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Atteyat Al Abnoudy im Stream : Filme mit starker Kruste

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Atteyat Al Abnoudy ist eine der wichtigsten Dokumentarfilmerinnen des ägyptischen Kinos. Bild: Arsenal Institut für Film und Videokunst e.V.

Die ägyptische Dokumentarfilmerin Atteyat Al Abnoudy hat in kurzen Werken grundsätzliche Veränderungen ihrer Heimatgegend festgehalten. Das Berliner Arsenal-Kino verhilft ihr im Stream zu einer eindrucksvollen Werkschau.

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          Das Dorf Abnoud, 600 Kilometer südlich von Kairo am Nil gelegen, hat eine Sehenswürdigkeit: die Bahnstrecke nach Luxor. Ab und zu taucht einer der Luxuszüge auf, mit denen die Touristen befördert werden. Die Kinder hängen sich dann an die Bahnschranke und lassen sich vom Fahrtwind ein wenig kühlen. „Keiner dieser Züge hält jemals an“, heißt es in dem Kurzfilm „The Sandwich“ von Atteyat Al Abnoudy, einer der wichtigsten Dokumentarfilmerinnen des ägyptischen Kinos. Abnoud dient ihr als Beispiel für die Ungleichzeitigkeiten, von denen ihr Land in seinem Bemühen um Fortschritt geprägt ist, Bild eines Lebens, das sich seit Jahrtausenden kaum verändert hat. Das Mehl kommt aus einer Handmühle, dem Feuer unter dem Backofen wird von Kinderhand nachgelegt, und in einer besonders bezeichnenden Szene bricht ein Junge eines der „Sandwiches“, wie der Verleihtitel ein wenig missverständlich sagt, er holt den weichen Teig hervor, bis er nur noch die vielversprechende Kruste vor sich hat, und dann melkt er die Milch einer Ziege direkt in den Hohlraum.

          Atteyat Al Abnoudy (1939 bis 2018) war eine außergewöhnliche Frau. Sie hat mit der Kamera über fast drei Jahrzehnte die Entwicklung ihres Landes begleitet. In den letzten Jahren wurden ihre Filme restauriert, derzeit sind sie in einer Retrospektive des Berliner Arsenalkinos online zu sehen (noch bis 8. Juni). Man bekommt in diesen kurzen Filmen ein Bild von einer Nation, die sich auf dem Weg in die Moderne wähnte, als Atteyat Al Abnoudy um 1970 anfing, nach einem Studium am Cairo Higher Institute of Cinema Filme zu machen. Ägypten hatte damals eine reiche Filmproduktion, die den ganzen arabischen Raum versorgte, allerdings war es nicht alltäglich, dass eine Frau sich auf Dokumentarfilme verlegte.

          In die Tiefe des Landes

          Das Interesse, von dem Atteyat Al Abnoudy sich leiten ließ, wird aus „Into the Depth“ (1979) besonders deutlich. Sie geht hier „in die Tiefe“ ihres Landes, auf eine Fahrt an den oberen Nil, auf der alle Stationen genau protokolliert werden: Die Region Minia hat sieben Schulen, in denen 2200 Kinder unterrichtet werden. „Into the Depth“ begleitete die Arbeit eines christlichen Schulverbandes, der sich in Alphabetisierungskampagnen engagierte. Die Madrasen (heute kennt man den Begriff fast nur für Koranschulen) waren koedukativ, zwischen Christen und Muslimen gab es kaum Barrieren.

          Blick in die Tiefe des Landes - Szene aus Atteyat Al Abnoudys Film „Into the Depth“
          Blick in die Tiefe des Landes - Szene aus Atteyat Al Abnoudys Film „Into the Depth“ : Bild: Arsenal Institut für FIlm und Videokunst e.V.

          Diesen Alltag als Herausforderung für Projekte der Modernisierung schilderte Atteyat Al Abnoudy in „Rhythm of Life“ (1988), einem ihrer Hauptwerke. Schon mit dem Titel verweist es auf ein Konzept zyklischer Zeit, versinnbildlicht in den zahlreichen Kreisbewegungen, die das Handwerk der Menschen prägen: die Ölmühlen, die Brunnen, der Lehm für die Ziegelproduktion, immer wieder sieht man Tiere im Kreis laufen, die mit ihrer Kraft den überlieferten Kulturtechniken dienlich sind. Seit den Tagen der Pharaonen hat sich dieses Leben kaum verändert, heißt es beinahe mit Stolz. Die Schulbildung der Kinder soll aber für die nächste Generation fast alles verändern.

          Es sind „Permissible Dreams“, die sich auf diese Veränderungen richten, „Zulässige Träume“. So heißt ein Film aus dem Jahr 1983, der eine Frau aus der Suezkanalzone porträtiert. Eine einzige ihrer Töchter kann eine höhere Schule besuchen, alle anderen aber werden mehr oder weniger sofort in den Arbeitsalltag integriert. Nach sieben Mädchen und fünf Jungen wird schließlich der Reproduktionszyklus unterbrochen: die Frau nimmt nun die Pille, ein deutliches Indiz für die neue Zeit.

          Blick auf die Menschen, die gigantische Opfer brachten

          Der Suezkanal ist für die nationale Erzählung Ägyptens von kaum zu überschätzender Bedeutung. Auch Atteyat Al Abnoudy hat in dieser Gegend immer wieder gedreht. Der jüngste Film in der aktuellen Arsenal-Retrospektive heißt „Buyers and Sellers“ (1992). Die ersten zehn Minuten geben, mit zahlreichen historischen Fotografien, einen Bericht von der Entstehung des Kanals zwischen dem Mittelmeer und dem Roten Meer. Hervorgehoben wird das gigantische Opfer, das die einfachen Menschen, die Bauern, bei den Bauarbeiten brachten. Diese heroische Leistung wird in der Gegenwart der frühen neunziger Jahre konterkariert durch eine neue profitierende Klasse, die in der Kanalregion die angestammte Bevölkerung zu verdrängen beginnt, weil sich die Küste dort als tourismusgeeignet erweist. Ein Fischerhafen findet sich plötzlich eingezwängt zwischen Hotelpiers, reiche Leute aus Kairo beginnen die Kanalstraße abzusperren, damit niemand ihren Villen zu nahe kommt.

          Seit Jahrtausenden kaum verändert: Szene aus dem Kurzfilm „The Sandwich“
          Seit Jahrtausenden kaum verändert: Szene aus dem Kurzfilm „The Sandwich“ : Bild: Arsenal Institut für Film und Videokunst e.V.

          „Wir haben niemand, an den wir uns wenden können“, klagen die Leute, „sollen wir uns bei Präsident Bush beklagen?“ Der Verweis auf den obersten Schirmherrn der Globalisierung deutet an, was auch in vielen anderen Zusammenhängen eine Rolle spielt: die koloniale Vergangenheit Ägyptens, seine Rolle in den geopolitischen Allianzen, auch das spielt bis in die Tiefe des Alltags der Menschen hinein. In dem Dichter Amal Donqol, dem Atteyat Al Abnoudy 1990 einen Film widmete, fand sie schließlich eine Symbolfigur für ihre Mission im Dienste einer Einigung des Landes durch Lesen, Schreiben und Rechnen. Er stammte aus Oberägypten und entfremdete sich mit seiner urbanen Bildungsgeschichte jedoch nicht von dem Volk, dem er entstammte. Er schrieb ein „sophisticated colloquial Arabic“, gelegentlich erwiesen sich auch Waffengeschäfte mit der kommunistischen Tschechoslowakei als literaturfähig – ein weiteres Indiz dafür, dass Kultur immer auch nationale Angelegenheit ist.

          Die Dokumentarfilme von Atteyat Al Abnoudy sind kulturelles Erbe Ägyptens, aber auch ein wichtiges Zeugnis eines internationalen Aufbruchs, denn vergleichbare Motive wie bei ihr findet man in diesen Jahren in sehr vielen Entwicklungs- oder Schwellenländern, wie man damals sagte. Die Filme von Abbas Kiarostami aus dem vorrevolutionären Iran könnte man gut danebenstellen. Das Arsenal, eine der wichtigsten Kino-Institutionen des Bundes in der Hauptstadt, hat das VOD-Angebot Arsenal 3 in der Pandemie als Alternative zu den geschlossenen Sälen aufgestellt. Mit Angeboten wie der Retrospektive zu Atteyal Al Abnoudy zeichnen sich Möglichkeiten einer künftigen integrierten Programmierung ab: Dann kann auch ein Publikum außerhalb von Berlin an den reichhaltigen Archiv-Schätzen und internationalen Kooperation des „Instituts für Film und Videokunst“ teilhaben.

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