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Wes Anderson & Beck : Unsere analogen Zwillinge

Der amerikanische Filmregisseur Wes Anderson (links) und der amerikanische Popkünstler Beck Bild: David Silpa/UPI/face to face, picture alliance/AP

Sie sehen sich ähnlich und waren Wunderkinder. Beide haben gerade Meisterwerke hingelegt. Beide haben Heimweh nach Selbstgebasteltem. Über den Regisseur Wes Anderson und den Popmusiker Beck - und ein bisschen auch über die Physiognomie der Gegenwart.

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          Ich habe seit langem einen Albtraum: dass ich eines Nachts mit dem Auto an einer Ampel halte und neben mir hält noch ein Auto, das genauso wie meines aussieht und in dem ich auch am Steuer sitze, und wir starren uns an, und es wird und wird nicht grün.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Zum Glück habe ich gar kein Auto. Aber so ungefähr könnte es sein, wenn sich der amerikanische Filmregisseur Wes Anderson und der amerikanische Popmusiker Beck begegnen.

          Die beiden sehen sich nämlich zum Verwechseln ähnlich. Beide haben blondes, halblanges Haar, eine spitze, blasse Nase und eine Neigung zum ironischen Anzug. Sie sind auch fast im gleichen Alter: Wes Anderson wurde 1969 in Houston geboren, Beck Hansen 1970 in Los Angeles. Beide stammen aus Künstlerfamilien. Und beide haben in diesem Frühjahr Meisterwerke hingelegt, die wie die Essenz ihrer bisherigen Arbeit wirken: Der eine hat einen Film namens „Grand Budapest Hotel“ aus dem untergegangenen Mitteleuropa gemacht und der andere eine Platte namens „Morning Phase“ aus dem untergegangenen Kalifornien.

          Zweimal nostalgische Utopien also, denn beides, Mitteleuropa wie Kalifornien, sind ja eher Landschaften des Geistes gewesen.

          Alles ist von Hand gemacht

          Trotzdem erzählen beide, Anderson wie Beck, damit von heute. Denn der Film wie die Platte sind auf ihre Weise Ausdruck eines Bedürfnisses, das offenbar immer stärker wächst, je weiter die Welt technologisiert und die Warenwelt monopolisiert und je mehr digitale Zwillinge in Serie angefertigt werden: Angesichts fast grenzenloser Möglichkeiten digitaler künstlerischer Arbeit haben Beck und Wes Anderson nämlich alles von Hand gemacht. Sie haben sich künstlich beschränkt, um freier arbeiten zu können. Damit es leichter aussieht und klingt.

          Der eine hat seine Geschichte um ein mondänes Hotel der Zwischenkriegszeit in gebastelten Modellkulissen (und in den stehengebliebenen Altbauten von Görlitz) gefilmt, der andere seine schwebend-atmosphärischen Inneneinsichten mit einer Band eingespielt, die so auch 1967 aufgetreten sein könnte: Hammond-Orgel, Pedal-Steel-Gitarre, Klampfe, Gesang.

          Anderson und Beck sind zwar nicht mehr so jung, dass man da von programmatischen Entscheidungen einer neuen Generation sprechen könnte, beide sind ja Mitte vierzig, doch genau darum geht es. Und es ist nichts, was diese beiden blonden Männer allein für sich gepachtet hätten. Die Regisseurin, Autorin und Künstlerin Miranda July, die Schriftstellerin und Illustratorin Leanne Shapton, Kate und Laura Mulleavy vom Modelabel Rodarte, die Sängerin Catpower, die Schauspielerin Greta Gerwig, die mit Andersons Freund und Drehbuchpartner Noah Baumbach zusammen ist: Sie alle arbeiten am gleichen Projekt einer Lösung komplexer Probleme der Gegenwart durch Vereinfachung der ästhetischen Mittel, mit denen sie geschildert werden.

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