab es die NSDAP, die Wehrmacht, die SS mit zwei Zweigen. Es war ein viel komplexeres Bild als das uns vertraute. Wer aber seine Hausaufgaben gemacht hat, muss zugeben, dass dieser Film auf Ernst und Wahrheit gründet und dass es einen deutschen Widerstand gab. In einem Polizeistaat, in dem keine freie Meinungsäußerung, keine Opposition erlaubt war und Sophie Scholl und ihr Bruder enthauptet wurden, weil sie Flugblätter verteilten, stellen nach meiner Meinung tausend Leute, die gegen die Regierung kämpfen, einen weitverbreiteten Widerstand dar.

          Glauben Sie, Herr Hoffmann, dass ein Zuschauer, der nichts von Stauffenberg und dem deutschen Widerstand weiß, durch „Valkyrie“ einen falschen Eindruck bekommt?

          Hoffmann: Ich glaube nicht, dass der Film irgendetwas vereinfacht, dass er irgendetwas falsch akzentuiert. Es ist schließlich ein Film über die Verschwörung, muss also auch von der Verschwörung handeln ...

          McQuarrie: ... und wie wir diese Verschwörung zeigen, musste, aufgrund filmischer Beschränkungen, kleinformatiger sein, als sie es in Wirklichkeit war. Am Komplott waren viel mehr Leute beteiligt, als wir je in unserer Geschichte hätten zeigen können. Der Vorwurf, wir hätten bei der Zahl der Beteiligten übertrieben, ist haltlos. Das Gegenteil ist der Fall. Die Sachzwänge haben es uns gar nicht erlaubt, das ganze Ausmaß des Widerstands vorzuführen.

          Was wollen Sie mit dem Film bezwecken?

          McQuarrie: Für mich persönlich ... Jetzt werde ich etwas sagen, womit ich wahrscheinlich in arge Schwierigkeiten gerate, aber ich muss es sagen. Wenn man über gleichgültig welche Kultur eine pauschale Behauptung aufstellen kann, dann kann man eine pauschale Behauptung über jede Kultur aufstellen. Wenn man sagt, dass alle Deutschen unter Hitler Nazis waren, kann man so auch jede andere Kultur verurteilen. Man kann nicht in Gemeinplätzen über eine Kultur, eine Nation, ein Volk urteilen. Die Geschichte war hier nun zu dem Ergebnis gelangt, dass die einfachste Erklärung auch die klarste sei. Daran nehme ich Anstoß. Es darf solche Gemeinplätze nicht geben.

          Waren Sie sich bewusst, als Sie das Drehbuch schrieben, dass Sie damit das Bild Deutschlands in der Welt verändern könnten?

          McQuarrie: Ich würde nie wagen, mir das anzumaßen. Ich gebe nicht vor, zu hoffen, dass der Film etwas anderes sein könnte als ein Film, der etwas Licht auf ein weniger bekanntes Kapitel der deutschen Geschichte wirft. Ich weiß nicht, wie er sich auf das Bild Deutschlands auswirken könnte. Wir haben uns das nicht ausgemalt, wir haben es auch nicht in Betracht gezogen. Wir fanden das Thema einfach faszinierend und wollten ein Drama daraus machen. Als wir das Drehbuch schrieben, nahmen wir an, dass, aus rein kommerziellen Gründen, ein solcher Film nie gedreht würde. Ich erzählte einem Filmproduzenten in Berlin von meiner Idee, und er meinte, dass es sicher einen besseren Nutzen für meine Zeit gebe. Eine Geschichte ohne amerikanische, nur mit deutschen Soldaten! Ein amerikanischer Filmemacher, der einen Film über den Zweiten Weltkrieg drehen will, ohne Amerikaner! Filmfiguren, die ihr Ziel verfehlen und ein schlimmes Ende finden. Wie ist damit Geld zu machen? Ich habe eine Karriere daraus gemacht, eine Geschichte zu verfolgen und dabei den Dollar zu vergessen. Aus Erfahrung wusste ich, dass es keine Chance für das Drehbuch gab. Nathan und ich haben deshalb gar nicht versucht, einen Hollywoodfilm zu drehen. So konnten wir uns darauf beschränken, nur die Wahrheit zu erzählen. Und die Wahrheit ist so faszinierend, dass eine gute Geschichte dabei herauskommen muss. Um nicht vergeblich zu arbeiten, entschlossen wir uns, ein Drehbuch zu schreiben, das wir selbst für wenig Geld in einen kleinen, intimen Film verwandeln könnten. Als Bryan Singer dazukam, sagte er mir, er wolle den Film machen, gerade weil er so intim sei. Er wollte ohne den Druck, den jede große Hollywoodproduktion verursacht, in einem Film, der ihn interessierte, Regie führen. Dann trafen wir Tom, nicht als Schauspieler, sondern als Chef von United Artists, und Tom las das Drehbuch, fand es toll und sagte, wir brauchten viel mehr Geld, als wir verlangten. Er erkannte die Möglichkeiten der Geschichte und entschloss sich, diese Möglichkeiten zu fördern. Jetzt fragen wir uns, wie wir in dieses Scheinwerferlicht gelangt sind. Diesen Film hätte es so nie geben sollen. Dass es ihn gibt, ist auch ein Beweis für die Überzeugungskraft der Geschichte, die er erzählt.

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