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Wes Anderson im Kino : Sieht wie Paris aus, ist es aber nicht

  • -Aktualisiert am

Versuch über die Jukebox: Timothée Chalamet und Lyna Khoudri in der Episode „Revisions to a Manifesto“ aus dem Film „The French Dispatch“ Bild: AP

Eine filmisch nachgeträumte Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, rätselhaft verdichtet zwischen Slapstick und bitterem Ernst: Wes Andersons „The French Dispatch“ läuft ab Donnerstag im Kino.

          3 Min.

          Die französische Hauptstadt heißt jetzt Ennui-sur-Blasé. Das ist ein bisschen albern, aber albern sind Filme von Wes Anderson ja oft – in ihrer Niedlichkeit, in ihrer ausgestellten Künstlichkeit, in ihrer Art der Karikatur. Manche lieben sie genau dafür, andere mögen sie eben deswegen für blasiert oder gar langweilig halten – und vielleicht spricht Anderson, einer der selbstreferenziellsten Regisseure überhaupt, solche Kritiker durch den Städtenamen ja auch schon ironisch mit an.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Das Überparis also, mit seinem verrückten Metronetz (schon der Plan ist ein Kunstwerk), seinen himmelblauen Citroëns und rabenschwarzen Taschendieb-Gassen, wurde in Angoulême nachgebildet – in der aufgrund ihres Festivals so bezeichneten Hauptstadt des Comics also, wohl auch nicht zufällig. Denn Anderson-Filme funktionieren nicht nur oft nach einer Comic-Ästhetik aus durchkomponierten Einzelbildern, die man, angehalten, stundenlang ausdeuten könnte, sondern sie haben sogar, auch in diesem Fall, Passagen, in denen der Spielfilm in den Zeichentrickfilm kippt, um vollends surreal zu wirken.

          Eintauchen ins Wimmelbild

          Meist steht ein Gebäude oder eine Struktur mit verschiedenen Kammern im Mittelpunkt seiner Filme – eben „The Grand Budapest Hotel“ (2014), das Haus der „Royal Tenenbaums“ (2001) oder das Exkursionsschiff Belafonte in „Die Tiefseetaucher“ (2004). Bei Kamerafahrten, die alle Wände sprengen, wird dann in Wimmelbild-Manier das parallel in den Kammern stattfindende Leben gezeigt. Hier nun ist es eine Zeitungsredaktion, die so dargestellt wird und dem Film seinen Titel gibt: „The French Dispatch“. Diese fiktive Zeitung ist Andersons Hommage an den Magazinjournalismus des 20. Jahrhunderts: Im Dispatch spiegeln sich Elemente des New Yorker, des Paris Review sowie des britischen Criterion. Der Chefredakteur des Dispatch (gespielt von Bill Murray) ist inspiriert von Harold Ross, dem Gründer des New Yorker.

          Die Rahmenhandlung des Films dient Anderson als Alibi dafür, drei märchenhafte Episoden zu erzählen, die auf Artikeln über ganz unterschiedliche Sujets beruhen könnten: über die Kunstkritikerin J.K.L. Berensen (Tilda Swinton) und einen wahnsinnigen Maler, der im Gefängnis sitzt (Benicio del Toro) und seine Wärterin (Léa Seydoux) in ein Meisterwerk der abstrakten Kunst mit dem Titel „Simone, Naked, Cell Block J. Hobby Room“ bannt; über die Liebe zur Zeit der Studentenrevolte von 1968 in einem Dreieck aus Timothée Chalamet, Lyna Khodri und Frances McDormand oder über eine absurde Kindesentführung, die von einem Polizei-Koch beendet wird. Allen Episoden eigen ist die für Anderson typische Mischung aus Slapstickkomödie und bitterem Ernst, die in ihrer Rätselhaftigkeit oft noch lange nachwirkt.

          Ein Herz von einem Chefredakteur: Bill Murray in „The French Dispatch“
          Ein Herz von einem Chefredakteur: Bill Murray in „The French Dispatch“ : Bild: Festival Cannes

          Ausdrücklich macht Anderson dabei visuelle Verbeugungen vor dem Kino eines De Sica, Renoir, Truffaut, Godard und noch vieler anderer, die in einem liebevoll gestalteten Presseheft auf einer langen Empfehlungsliste mit Filmwerken aufgeführt werden. Doch damit nicht genug: Auch Andersons Drehbuch entspringt einem journalistisch-schriftstellerischen Universum, das von Janet Flanner und Joseph Mitchell bis zu James Thurber und James Baldwin reicht (Jeffrey Wright spielt hier den exzentrischen Roebuck Wright, der eine Mischung aus Baldwin und Tennessee Williams darstellt). Die längst nicht vollständige Liste der Vorbilder für Figuren macht deutlich, dass Anderson mit diesem Werk eine Art didaktisch-enzyklopädischen Ansatz verfolgt, den man vielleicht mit Bob Dylans Vorsingen eines kulturgeschichtlichen Kanons in „Murder Most Foul“ vergleichen kann: Es geht beiden in einer Gegenwart, in der trotz gigantischer Archive vielen Jüngeren vieles nicht mehr bekannt ist, wohl um ein Festhalten und Bewahren kultureller Leistungen, immer im Modus der traumhaft überhöhten Erinnerung oder teils sogar der Parodie.

          Ein Gastauftritt von Jarvis Cocker

          Das betrifft nicht zuletzt eine Figur, die im Film fast nur akustisch auftaucht: Der Britpop-Sänger Jarvis Cocker schlüpft in die Rolle des fiktiven Chansonniers Tip-Top, der an den 2020 gestorbenen Sänger Christophe erinnern soll. Die Rolle muss Cocker so gefallen haben, dass er gleich ein ganzes Album mit „Chansons d’Ennui Tip-Top“ aufgenommen hat und darauf seinerseits Hommagen gibt, etwa an den rauchig-lasziven Sprechgesang von Serge Gainsbourg. Das Album erscheint parallel zum Film, dessen Soundtrack von Alexandre Desplat ansonsten auf die bei Anderson bewährte orchestrale Jazzmusik setzt.

          Keine Frage: Diesen Film in allen seinen Anspielungen zu verstehen erfordert Arbeit, so wie Kunst es manchmal tut. Aber es könnte sehr schöne Arbeit sein. Eine einfache Botschaft, die bei Wes Anderson immer wiederkehrt und hier auf ganz unterschiedliche Weise durchscheint, lautet: Man muss sich Mühe geben und bei allem sehr sorgfältig sein. Dann kann etwas Schönes entstehen.

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