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Wie authentisch ist „Operation Walküre“? : Wir wollen der Welt vom 20. Juli erzählen

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War Stauffenberg vor seiner Bekehrung nicht ein überzeugter Nazi?

Hoffmann: Keineswegs! Stauffenberg war nie Nazi. Erstens gab es dafür einen formalen Grund im Wehrgesetz von 1921, das Soldaten jede Art politischer Aktivität verbot, darin eingeschlossen die Zugehörigkeit zu gleichgültig welcher Partei. Soldaten durften nicht einmal wählen. Das Verbot blieb den Krieg hindurch bestehen, bis zum 20. Juli, und erst danach war Wehrmachtsmitgliedern erlaubt, in die NSDAP einzutreten. Die reguläre SS, eine Parteiorganisation, war von der Regel ausgenommen, aber für SS-Mitglieder im militärischen Einsatz war die Parteimitgliedschaft vorübergehend aufgehoben. Über diesen formalen Aspekt hinaus ist im Hinblick auf Stauffenbergs Anschauungen festzustellen, dass er 1932 Hitler in der Tat als Kandidat für das Präsidentenamt Hindenburg vorzog, Hindenburg schien ihm zu alt. Stauffenberg selbst war ein junger Mann, was seine Meinung vielleicht verständlich werden lässt. Er äußerte sie nur im privaten Gespräch, wählen konnte er ohnehin nicht. Sobald aber Hitler an der Macht war, scheute Stauffenberg nicht vor herabsetzenden Kommentaren zurück, die dokumentiert sind. Er missbilligte die Vulgarität und die Brutalität des Regimes, er war abgestoßen von Übergriffen, bei denen Leute zusammengeschlagen und Ladenfenster zertrümmert wurden, nicht erst 1938, sondern bereits 1933. Politischen Parteien begegnete er überhaupt mit Geringschätzung. Darin könnte sich der Einfluss seiner Verbindung mit Stefan George bemerkbar machen, aber das zu behaupten wäre ein wenig spekulativ.

Wann hat Stauffenberg begriffen, was Hitler vorhatte?

Hoffmann: Wie die meisten anderen Leute hat Stauffenberg, im Gegensatz zu Moltke, anfangs nicht verstanden, dass Hitlers Propagierung der Volksgemeinschaft und der Aufbau der Wehrmacht allein dazu dienten, einen neuen Krieg zu beginnen und auch alle Juden zu ermorden, was, wie ich meine, seit den zwanziger Jahre Hitlers Absicht war. Es dauerte einige Zeit, bis die Leute das erkannten. Wann Stauffenberg zum Gegner Hitlers wurde? Ein genaues Datum kennen wir nicht, eine solche Entwicklung ist differenziert. Ich behaupte aber 1939. Denn im März dieses Jahres schrieb Stauffenberg Generalmajor von Sodenstern zwei Briefe, und in einem davon schrieb er kaum verschlüsselt, die Armee könnte gezwungen sein, der Regierung die Exekutivgewalt um der Nation willen zu entziehen, wenn die Regierung das Land auf den falschen Weg führte: Das Offizierkorps müsse nicht nur um die Integrität der Armee im engeren Sinn kämpfen, sondern um das Volk, den Staat selbst, weil das Soldatentum und damit das Offizierkorps der wesentlichste Träger des Staates und die eigentliche Verkörperung der Nation seien. Der Coup war also vorausgedacht, im März des Jahres 1939.

Wenn in „Operation Walküre“ jetzt der deutsche Soldat Stauffenberg als Held auftritt, geraten nicht nur Hollywood-Klischees ins Wanken. In einem Porträt des Regisseurs Bryan Singer war in der „New York Times“ zu lesen, der Film verspreche mit seinem Sujet viel Aufmerksamkeit schon allein dadurch zu erregen, dass er Gefahr laufe, den Gegenmythos eines verbreiteten Widerstands zu erschaffen. Können Sie diesem Argument folgen? Ist das auch eine Ihrer Sorgen?

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